David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Verschwör dich gegen dich (und deine Wunden öffnen sich)

Es gehört zum landläufigen Handwerksinventar eines jeden Misanthropen, Nihilisten, Existentialisten oder auch einfach nur hochdepressiven, gefühlsverhangenen Menschen, sich in bester Ventil-Manier mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder selbst zu verletzen. Ja, der Wahnsinn hat bekanntlich Methode und so hat auch die lustvolle Selbstzerstörung einen tieferen, sehr befreienden Sinn. Die physische Selbstverletzung, zumeist leider Charakteristikum junger Frauen, ist hier im selben Atemzug zu nennen wie Spielsucht, Drogensucht, Alkoholismus oder der Suizidversuch. Doch nicht jeder emotional gestrandete (oder sich zumindest als ein solcher begreifende) Mensch ist geschaffen für derlei drastische Schritte und so gibt es sie in fast jedem Freundeskreis und in jeder Verwandtschaft, in jeder Bürogemeinschaft und in jeder Nachbarschaft, jene verbalen Grenzgänger, denen ihr Hang zur Selbstzerstörung kaum anzumerken ist, die ihn deswegen aber noch lange nicht mit mehr Nachsicht betreiben. Im Gegenteil, sind es oftmals doch gerade jene Menschen, die einen durchaus gesitteten, gefestigten und normalen Eindruck machen (was immer das nun ist), deren Unfähigkeit ihr Leben zu führen sich jedoch nur zwischen den Zeilen erschließt und erst mit den Monaten oder Jahren abstrusere Formen annimmt. „Bis einer weint“ ist dabei nicht nur jener altbacken-pädagogische Spruch, den Eltern ihren Kindern ganz gerne als Mahnung und Warnung hinterherrufen, sondern auch das Credo eines jeden autodestruktiven Verbalfaschisten. Das – manchmal bewusste, oftmals aber auch unbewusste – Ventil solcher Menschen besteht darin, nur mittels ihrer Worte andere Leute zu verstören und zu verletzen. Nicht jedoch, um ihnen weh zu tun, sondern einzig und allein mit dem Ziel sich selbst zu zerstören. Ihre Befriedigung ist der offensichtliche Ekel der anderen, der Moment, in dem sich jeder verständnislos abwendet, das Gefühl auf eine felsenfest zementierte Wand aus Fassungs- und Verständnislosigkeit zu stoßen durch das, was gesagt wurde, was an den Kopf geworfen wurde. Und so ist es der einzige große Lebensantrieb jener autodestruktiven Verbalfaschisten, mit dem eigenen Kopf immer wieder gegen just diese Mauer zu schlagen, so lange und so oft bis eben dann tatsächlich jemand weint. Viele vermeintliche seelische Verletzungen werden gerade von Menschen begangen, deren Bestreben es gar nicht ist jemand anderen zum Weinen zu bringen, sondern die lediglich beständig angetrieben werden wie besinnungslos auf sich selbst einzuschlagen, sich selbst zu zerstören, aus ihrer Unfähigkeit Glück zu erfahren und Glück zuzulassen eine seitenverkehrte Tugend zu machen und ihre Befriedigung somit im sich selbst beigebrachten verbalen Schmerz zu finden. Sehr viele Künstler sind von diesem Verhaltensmuster befallen, jener bewussten Brüskierung anderer, was von der Umwelt dann ganz gerne als Charisma, Spleen oder auch exaltierte Arroganz missverstanden wird. Charlie Sheen dürfte ein solcher Kandidat sein, Thomas Bernhard war ganz gewiss einer, auch der Schauspieler Helmut Berger erscheint in diesem Zusammenhang nicht unverdächtig. Auf den Sänger Iggy Pop trifft es ganz sicher zu, auch Rainer-Werner Fassbinder oder Klaus Kinski dürften in diesen Rahmen fallen und denkt der Autor dieser Zeilen darüber nach, wie viele Freunde er bewußt verprellt hat, wie viele seiner Beziehungen er sehenden Auges zerstört hat und wie viele Menschen er mit bewusst gesetzten Lügen brüskiert hat, nur, um diesen wunderbaren Aufschlag des Entsetzens zu spüren, die Dosis dessen, was die Umwelt an Unverschämtheiten hinzunehmen bereit ist, immer weiter zu erhöhen, bis er wirklich baden gehen kann in diesem ihm entgegenschlagenden Meer aus Unverständnis und Ekel, dann kommt er nicht umhin sich selbst der bewussten Selbstzerstörung zu bezichtigen.

Ein Pamphlet des Jammers? Mitnichten, ergibt sich doch gerade aus dieser Fähigkeit, den eigenen Untergang zu inszenieren, eine ungeahnte Möglichkeit der Reflektion und Bewusstseinserweiterung. Gemäß dem Ton, Steine, Scherben-Leitspruch „Macht kaputt was Euch kaputt macht“ ist die Zerstörung des eigenen Selbst eine Befreiung. Vorausgesetzt natürlich, sie wird einem Feldzug gleich strategisch geplant und verwirrt sich nicht beständig in suizidalem Chaos. Sich selbst wieder und wieder ad absurdum zu führen und mit all seinen menschlichen Konstruktionsfehlern als fehlerhaft, ungenügend und hochgradig verletzlich zu präsentieren ist unser einziger Weg zur Schwerelosigkeit, unsere einzige ganz große Chance. Zu leben bedeutet, zwangsläufig und stetig an den Gegebenheiten der Realität zu scheitern, die sich uns unsere Existenz fast täglich präsentiert. So sehr wir uns auch bemühen, so heftig wir auch die Lebensfreude und den Optimismus in unseren Alltag integrieren – unsere Existenz findet in erster Linie im Angesicht des Todes statt, unser Scheitern ist somit vorprogrammiert und nur natürlich, die Desillusion unserer Träume und Sehnsüchte unvermeidlich. Was bleibt, ist eine kümmerliche, aber sehr wichtige Auswahl. Entweder als desillusionierter Illusionist zu enden, wie alle Optimisten und Menschen standardisierter guter Laune. Oder aber doch lieber als illusionierter Desillusionist.

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