David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Einer wie Klaus – Ein Treffen mit dem Chansonnier Klaus Hoffmann

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von David Wonschewski / Fotos: Jim Rakete; Malene Hoffmann

Ob nun berechtigt oder unberechtigt – wohl kein Straßenzug steht derart stellvertretend für Berlin wie der altehrwürdige Kurfürstendamm. Sicherlich, die Chronisten pfeifen es von den Charlottenburger Dächern, Glanz und Gloria dieser Prachtmeile sind längst einem touristischen Plastikpomp gewichen. Und das, was über Jahrzehnte als Charme daherkam, es  generiert viel zu oft nur noch heiße Luft. Dennoch: Sich gerade hier, wo Modeboutiquen ihre Ware ohne Preisschilder, dafür aber mit Türsteher präsentieren, niederzulassen, doch, das spricht nach wie vor für Stilbewusstsein, Exklusivität – und ganz sicher auch für das nötige Kleingeld.
„Wir haben preislich einfach ziemliches Glück gehabt mit unserem kleinen Büro hier“, wird Klaus Hoffmann mir später allerdings erzählen, als wir gemeinsam ein großzügig in Marmor geschlagenes Treppenhaus hinuntergehen. „Die Vermieterin mag mich etwas.“
Nicht Reichtum, so wird bei einem wie Klaus Hoffmann schnell klar, ist hier der ausschlaggebende Punkt. Sondern Kontakte, Netzwerke, Freundschaften. Ein Umstand, der nicht nur für die Adresse von Stille Music gilt, jenen Musikverlag, den Klaus Hoffmann selbst gegründet und in den er zum Interview geladen hat, sondern für seine gesamte Karriere, ja vielleicht sogar für sein ganzes Leben. Denn dass Klaus Hoffmann sich am Kurfürstendamm niederlässt, das hat nur wenig mit dem Geltungsdrang global denkender und zum Protz neigender Kaufleute zu tun, sondern ist, wie so vieles bei diesem Liedermacher, vermutlich eher einer nostalgischen Romantik geschuldet. Schließlich ist Klaus Hoffmann nicht nur Berlin, sondern allem voran Charlottenburg. Und vielleicht ist Charlottenburg sogar ein klein wenig Klaus Hoffmann. Nicht einmal sein Freund und Kollege Reinhard Mey, nun wirklich nicht arm an Output, hat diese Stadt so oft und so eindringlich besungen und sich dabei auch an ihren vielen Unzulänglichkeiten derart abgearbeitet wie eben Hoffmann. Und genau hier in Charlottenburg hat er, Hoffmann, den größten Teil seines Lebens verbracht, in der Kaiser-Friedrich-Straße ist er geboren, in bescheidenen Verhältnissen, wie es so schön heißt. In den Kinos und Bars hat er seine Jugend verbracht und nur wenige hundert Meter nördlich des Kurfürstendamms, in der Krummen Straße, hat er seinen allerersten Auftritt als Liedermacher gehabt. Natürlich lässt sich so einer dann geschäftlich auch in seinem Kiez nieder. Und am besten am Kurfürstendamm, klar. Wo denn bitteschön auch sonst?
Weniger pompös, dafür gemütlich wirkt sein Büro. Der Musiker kommt dem Autor dieser Zeilen zur Begrüßung sogar persönlich im Treppenhaus entgegen, verzichtet darauf, seine ebenfalls anwesende Assistentin Natalie vorzuschicken. „Mensch, David, wir haben uns ja lange nicht gesehen“ sind die ersten Worte. Und ob nun gewollt oder nicht, ob routinierte Umgarnung oder Herzensangelegenheit – all das ist ein erster, sehr eindrücklicher Beweis für das einnehmende, ja charakterlich durchaus sogar verführende Naturell, das ihn, den Liedermacher und Menschen Klaus Hoffmann, maßgeblich über die zurückliegenden und nicht immer einfachen Jahrzehnte getragen haben dürfte. Verführend? Ja, denn genau das ist es, was den Bühnenkünstler Hoffmann bis heute auszeichnet: Verführung, gepaart mit Entführung. Denn wo Realität doch immer genau das ist, was man sich selbst vorstellt und was das Ich selbst bestimmt – genau dort gerät der geständige Verführer zum Zauberer. Dass ich als Musikjournalist den Musiker Hoffmann erst ein einziges Mal zuvor getroffen habe, Vetternwirtschaft somit unvorstellbar ist, ja, das gerät durch Hoffmanns zupackende Begrüßung zur Randnotiz. Natürlich klingt es sämig, der Journalist merkt selbst, wie er zu triefen beginnt vor Verständnis und Wonne – ein lustiges, ein unerwartetes Gefühl. Doch, was zählt, das ist doch stets der Moment, denkt er. Hoffmanns buddhistische Prägung, so denkt der geneigte Schreiber ebenfalls, ist bereits hier, bei einer simplen Begrüßung in einem tollen Treppenhaus, direkt erfahrbar.
