David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Batman und die böse Welt

Die Frage war absehbar, sie musste ja kommen, ist sie doch so alt wie die moderne Unterhaltungsindustrie: Trägt der Regisseur des Films „The Dark Knight Rises“, Christopher Nolan, zumindest eine Mitschuld am Amoklauf von Denver? Und mit ihm eine ganze Industrie, die seit Jahrzehnten dazu tendiert möglichst brutale und zerstörerische Machwerke auf die Leinwand zu bringen?

Neu ist die Überlegung wahrlich nicht, auch in Deutschland kennen wir sie, wenn auch eher im Zusammenhang mit Computerspielen. Wann immer hier bei uns ein Massaker stattfindet, wie das von Erfurt oder Winnenden, dann kocht die Diskussion für einen kurzen Moment hoch – und versandet dann doch relativ schnell wieder. Besser als die Amerikaner, bei denen nach derartigen Katastrophen auch immer nur sehr kurz darüber nachgedacht wird, ob das nationale Verhältnis zum Waffenbesitz vielleicht doch eine Spur zu freizügig sein könnte, sind wir in dem Punkt „Aufarbeitung“ allerdings auch nicht. Heiße Milch, die überquillt und dann ganz schnell von der Herdplatte verschwindet.

Die Frage als solche jedoch wird bestehen bleiben, natürlich. Trägt Goethe die Schuld daran, dass sich nach der Veröffentlichung seines Werther ganze Heerscharen unglücklich Verliebter in kruder Romantik in den Freitod begaben? Haben Stanley Kubrick mit „Clockwork Orange“ und später dann Oliver Stone mit seinen „Natural Born Killers“ dafür gesorgt, dass aus eher gewöhnlichen jugendlichen Kleinkriminellen sich selbst glorifizierende Psychopathen werden konnten? Und wäre mein eigenes Leben vielleicht etwas positiver verlaufen, hätte ich nicht so oft zu Büchern von Thomas Bernhard gegriffen, nicht so oft zu Musik von Joy Division – und überhaupt nicht ganz so oft dieses fulminante Bild namens „Der Schrei“ angestarrt?

Sicherlich, das Statement von Batman-Regisseur Nolan ist eine bodenlose Frechheit: „Das Filmtheater ist mein Heim“, hat er als Reaktion auf die Morde von Aurora verlauten lassen. „Und die Vorstellung, dass jeman diesen unschuldigen und hoffnungsfrohen Ort auf so unerträglich brutale Weise verletzen kann, finde ich verheerend.“

Mit Verlaub, das ist scheinheilig. Oder wahlweise auch blind.

Denn natürlich haben Filme und Bücher, Computerspiele und Videoclips eine Wirkung auf einen Jeden, der sie betrachtet. Nur deswegen floriert ja auch der Umgang mit ihnen. Würden sie komplett an uns vorbeilaufen, so gäbe es kein Hollywood, kein Amazon, kein YouTube. Sie berühren uns also. Womit wir aber auch gleich beim Freispruch für alle Kunst- und Medienschaffenden wären. Denn berührt werden wir nur von dem, was eh in uns vorhanden ist. Was das vermeintlich „Böse“ angeht, sind alle Menschen tickende Zeitbomben, sind doch unsere Urinstinkte dementsprechend angelegt. Denn das Böse ist leider nicht das Böse, es ist das Normale, dass wir in unserer heutigen Gesellschaft jedoch so gut es geht unterdrücken wollen, da es keinen Platz mehr hat in dem Konstrukt, dass wir als „moderne Zivilisation“ begreifen. Über 180 000 Jahre hat dieses Böse für unser Überleben gesorgt und ohne dieses Böse gäbe es uns jetzt, im Jahr 2012, schlichtweg nicht. Ein derartig natürlicher Mechanismus verschwindet dementsprechend auch nicht einfach so, nur weil es uns seit wenigen tausend Jahren ganz gut in den Kram passen würde.

Von Menschen ausgelöste Katastrophen und an Mitmenschen begangene Verbrechen gab es schon immer und es wird sie auch immer geben. Auch Amokläufe sind keine Erfindung der vergangenen 40 Jahre. Jetzt zu behaupten, dass Batman die Schuld am Massaker von Denver trägt, ist also leider Quatsch. Das eine bildet die Natürlichkeit des Menschen ab. Und das andere ist die Natürlichkeit.

Doch noch immer trägt jeder Mensch selbst die Verantwortung für sein Handeln. Und nur er selbst.

Auch wenn es, zugegeben, eine ganz wunderbar einfache Lösung wäre alles einem Film in die Schuhe zu schieben.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. Juli 2012 von in Journalist und getaggt mit , , , , , , , , , , .
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