David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Hohelied auf die Todesstrafe, Lobgesang auf den Stierkampf

Okay, etwas plakativ ist das schon. Sich mal eben so hinstellen und behaupten, dass Stierkampf und Todesstrafe gar keine Übel sind, sondern sehr honorable Errungenschaften. Pädagogisch wertvoll und für den Fortbestand der Menschheit von enormer Wichtigkeit sogar. Nein, so richtig hip ist ein solches Statement mit Sicherheit nicht. Und eben plakativ genug, um den Verdacht zu erregen, dass es hier gar nicht um die Sache als solche geht, sondern einfach nur um diese plumpe Lust am anecken.

Lehnen wir uns also ein wenig zurück, verlassen unseren marktschreierischen Fensterplatz und schauen genauer hin. Und versuchen uns den beiden Begrifflichkeiten – Todesstrafe und Stierkampf – etwas pragmatischer zu nähern. Todesstrafe und Stierkampf gelten, das kann wohl so klar gesagt werden, als gestern, als Ausdruck einer menschen- und naturverachtenden Handlungsweise, über die sich zumindest die westliche Gesellschaft spätestens mit der Aufklärung doch bitteschön hinweggesetzt haben sollte. Auch moralisch betrachtet ist längst klar, dass beides Auslaufmodelle sind, die sich – wie dereinst unsere Atomkraftwerke – nur noch von einer Laufzeitverlängerung in die nächste hangeln. Bis sie dann halt endlich weggestorben sind, die letzten verknöcherten und eben ewiggestrigen Befürworter von Wahnsinn und Sadismus.

In unserer Wertegemeinschaft sagt ein guter Mensch also ganz klar NEIN zum Stierkampf. Und nur ein schlechter Mensch sagt JA. Der erste gilt als tolerant und open-minded. Der zweite hingegen als borniert und blockiert, mit Schlagseite in Richtung Komplexbewältigung.

Aber ist es wirklich so einfach? Nein, natürlich ist es nicht so einfach, denn wäre es das, Todesstrafe und Stierkampf wären längst abgeschafft. Doch es gibt sie weiterhin, jene geistig offenbar etwas zurückgebliebenen Menschen, die sich nur so schwer von diesem Mist trennen können. Und ja, einer dieser geistig etwas Minderbemittelten scheint nun ausgerechnet der hier Schreibende zu sein. Wie, so fragen wir uns also, hat es nur dazu kommen? Der Junge hat doch immer alles gehabt, treusorgende Eltern, Abitur, ein kulturbasiertes Studium, Reisen um den halben Globus. Wie kann es sein, dass ein solcher Mensch dennoch in eine derartige Dämlichkeit verfallen kann, solch archaische Traditionen zu verteidigen, ja sogar toll zu finden?

Womit wir beim kleinen, aber feinen Unterschied wären: verteidigen und befürworten – ja, toll finden – nein.

Packen wir also, mit Verlaub, den Stier nun endlich bei den Hörnern. Und gestehen uns zunächst einmal ein, dass unsere westliche Kultur zu einer Rowenta-Kultur verkommen ist. Rowenta, das sei denjenigen erklärt, die nun so überhaupt nicht konservativ sind, ist eine Firma, die sich unter anderem der Herstellung von Bügeleisen verschrieben hat. Unsere westliche Gesellschaft ist also glattgebügelt. Und wie es derzeit aussieht sind wir noch immer dabei mit unfassbar heißem Dampf eine Falte nach der anderen aus ihr zu entfernen. Nehmen wir als stellvertretendes Beispiel die Sprache der Political Correctness, ja überhaupt dieses ganze Diskriminierungs-Geschrei dieser Tage. Der Mensch ist ein Herdentier, es ist Teil seiner Überlebensstrategie sich in Gruppen zu organisieren, nach Innen zu streicheln und nach außen zu treten. Dass jemand von Gruppe A jemanden von Gruppe B beleidigt ist also normal, es ist vollkommen menschlich, es ist auch keine Verrohung, sondern es muss sogar so sein. Selbst, wenn Gruppe A Homosexuelle sind und Gruppe B Asylbewerber. Was vor noch gar nicht langer Zeit also als vollkommen akzeptiert und völlig normal galt wird plötzlich hysterisch behandelt. So hysterisch, als ginge es in jeder Auseinandersetzung um Atomwaffen oder Menschenhandel. Oder jene von uns so oft verdammte wachsweiche Politikersprache. Wem haben wir dieses Phrasengedresche denn zu verdanken, wenn nicht uns selbst? Die Politiker haben exakt an dem Tag damit begonnen wie Puppen zu sprechen, an dem wir aufgehört haben sich klar artikulierende Menschen zu wählen. Der Beweis dafür wird noch immer täglich erbracht, nachzulesen in der Tageszeitung Ihrer Wahl. Wer unangenehme Wahrheiten ausspricht und nicht davor zurückscheut auch eigene Parteifreunde zu kritisieren, der wird von uns abgelehnt. Dabei ging es in der parlamentarischen Demokratie ursprünglich doch um Diskussionsbereitschaft, um die Macht des klaren Wortes. Und so wie wir unsere Sprache also zunehmend optimieren wollen, so wollen wir ganz offensichtlich auch jegliches natürliches Verhalten optimieren. Ja, wir schleifen an unseren Gesellschaftsmodellen herum, schleifen nach und nach jede Ecke und jede Kante ab, auf dass sich nur niemand mehr irgendwo stoßen möge. Hauptsache wir dürfen eines Tages ein watteweiches Federboa-Leben genießen, in dem sich alle lieb haben. Ein ziemlich überzuckerter und klebriger Zukunftsentwurf ist das, der wohl nur einen wirklichen Vorteil hat: Wir brauchen nicht mehr Unsummen für harte Drogen ausgeben, die Dröhnung kommt per Sonnenaufgang ins Haus.