Natalie reicht Tee und griechisches Gebäck, an den Wänden hängen Tourneeposter – und  von einem Filmplakat des 1976er Streifens  „Die Leiden des jungen W.“  an der Wand gegenüber schaut neben dem realen nun auch der junge, der schauspielernde Hoffmann den Interviewer direkt an. Zweimal Hoffmann, der echte und der künstliche, der willensstarke und der verletzliche, der alte und der junge. Ingmar Bergmans Klassiker Persona weht dem Fragesteller durchs Hirn, und mit diesem Gedanken jene berühmte Szene, in der der schwedische Regisseur zwei Frauengesichter zu einem montierte, zwei Charaktere zu einem verwob. Es kann kein Zufall sein, dass Hoffmann auch mit Bergman drehen durfte, damals, in einer anderen Zeit, denkt er, der Autor.
„Wir haben hier einen griechischen Händler, an der Luisenkirche“, erzählt der Sänger, und sein Blick streift wehmütig Natalies Kekse. Zwei Kilo müssen noch runter, findet Hoffmann und streicht sich über den Bauch. Ein Bild von Georges Moustaki fällt auf, jenem griechischstämmigen Sänger und Lyriker, der nicht nur Klaus Hoffmann selbst maßgeblich beeinflusst hat, sondern auch so viele französische Chansonniers, deren Namen Hoffmann noch immer mit der Ehrfurcht des Bewundernden ausspricht, ganz so, als handle es sich dabei nicht um Sänger, sondern um Weinsorten.
Die Kekse, Moustaki – ein griechischer Gesprächsfaden liegt in der Luft, der Journalist ist durchaus erpicht, ihn sich zu greifen und daran zu ziehen, doch einer wie Hoffmann, bekannter und bekennender Meister schwingender Assoziationsketten, ist längst einen Gedanken weiter. Und schnell wird klar, dass der zuvor sauber erarbeitete Interviewbogen nutzlos ist bei einem Gegenüber, das sich bewusst aller starren Protokolle entzieht, lieber brainstormed als denn pflichtbewusst abarbeitet. Einer wie Klaus Hoffmann, so scheint es, empfängt Journalisten nicht, sondern holt sie im Treppenhaus ab. Und einer wie Klaus Hoffmann, der führt auch keine Interviews, sondern Gespräche. Und dass es sich mehr wie Tanzen anfühlt, als denn wie Reden, denkt der Autor dieser Zeilen dann auch noch, etwas verschämt, etwas versteckt.
„Mensch, David, biste denn noch beim Radio?“, fragt Hoffmann – und berlinert sogar dort, wo es doch eigentlich nichts zu berlinern gibt. Er erkundigt sich nach der Wohnung des Interviewers und auch nach dessen persönlichen Zielen und Bedürfnissen, Sehnsüchten und Träumen. Das macht er so ausgiebig und unaufgesetzt, dass selbst dem durchaus erfahrenen Fragensteller klar wird, dass Kunst und Charisma des Klaus Hoffmann darin begründet sein könnten, seinem Gegenüber ein Gesicht und einen Charakter zu geben. Und Gespräche, sei es mit den Medien, den Hörern oder einem Live-Publikum, niemals als plumpe Einbahnstraße zu begreifen. Auch wenn es, natürlich, hauptsächlich Klaus Hoffmann ist, der hier redet, steigt ein unerwartetes Eigengefühl auf. Ein Eigengefühl, das weiter geht als das gewohnte ‚Ich drück dann jetzt mal auf Aufnahme, Herr Hoffmann! ‘
Es klingt so einfach – und ist doch so überhaupt keine Selbstverständlichkeit im Musikgeschäft.

