David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Freiheit nervt, total. (Von Elvis zu Lady Gaga)

Seien wir doch einmal ehrlich: Mit der Freiheit verhält es sich gar nicht so viel anders wie mit der Freizeit. Die gesamte Menschheit strebt danach möglichst viel von beidem zu erhalten, scheitert jedoch kläglich, sobald der Überfluss eintritt. Schließlich will zuviel Freiheit wie eben auch zuviel Freizeit erst einmal sinnvoll gefüllt werden. Eine verdammt schwierige Aufgabe, die nicht selten zu schädigenden Orientierungslosigkeiten im psychologischen Bereich führt, Depressionen eingeschlossen.

Ja, richtig: Keine Freiheit zu haben kann bisweilen wesentlich erfüllender sein als über zuviel davon zu verfügen. Wirklich reiche Menschen, solche die finanziell derart gut begütert sind, dass sie tatsächlich nicht mehr arbeiten müssen, können vermutlich ein Lied davon singen, wie belastend es sein kann jeden Tag mit heftig viel Freiheit aufzuwachen. Der ehemalige Tennisspieler Boris Becker und der ehemalige Fußballspieler Lothar Matthäus scheinen zwei der prominenteren Opfer dieses Problems zu sein. Zwei hochgradig rastlose Menschen ohne klar definierte Aufgabenbereiche, die überall hin könnten – aber gerade dadurch nirgends mehr hingehören und permanent scheitern.  

Auch wenn die ausdauernde Meckerei über die eigenen Lebensumstände zum klappernden Handwerk aller Menschen gehört, so wird wohl niemand bestreiten, dass zumindest wir Westeuropäer heute freier sind als unsere Vorfahren es je sein durften. Schließlich schlagen wir uns mit Problemen herum, die unsere Ahnen nur zu gerne gehabt hätten. Hartz IV hätte jeden Menschen des Mittelalters zu Jubelstürmen hingerissen, die unsägliche Verschwendung von Steuergeldern und das volksferne Verhalten unserer Politker hätte er angesichts der Prunksucht seiner Adeligen als Peanuts bezeichnet und was sind EHEC und Schweinepest bitte verglichen mit der Pest? Was sind ein paar gefallene Bundeswehrsoldaten in Afghanistan im Vergleich zu den Schlachten der Vergangenheit?Wir müssen es uns also eingestehen: Uns geht es gut. Und vielleicht sogar zu gut.

Selbstredend ergibt es nur bedingt Sinn, Zeiten und Gesellschaften einfach platt übereinanderzulegen und zu glauben, daraus irgendwelche Erkenntnisse ziehen zu können. Was sich hier aber bereits gut erkennen lässt ist, dass die aktuelle Desorientierung mit all ihren Suchen nach neuen Werten und Systemen ein Luxusproblem ist. Hervorgebracht durch eine größtenteils freie Gesellschaft, die nichts mit ihrer Freiheit anzufangen weiß. Politikverdrossenheit und die immer weiter schwindende Lust an Wahlen teilzunehmen sind erste große Anhaltspunkte für diese seltsame Eigenart mit ansteigender Freiheit eher lethargischer zu werden als denn kämpferischer. Die Menschheit hat sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte die Freiheit erkämpft ein selbstbestimmtes Leben zu führen – und nun stehen wir wie der Ochs vorm Berg und wissen nicht, wie nach oben kommen.