Die vollkommen berechtigte Frage lautet also: Wie aseptisch sind wir Menschen eigentlich schon geworden? Wie verkünstelt, wie designed? Und wieviel menschliche Natürlichkeit erlauben wir uns noch? Ein jeder, der sich nur noch die positiven Aspekte unserer Menschlichkeit gönnen mag, während er permanent versucht die negativen Aspekte unter den Tisch zu kehren, vergeht sich am Menschen. Und verhält sich nicht anders als einer dieser wahnsinnigen Gen- und Klon-Professoren, die in ihren Laboren bereits am Übermenschen basteln.

Womit wir nun wieder bei Todestrafe und Stierkampf angekommen wären. Die Empörung über diese beiden Rituale rührt zunächst einmal daher, dass sie uns in unserer heutigen Zeit als nicht mehr angemessen erscheinen, sie wirken, „wie aus der Zeit gefallen“, wie es so heißt. Es sind Relikte einer Zeit, aus der wir uns längst befreit zu haben glauben und die uns gerade deshalb stören, weil sie auch an unserem menschlichen Stolz nagen und an unserer Fähigkeit, unseren Verstand, der uns doch über alle anderen Lebewesen erheben sollte, einzusetzen. Diese Begründungen sind – das soll an dieser Stelle ebenfalls klar gesagt werden – richtig . Was also ist daran zu bemängeln?

Nun, es kann, mit Verlaub, die Frage gestellt werden, ob sich wirklich jeder der Tragweite dessen bewusst ist, was wir Menschen in angeblich moralischer Absicht hier veranstalten. Ob wirklich jeder das große Bild sieht oder aber doch nur diverse Pinselstriche. Oder um es noch verständlicher zu sagen: WEG ist noch immer keine Richtung. Und wer glaubt, die Abschaffung der Todesstrafe und des Stierkampfes stünden am Ende eines langen Kampfes, der irrt. Es wäre erst der Anfang. Denn so unglaubwürdig es vielen auch erscheinen mag – die von uns heute als rau und grausam gebrandmarkten Rituale hatten und haben ihren Sinn. Zu sagen Blödheit, Aberglaube und zumeist männlicher Sadismus wären der einzige Grund für brutale Riten wie z.B. die Opferung von Jungfrauen und Kindern gewesen, ist definitiv zu kurz gehüpft. Denn gerade hier, wie auch in den großen Religionen, offenbart sich eine Sehnsucht und ein Bedürfnis, welches bereits der Philosoph und Psychoanalytiker Erich Fromm in seiner „Pathologie der Normalität“ (1953) als „Drama“ benannt hat. Hierbei geht es weniger um das, was wir heute als „Drama Queen“ kennen, also den notorisch-hysterischen Versuch Langeweile durch Überaktionismus und Überempfindlichkeit zu vertreiben, sondern um jenen altgriechischen Ansatz. Einen altgriechischen Ansatz, in dessen Mittelpunkt die Katharsis steht, also die seelische Reinigung. Für die alten Griechen stand es noch außer Frage, dass der Mensch neben der Routine, also der Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse – Essen, Trinken, Sicherheit – auch für seine spirituelle Seite Sorge tragen muss, eine Seite, in der es um die Erfahrung der Liebe, um Gefühle, um Schönheit und um die Seele geht. Um dies zu bewerkstelligen schufen sie das Drama, welches, anders als heutige Theaterstücke, die Menschen derart involvieren sollte, dass sie gerührt und ergriffen zu einer Seelenreinigung gelangen konnten. Die Intensität dieser altgriechischen Dramen ist in moderner Zeit leider verlorengegangen, nur manchmal spürt sie der ein oder andere noch, wenn eine Filmszene ihm dann doch die Tränen in die Augen treibt, vielleicht sogar ein Taschentuch hervorgekramt wird oder aber, auch möglich, eine Szene derart schrecklich ist, dass sich unsere Fingernägel in die Armlehnen bohren. Der Mensch, so Erich Fromm, braucht beides, Routine und Drama – und in der Tat sind alte Rituale und Religionen nichts anderes als der höchst wirksame Versuch, letzteres zu befriedigen. Nur mit der Routine kann kein Mensch existieren, wer glaubt, dass nur Essen, Trinken und körperliche Unversehrtheit zu einem schönen Leben führen können, irrt. Selbst der berühmte Grundsatz der Benediktiner – „ora et labora“, also: lebe und arbeite – bildet dort keine Ausnahme, ist die spirituelle Seite, also das Drama, doch durch ihr Beten abgedeckt.