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Ja, es fällt ihm sichtlich schwer, den griechischen Süßspeisen von Natalie zu widerstehen. „Zwei oder drei Kilo müssen erst noch runter“, wiederholt er, vermutlich selbst längst wissend, dass er am Ende des Gesprächs genauso herzhaft zugegriffen haben wird wie der Redakteur ihm gegenüber. Überhaupt die Genussmittel, sie fehlen ihm, vor allem der Wein, den er mit ansteigendem Alter einfach nicht mehr verträgt. „Der alte Degenhardt, wenn der mit Hannes Wader und Reinhard loszog, ich war ja immer der Jüngste unter den allen da, dann wurde am Savignyplatz die Weltrevolution weggesoffen. Die wurde einfach ertränkt. Das kannst du halt mit 60 nicht mehr, das ist so gemein!“. Er lacht, schallend. Hoffmanns auf der Bühne so oft und so offen ausgelebter Hang zur Selbstironie – nein, das scheint kein fintenreiches Darstellungskonzept zu sein, sondern wirklich empfundene Nostalgieaufarbeitung. „Reinhard Mey, der kann trinken und essen wie er will, darum hat der auch so viele Lieder über das Bechern. Der setzt auch nicht an – so wie ich. Ich bin da eher wie mein Vater, ich sehe dann aus wie Orson Welles irgendwann.“ Härtere Drogen hat Hoffmann nie genommen, abgesehen von einigen Kiffeinlagen, damals, während seiner Zeit in Afghanistan, das er Ende der 1960er Jahre ausgiebig bereiste. Alkohol, allem voran Wein, gehörte jedoch zum festen Inventar der Liedermachergilde. Und auch, wenn Hoffmann immer weit davon entfernt gewesen ist, zum Trunkenbold zu mutieren – seine Augen glänzen, wenn er jene alten Geschichten auspackt. „Leydicke, Richtung Kreuzberg, kennste die Kneipe? Da wurde Obstwein getrunken, aus Vier-Liter-Flaschen und da haste denn so getrunken und getrunken und nur Mist geredet. Das sind riesige Dinger, vier Liter, die wurden da abgezapft. Du kamst dann irgendwann hoch vom Tisch – und dann bist du umgekippt, weil dieses Zeug einfach furchtbar war. Kostete aber nur 2,50 Mark und da trafen sich dann die schweren Trinker – zu denen ich mich bitte nicht zähle, aber es stand wie so ein romantisches Bild für Musikmachen in den 60ern und 70ern, da wurde viel getrunken und gegessen, und das war damals in Berlin auch alles noch erschwinglich.“
Der Verdacht liegt nahe, dass vielleicht auch manch früher Songerfolg einem heftigen Kuss des Dionysos zu verdanken sein könnte. Schließlich waren es bekanntlich doch auch Halluzinogene, die den Beatles und den Beach Boys manchen Ohrwurm einflüsterten. „Nein, bei mir nun gar nicht“, insistiert Hoffmann. „Bessere Lieder schreibe ich alkoholisiert ganz sicher nicht. Schriftsteller werden dir viel mehr über das Trinken erzählen können. Truman Capote und solche Leute, da geht das vielleicht – wenn du ein guter Trinker bist. Aber das bin ich nie gewesen, ich will mich auch gar nicht in dieses Klischee reinsetzen. Ich kann das einfach nicht, irgendwann schlaf‘ ich ein, und dann ist Ende.“
Van Morrison fällt ihm ein, Joni Mitchell, Bob Dylan natürlich, alles Leute, die er immer bewundert hat und bei denen er sich bis heute fragt, ob der ein‘ oder andere Song damals vielleicht unter Alkoholeinfluss entstanden ist. „Heute sind die aber ja alle clean, ich glaube, in der Industrie wirst du heute sogar mehr Abhängige finden als in der Musik. Besoffen auf die Bühne, das kann sich doch kein Musiker mehr leisten. Fragen müsste man, aber ob da wer eine ehrliche Auskunft gibt.“
Ehrlichkeit – ein gutes Stichwort, ist es doch gerade bei Musikern längst Unsitte, dieses Herunterbeten der eigenen Geradlinigkeit. Dass gerade sie sich niemals haben verbiegen lassen, sich niemals anbiedern wollten und niemals billige Kompromisse eingegangen sind. Unvorstellbar, denkt und sagt der Autor dieser Zeilen frei heraus, dass einer wie Klaus Hoffmann, der noch immer problemlos große Hallen füllt, sich wirklich immer treu geblieben ist, wie es doch so schablonenhaft heißt. Hoffmann überlegt. Sein Blick streift die griechischen Kekse, und geradlinig wäre vermutlich, so denkt der zuckeraffine Interviewer, einfach zuzugreifen.