Vor allem junge Menschen haben naturgemäß die größten Kämpfe mit sich selbst auszutragen, wenn es darum geht aus einem Meer an Möglichkeiten nun die besten Ziele und Standpunkte herauszufischen. Und wohl keine Textzeile hat diese Verwirrung, orientierungslos und desillusioniert vor einem Berg namens Freiheit zu stehen, derart prägnant zusammengefasst wie das in den 90ern auf einer Menge Shirts zu lesende Credo: „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“. Die Unfähigkeit einer ganzen nachwachsenden Generation wurde hier – im Ursprung ein Songtitel der deutschen Band Tocotronic – auf den Punkt gebracht, das Gefühl macht- und wehrlos in eine Form von sozialem Authismus abzudriften, der weder er- noch ausfüllt, sondern einfach nur frustriert. Die musikalischen Helden einer ganzen Generation bestätigen nichts anderes als exakt diesen Zwiespalt, zwar Freiheit zu besitzen, aber einfach nicht mit ihr umgehen zu können, ja sogar gänzlich in ihr verloren zu gehen. Seit Jahr und Tag ist die Jugendkultur von zwar selbstzerstörerischen, dafür aber kraftstrotzenden, wütenden und lebenshungrigen Ikonen dominiert worden. Elvis Presley, Mick Jagger, Robert Plant – mehr Eier, um es deutlich zu formulieren, ging nicht. In den 80er Jahren dann begann die Transformation, weg von den potenten Schreihälsen, hin zu mehr Weichlichkeit und Verletzlichkeit, am besten abzulesen an den bewusst androgynen Gesichtern der New Wave-Bewegung und auf ihrem Höhepunkt zelebriert von fast schon falsettartigen Gesangs- und Bewegungsartisten wie Prince und natürlich Michael Jackson. In den 90er Jahren dann die Explosion einer Blase, das Verdorren eines Traums und der Blick auf die ungeschminkte Realität, am nachdrücklichsten personifiziert durch die Grunge-Bewegung und de facto selbstredend Kurz Cobain. Abgehangene Gestalten, nicht zerbrechliche, sondern längst zerbrochene Individuen, unfähig auch nur einen Funken an Stargehabe zu zelebrieren, stattdessen nur Desillusion, Verzweiflung und Selbstaufgabe wohin das Auge blickte und wohin das Ohr hörte. Die wichtigste Funktion jeglicher Popkultur liegt neben der simplen Unterhaltung darin, dass sie als der wohl aussagekräftigste Gradmesser für die Befindlichkeiten einer Generation herhalten kann. Zwar haben Musik- und Marketingstrategen ihre Arbeitsbereiche bereits so heftig professionalisiert, dass sie viel vorausahnen und noch mehr vorausberechnen können – ob etwas nachhaltig und langatmig etabliert wird, ob es sozusagen vital und lebendig in den Markt eingeführt oder als künstlich aufgepropft nach nur kurzem Lutschen wieder ausgespuckt wird, das entscheidet die breite Masse noch immer autonom. Jeder musikalische Trend, der für längere Zeit das Gesicht einer ganzen Branche ist, sagt also definitiv etwas aus über das Grundgefühl unserer Gesellschaft, das gilt für Kurt Cobain genauso wie für Lady Gaga. Und auf genau diese beiden Personen des öffentlichen Interesses reduziert lässt sich denn auch eine Form von verhaltenem Optimismus rechtfertigen, die Zeiten der Selbstaufgabe, sie sind gottlob vorbei, die Sehnsucht nach Leitbildern und nach Ikonen, sie ist wieder da, das orientierungslose Herz, es puckert und schlägt zumindest wieder, wenn auch nur zaghaft, was sich daran ablesen lässt, dass die Sehnsüchte mit Lady Gaga derzeit auf einer Dame gebündelt werden, die ganz bewusst und höchst erfolgreich so wenig Persönlichkeit wie nur eben möglich transportiert. Lady Gaga ist kein Star alter Schule, sie ist vielmehr wie ein Chamäleon, fast jeder hat die Möglichkeit etwas in sie herein zu interpretieren, ihren uns zur Verfügung gestellten Körper mit Ideen und Gedanken aufzufüllen. Lady Gaga ist somit nichts anderes als unser leibhaftiger Versuch an unserer individuellen Freiheit nicht mehr länger zu verzweifeln, sondern sie langsam wieder zu nutzen, sie ganz zaghaft wieder mit Menschlichkeit zu überziehen. Somit ist Lady Gaga auch das Gesicht einer Zwischengeneration, vom toten Punkt der 90er Jahre bewegen wir uns auf etwas zu, von dem wir selbst noch nicht wissen wie es aussehen soll, aber wir haben zumindest bereits mit der Suche begonnen. Wir möchten unsere individuelle Freiheit nutzen, das Schlechte im Alten abstoßen und das Gute darin mitnehmen in eine neue Zeit.

Unsere aktuellen Lebenskonzepte, wie wir mit unserer Freiheit umgehen können und wollen, sie sind noch etwas ungelenk, noch nicht so richtig ausgegoren, nicht selten sogar schlichtweg dämlich. Aber wir arbeiten daran.

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3 Kommentare zu “Freiheit nervt, total. (Von Elvis zu Lady Gaga)

  1. Darius
    30. Juli 2013

    Natürlich wurde schon immer mehr oder weniger überwacht die Möglichkeiten heute sind aber viel skurriler und grotesker man merkt nun klar und deutlich welche Ausmaße alles angenommen hat. Und ich finde vieles hätte man in den 70ern, 80ern und 90ern so wie es war stehen lassen können es ist gerade oft ein Fehler immer versuchen weiterzugehen mit allem obwohl alles schon recht stabil ist. Natürlich geht es immer weiter aber sie wissen denke ich worauf ich hinauswill. Wo ich ihnen Recht geben muss, dass wir uns gerade in einer Zwischengeneration befinden und man nicht weiß wohin der Weg eigentlich gehen soll. Was mich aber stutzig machte war, dass sie sagten die Musik spiegele den Zeitgeist oft perfekt wieder. Auch hier gebe ich ihnen Recht aber schauen sie z.B hier: http://www.t-online.de/unterhaltung/musik/id_56953226/studie-pop-musik-wird-immer-trauriger.html

    Nicht das ich mich kramphaft auf solche Studien verteife doch auch ich nehme das so war. Früher hat Musik viel mehr Freiheit und Fröhlichkeit vermittelt als heute. Der Zeitgeist menschlich wie auch musikalisch ist nur feiern wie man auch am ganzen Dubstep,House,Electro,Trap und Minimalzeug sehen kann. Es ist Musik die weder direkt traurig ist noch ist sie aber fröhlich. Aber wenn dann überwiegen wenn es mal etwas anderes sein sollte doch die traurigen Lieder als die fröhlichen.

  2. davidwonschewski
    30. Juli 2013

    In der Tat gibt es zuletzt einige sehr bedenkliche Entwicklungen, die zeigen zu welchen Pervertierungen Freiheit führt (oder auch genutzt werden kann). Was so aus Ägypten an Nachrichten zu uns herüberschwappt klingt nicht so richtig erfreulich, absolut. Und was bringt mir Freiheit, wenn doch irgendwo jemand sitzt – wie vor 20-30 Jahren – und alles mitschneidet und protokolliert.

  3. Darius
    30. Juli 2013

    was für aussichtslos vor 20-30 jahren waren die leute 1000 mal freier und fröhlicher als heute grade jetzt merkt man dass man mit der freiheit nurnoch scheisse macht du hast dich 20 jahre vertan xD

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. August 2012 von in Journalist und getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , .
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