David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Woody Allen – A Documentary

Natürlich ist das eine sehr vorhersehbare Kiste. Wenn ein Fan sich eine Dokumentation über einen seiner „Stars“ anschaut – na, dann wird das wohl kaum ein Verriss werden. Auch dieser sympathische Misanthropen-Blog hier wird da selbstredend keine Ausnahme machen. Warum sollte er auch, verliert sich doch auch Regisseur Robert B. Weide bei seiner „Documentary“ über den amerikanischen Filmemacher in fragwürdiger Ehrerbietung. Dass der Komiker in den 90er Jahren mal ebenso von seiner Ehefrau Mia Farrow auf seine blutjunge Adoptivtochter, nun, übergewechselt ist, das wird in der Dokumentation geradezu hinweggezwinkert. Gut, dass mag daran liegen, dass neben diversen illustren Plaudergästen aus der langen Karriere Allens gerade Mia Farrow offensichtlich noch immer wenig Lust daran verspürt, am Legendenstatus ihres Ex-Mannes mitzuwirken. Auch, dass Woody Allen in 40 Jahren Kinomacherei  wie jeder andere überproduktive Mensch auch allerhand Schrott produziert hat, der einfach einmal nicht hätte sein müssen, kommt arg kurz. Wie auch die Tatsache totgeschwiegen wird, dass Woody Allen, da kann selbst der Fan den Kritikern kaum widersprechen, doch im Grunde seit Jahren den immer gleichen Film neu herausbringt.

Anknüpfungspunkte hätte der Film dabei viele gegeben, allen voran Woody Allens Meisterwerk „Manhattan“, in dem er zu Beginn der 80er Jahre die Story entwarf, wie sich ein kreativer Mann mitten in der Midlife Crisis plötzlich an eine 17jährige Schülerin klammert. So weit wäre der Schritt zu seiner Adoptivtochter da wohl nicht gewesen.

Wer also die journalistische Handschrift des Regisseurs erwartet, der wird bitter enttäuscht. Robert B. Weide erzählt die Karriere von Woody Allen mit viel Liebe und Lust am Detail nach, doch seine eigene Kunst versteift sich eher darauf zu sammeln und chronologisch sauber abzuarbeiten. So hangelt er sich also durch die Jahrzehnte, doch so man Woody Allen gesonnen ist, wird auch das sehr sehenswert. Vor allem die vielen Schnittstellen, die gerade deutschen Filmfreunden weniger bekannt sein dürften, werden hier anhand von alten Aufnahmen nacherzählt. So zum Beispiel, dass Woody Allen in der amerikanischen Öffentlichkeit zu Beginn viele Jahre lang bekannt war als eine Art US-Bully Herbig. Ein begnadeter Stand pp-Comedian und Quatschmacher, der dauernd in Talkshows auftrat und Slapstick-Filme drehte, bei denen es dem halbwegs intellektuellen Publikum schlichtweg die Fußnägel vom Zeh haute. Bis er sich in einer HauRuck-Aktion dazu entschloss, lieber auf sein ursprüngliches Talent, nämlich Gags am Fließband zu erfinden, ab und an zu trennen. Und mehr über das Verhältnis der Menschen zueinander zu erzählen. Und so klar einem diese Wendung heute auch erscheinen mag, damals war das mehr als nur ein Wagnis, denn wer möchte schon ein ernstes Drama von Bully Herbig sehen? So ganz geschafft hat er den Sprung in die Herzen der Amerikaner lange nicht, die Filme wurden in Europa begeistert aufgenommen, in den USA aber reichte es trotz diverser Oscar-Erwähnungen nur zu bescheidenen kommerziellen Erfolgen. Was die Dokumentation dementsprechend auszeichnet ist, dass Weide seinen Fokus auch die ernste Seite des Humoristen nicht vernachlässigt. Im Gegenteil, seine düsteren und vollkommen pointenfreien „Stardust Memories“ ziehen sich als Roter Faden durch die gesamte Betrachtung. Und auch der an Bergman erinnernde Stoff von „Innenansichten“ wird eingebunden.

Dass Mia Farrow just während der Dreharbeiten zu „Ehemänner und Ehefrauen“ am Telefon erfuhr.,dass ihr Mann es lieber mit seiner Tochter trieb als mit ihr – und sie den Streifen dennoch professionell zu Ende brachte, inklusive intimem Drehbuch-Liebestalk mit Allen, zeigt, dass die Zerwürfnisse der Geschlechter, die wohl niemand so gut porträtiert wie Woody Allen, wohl niemals erfunden sind.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 18. Juli 2012 von in Journalist, Rezensionen und getaggt mit , , , , , , , , , , .
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