„Naja, das kann ja auch bis zur Langeweile gehen, diese Treue. Im Moment wünsche ich mir zum Beispiel sogar, dass ich mal wieder etwas mehr aus mir herauskomme. Gerade ich bin ja so ein Wiederholer, ich ticke meine eigene Biografie immer wieder an. Tja, aber sich selbst treu bleiben. Nein, Quatsch, ich glaube nicht, dass ich mir immer treu geblieben bin. Du kennst ja von dir auch immer nur so ein Achtel Lorbeerblatt, von dem, was du herausträgst, erkennst du nur sehr wenig. Ganz sicher aber es gab eine durchaus korrupte Zeit bei mir, da wollte ich plötzlich Rock machen oder Pop, populäre Musik halt, um bekannter zu werden und mehr zu verkaufen. Und da war ich schon ziemlich korrupt, da habe ich auch Sachen gesungen, die ziehen mir heute noch die Schuhe aus.“
Ein konkretes Beispiel will Hoffmann natürlich nicht nennen, doch hat er ja auch keine Plätzchen essen wollen und dabei schon dreingeblickt wie die personifizierten Mauern von Jericho.
„Ein befreundeter Anwalt hat mir gerade geschrieben, dass er sich an eine alte Platte von mir anlehnt, die Veränderungen von 1982 – die ist so schaurig, also wirklich so sehr schaurig, da fällt mir echt nix mehr ein, die zieht mir richtig die Schuhe aus, wenn ich die heute höre.  Aber so kann man über sich selbst natürlich auch kokett reden. Vermutlich ist die Frage eher, warum es überhaupt förderlich sein soll, sich selbst treu zu bleiben. Es gibt doch ganz fantastische Lügner, Mark Twain, Andersen, Spielberg – wenn du das mit einer Lügenburg hinkriegst, ist doch ganz wunderbar. Bei den Musikern denkt man immer, das geht wohl auch auf die Drogen zurück, dass man sich unheimlich nah‘ sein muss. Ich bin gerade jetzt in einer Phase, wo ich denke, dass man manchmal aber auch ziemlich distanziert zu sich selbst sein muss. Schließlich verkauft ein Musiker ja was, das ist doch niemals eins zu eins, also immer Darstellung. Nimm Bob Dylan, der hat aus sich einen Typen geschnitzt, der er a persona auch nicht war. Der ist rausgegangen und hat sich an das gehängt, was er von Woody Guthrie kannte und sich daraus dann eine Figur geschnitzt. Auch ich habe das lange gemacht, ich habe mich an diese Anzugtypen angelehnt. Ich selbst komme erst jetzt immer mehr dahinter, was ich da eigentlich mache, und ich finde das in Ordnung. Aber auch diese Figur, der Klaus Hoffmann auf CD oder auf der Bühne, ist natürlich erfunden. An und für sich bin ich ein Junge im Karohemd, aber das ertrage ich nicht immer. Und dann erfinde ich mir halt was. Die anderen Liedermacher haben mich früher immer angeblafft, wenn ich da in meinen C&A-Anzügen herumstand, aber die mit ihren Jeans, das war im Grunde nichts Anderes. Alles ist Darstellung, das ist alles Pose.“

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Der Journalist im Fragensteller hört Hoffmann reden und denkt an ein beliebtes Stilmittel des Liedermachers: „Ich wollte nur sehen, ob Sie noch da sind!“, sagt einer wie Klaus Hoffmann bei seinen Konzerten gerne und oft nach einer seiner überraschend vielen kompromittierenden Pointen. Und spielt damit immer wieder mit diesem Kontrast aus geschärftem Bewusstsein – und dämmerndem, an Lemminge erinnernden Einlullen. „Lass dich nicht einlullen“, denkt sich also auch der Journalist, sich seiner prinzipiellen Fan-Orientierung bewusst. Biete Hoffmann die Stirn, weise ihn auf die Eitelkeit hin, die selbst in der Ehrlichkeit verborgen liegt. Sage ihm, dass ein Wort wie kokett zu benennen nicht gleichbedeutend damit ist, diesen Begriff in der Folge dann auch zu umschiffen. Thomas Bernhard kommt mir in den Sinn, der große Misanthrop. Und sein Wissen darum, dass sogar Ehrlichkeit falsch sein kann. Da können wir strampeln, wie wir wollen. Und da kann auch Klaus Hoffmann reden, wie er will.  Am Ende alles Seins steht das menschliche Scheitern.