Eine jede Kultur sorgt dafür, diese Grundbedürfnisse zu befriedigen und auch unsere westliche Kultur hat diesen Bedürfnissen lange genug Rechnung getragen. Sei es über Religionen oder aber auch über Faschismus und Kommunismus, die bei aller Fehlerhaftig- und Verwerflichkeit unterm Strich auch nichts anderes sind und unter dem Deckmantel der vermeintlichen Politik für die Masse ein eher spirituelles Gefühl waren, eine Form von neuer Religion.

Tja, und heute? Alles wegoptimiert. Wie bei einer Entrümpelung hauen wir blind alles aus dem Haus, was uns alt und verrottet erscheint. Und wundern uns dann, wie groß und leer uns unsere Räume plötzlich erscheinen. Ja, wie wenig WEG eine Richtung ist, das bekommen wir längst zu spüren. Wir haben uns bereits derart heftig glattgebügelt und von angeblichen Übeln befreit, dass wir eigenhändig eine spirituelle oder dramatische Zufuhr nach der anderen gekappt haben. Und noch immer kappen. Der Begriff Massensuizid darf hier durchaus einmal angebracht werden, ja, Massada war ein Witz gegen uns, denn bereits seit vielen Jahren halten wir uns beherzt selbst Nase und Mund zu. Und wundern uns noch immer, dass wir alle seit einiger Zeit so panisch zu strampeln beginnen. Die Todesstrafe und der Stierkampf aber sind zwei der letzten Rituale, die wir noch haben, ein kleines Loch in unseren aseptischen Zementdecke, durch das uns noch etwas Frischluft erreicht. Und ob bewußt oder unbewußt: eine der größten künstlerischen Taten von Michael Jackson ist nicht in seiner Musik zu finden, sondern in jenem kolportierten Bild aus den 80er Jahren, das ihn unter einem Sauerstoffzelt schlafend zeigt. Es ist die perfekte Inszenierung unserer Gesellschaft. Traurig, aber wahr: Wir Menschen sind alle Michael Jackson. Künstlich, abgehoben, verängstigt, latent psychopathisch. Und via Optimierungsdrang mit immer weniger Zugang zum Leben.

Niemand wird bestreiten, dass die ach so fortschrittliche westliche Gesellschaft derzeit zu einer von Depressionen geplagten Zombie-Masse degneriert. Überraschend ist das aber nicht. Sondern systematische Selbstausrottung in höchster Vollendung.

 

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2 Kommentare zu “Hohelied auf die Todesstrafe, Lobgesang auf den Stierkampf

  1. davidwonschewski
    27. Juli 2012

    Richtig, wobei das ja nochmal eine ganz eigene Sache ist. Und schwierig, ich habe ja selbst diverse Jahre für die Blödmediale Fraktion gearbeitet und weiß, dass viel von dem Schwachsinn eine gute Begründung hat. Im Prinzip gebe ich dir aber dennoch komplett Recht, natürlich.

  2. Der Emil
    26. Juli 2012

    Systematische Degenerierung von „oben“ mit Hilfe von BLÖD, RDLSAT7PRO1 u.ä.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Juli 2012 von in Journalist und getaggt mit , , , , , , , , , .
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