„Ich hätte mir mehr Konkretheit von einem wie Hoffmann gewünscht“ wird Roland Vida, der Lektor dieses Blattes, selbst Kind der 1950er und 1960er Jahre und Liedermacher-Freund, später sagen. „Er hat viele tolle Sätze, viele gute Aussagen. Aber er mäandert zu viel, kommt nicht auf den Punkt, wie ich es von einem wie ihm, mit seiner Erfahrung, erwarten könnte.“
Dass es aber doch genau darum gehe, um dieses Mäandern in sich selbst, wird der Autor dieser Zeilen antworten. Um das ständige Sehnen, um das Tasten zwischen Wollen und Können, um die ewige Sehnsucht und die Suche. Um zwei Schritte nach vorne und einen Schritt zurück, ein Leben lang. Und um die Unmöglichkeit von Richtig und Falsch. Der Lektor Vida mag Hoffmann auch, ist als grammatikalisches und gesinnungsethisches Korrektiv jedoch derart erfahren, dass er Dinge sieht, die vielleicht tatsächlich fernab jeglichen Einlullens liegen. „Super Typ, dieser Hoffmann“, wird er später noch hinzufügen. „Aber es geht auch aussagekräftiger.“ Roland Vida hat gute, stichhaltige Argumente. Und ihn zu widerlegen dürfte nicht nur dem EAL-Redakteur, sondern wohl auch Klaus Hoffmann selbst schwerfallen. Allein dessen immerwährendes Bekenntnis, die Welt aus Kinderaugen zu sehen, zu begreifen und zu nehmen, das könnte hier die Lösung sein. Denn einer wie Klaus Hoffmann, der ist nicht 60. Niemals. Warum nicht? Weil er es sich verboten hat. Weil es der falsche Weg wäre.

Und während diese dankenswerte, generationenübergreifende Auseinandersetzung stattfindet, schält sich mit einem Male diese unfassbare Konsequenz heraus, die einer wie Klaus Hoffmann verfolgt. Immer Kind sein. Ja, das klingt ab und an sämig, in manchen Menschen Ohren vielleicht sogar anbiedernd, überweich und etwas gewollt. Und ist doch nichts Anderes als brutale Konsequenz.
Wie hauchdünn sie doch ist, diese Linie zwischen Konformismus und Non-Konformismus, denkt der Interviewer. Klaus Hoffman benennt doch alles, sagt es direkt und ist sich nie zu schade, sich selbst zu demontieren. Und dennoch gibt es gewogene Menschen, die seine Sprache anders deuten als der Autor dieser Zeilen. Subjektivität, wohin das Auge schaut, wohin das Ohr sich wendet. Thomas Bernhard revisited.
Dabei hat einer wie Klaus Hoffmann diese Suche nach dem wahren Ich jenseits jeglicher Anpassung doch in so vielen Liedern immer und immer wieder behandelt.Hanna, Salambo, Bin ein Fremder, Der Boxer oder jüngst erst Irgendwann einmal erzählen in ganz verschiedenen Stilen von der ewigen Schwierigkeit des Menschen, seinen eigenen Weg zu gehen. Und sich eben treu zu bleiben. Wohl kein Ansinnen verfolgt der Liedermacher seit Jahrzenten dabei wohl so konsequent wie diesen Aufruf zum Querdenken, zu ewiger Rebellion. Eine sinnvolle Sache – aber auch etwas unbefriedigend, wenn um einen herum die Menschheit vor die Hunde geht und man selbst nichts Anderes machen kann als singen. Oder nicht?
„Damit habe ich nie ein Problem gehabt, da ich an und für sich sogar noch viel ohnmächtiger bin. Ich bin in mir drin so zynisch, dass ich eigentlich sogar denke, dass gar nichts verändert werden kann. Ich habe mich allerdings mit der Zeit damit befriedet, dass ich eventuell doch auch gar nichts ändern muss. Das war immer schwierig, deswegen bin ich ja auch bei den linken Fraktionen immer so angeeckt. Das ist wirklich schwierig. Ich komme jetzt nicht auf die platte Nummer zu sagen, dass ich nur unterhalten will, aber generell geht es schon in diese Richtung. Nur wie ich das so und nicht anders mache, das ist für mich der beste Weg, dir Widersprüche aufzuzeigen. Dir zu singen, dass du die Lehre schmeißen, die Frau verlassen und irgendwelchen Typen eins auf die Fresse geben solltest – da glaube ich nicht dran. Mich selbst haben immer Filme und Lieder bewegt, wo die Frau oder der Typ von sich erzählt haben und davon, wie sie mit und durch sich selbst weitergekommen sind. Das sind im weitesten Sinne dann eher Gedankenanstöße oder die Entwicklung eines bestimmten Bewusstseins. Deine Frage war aber ja auch, ob mir das reicht. Nein, meine eigene Bereitschaft, genau das alles zu machen, reicht mir oftmals nicht. Mir ist das selbst viel zu oft noch zu flach. Ich stelle mich meinen eigenen Ängsten noch immer nicht in dem Maße, wie ich es gerne machen würde.“
In der Tat, das zerrissene Moment ist es, das Klaus Hoffmann aus der Gruppe um Wecker, Wader, Mossmann und Degenhardt heraushebt. Wo andere ihre Brüder unverhohlen zu den Waffen brüllen, versteigt sich Hoffmann lieber in verpackte Eleganz, erzählt immer wieder von seinen Versuchen, ein Träumer zu sein, von Sehnsüchten und kindlichen Phantasien. Einfach ein anderer Kunstansatz oder tatsächliches Desinteresse an Politik, offen eingestanden wie dereinst in dem Song „Die Mittelmäßigkeit“?

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„Du hast schon Recht, manchmal ist meine Eleganz so groß, dass ich selbst schon gar nicht mehr so richtig weiß, was ich dir zu erzählen habe. Mir war aber dieses plumpe ‚Ich schlage dir vor, wie man die Welt zu verändern hat‘ einfach zu blöd. Das war mir einfach zu trivial, zu naiv und auch zu zynisch. Ich komme ja aus einer Charlottenburger Arbeiter-familie, ich kenne das mit der Aufbruchsstimmung durchaus, klar, aber was war es denn, was mich 1979 getrieben hat, nach Goa zu gehen? Warum bin ich nach Afghanistan? Genau das ist mein Kick, dass Männer und Frauen eine Sehnsucht in sich tragen, die immer wiederkehrt und die sie dazu bringt, etwas an sich oder ihrem Leben verändern zu wollen. Genau das finde ich toll. Wenn mich jemand auf genau diese Reise bringen kann, indem er es musikalisch oder auch anders verpackt, dann hat das eine Wirkung auf mich wie kein anderer Stoff. Ich überlege aber tatsächlich immer wieder von neuem, ob ich politisch konkreter werden möchte. Und entscheide mich dann bisher immer dagegen, weil andere Sachen mich mehr fesseln. Momentan sind es zum Beispiel Fragen um Leben und Tod. Warum ist man nicht für immer da? Was mache ich mit dem Rest meines Lebens? Mit wem tue ich mich zusammen, warum gefällt mir ein Schwarzbrot manchmal besser als Kaviar, warum trinke ich eigentlich nicht mehr, obwohl ich das mal gut fand…also die inneren Beweggründe, die interessieren mich am meisten.“
So sympathisch dieser Ansatz auch klingt, so selbsttherapeutisch klingt er zugleich. Kunst also als Mittel, mit sich selbst klar zu kommen? Hoffmann stutzt etwas, doch es sind nicht die Worte, die einer wie er sucht, denn Worte hat er mehr als genug im Repertoire. Es sind Wege und Antworten, um die einer wie Klaus Hoffmann noch immer ringt. Und die ihn jetzt, mit inzwischen 60 Jahren, dazu bringen, sich noch immer kreativ zu betätigen. „Als wenn es gar nichts wär“ – seine Autobiografie wird in diesem Jahr, rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse vorgestellt werden. Die neue CD, deren Arbeitstitel „Berliner Sonntag“ lautet, soll im Herbst erscheinen, und auch ein Theaterstück ist in der Mache. Viel Eigentherapie, wie es scheint.
„Hm, jeder Text ist Therapie. Du solltest, du müsstest…oh je, da kommst du nicht drum herum. Als ich früher Musik hörte, bei dem Brel, da war das für mich auch eine Therapie, weil ich versuchte, mich von meinem Vater zu verabschieden. Das habe ich da natürlich nicht gemerkt, ich holte mir so einen Ersatz. Ich könnte natürlich auf andere Musikstile umsteigen, um weniger selbsttherapeutisch zu sein. Aber das wäre dann vermutlich wieder verbiegen.“

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Ein Kommentar zu “Einer wie Klaus – Ein Treffen mit dem Chansonnier Klaus Hoffmann

  1. Lisbeth
    10. September 2012

    Vielen Dank, dass du uns das hier lesen lässt, ich hatte sehr viel Freude dabei.

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