David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Homo homini lupus.

Und so trug es sich zu, dass ich dieser Tage in den einschlägigen sozialen Netzwerken und sogar manchen TV-Programmen vermehrt auf zwei bizarre Filmschnippsel gestoßen wurde. Das eine zeigte den Sänger Mark Medlock, der erbost von der Bühne herab ein johlendes, pfeifendes und lästerndes Publikum beschimpfte. Der andere Videoclip hingegen entstammte der N3-Show von Bettina Tietjen, die auf ihrem roten Sofa eine auffallend derangierte Jenny Elvers zu Gast hatte.

Eines düsteren Humors nicht unverdächtig machte ich mich sofort daran, die diversen Kommentare zu studieren, die sich längst unter beiden Clips ausgebreitet hatten. Und während ich fast an die hundert Bemerkungen zum unflätigen Verhalten von Herrn Medlock und dem vermuteten Drogenkonsum von Frau Elvers las, fühlte ich mich herausgefordert. Doch Kreativität hin, Galgenhumor her – wirklich jede Pointe schien längst gemacht, jeder noch so billige Dreh bereits von diversen Vorpostern verwirklicht. Und so saß ich also dort und durfte resigniert feststellen, dass mir einfach kein Zusatzwitz mehr einfallen wollte. Kein eloquent-cleveres Sätzlein, mit dem ich der Welt zeigen konnte, wie formidabel mein Humor und wie intakt mein moralisches Selbstverständnis ist.

So verronnen die Sekunden, wertvolle Lebenszeit vergurkte ich mit der Betrachtung eines weißen Kommentarfeldes, das vergeblich auf meinen Humor wartete. Und so geschah es, dass mir etwas klar wurde, was uns Menschen leider viel zu selten klar wird: Was für ein ekelhaftes und selbstgerechtes Arschloch ich doch sein kann. Ohne es freilich auch nur im Ansatz zu bemerken.

Mit dieser noch schemenhaften Selbsterkenntnis im Gepäck studierte ich die vielen Kommentare erneut. Und wurde von einem misanthropischen Würgereflex ergriffen, den ich in meinem Roman „Schwarzer Frost“ doch so oft herbei zu führen versuche. Hundert Kommentare, geschrieben mit faden Nicknames, aus der vermeintlichen Sicherheit der eigenen vier Wände heraus. Das Auftreten von Frau Elvers und Herrn Medlock kann selbstverständlich beanstandet werden, doch rechtfertigt das Fehlverhalten der „Stars“ doch niemals unser eigenes Fehlverhalten. Wer, so lässt sich also fragen, ist eigentlich diese bornierte Gesellschaft, über die wir alle immer schimpfen? Wer sind diese „anderen Menschen“, über deren kaltes Verhalten wir so oft die Köpfe schütteln? Wer sind die Kleingeister, die Spießbürger, die Moralheuchler, die unser aller Leben so schwierig machen?

Die Antwort ist einfach: Wir selbst sind es. Wir alle. Wir sind nicht Deutschland, nein. Wir sind ekelhaftes, verlogen heuchlerisches Mehrheitspack. Und bemerken es nicht einmal.

Und jene „anderen“ – tja, die gibt es wohl gar nicht.

Nun, ich habe dann doch noch meine eigenen gehässigen Witze in den Foren und Kommentarfeldern hinterlassen. Und manches „like“ abgesahnt, auch diverse „hihi, der war gut“ wurden mir gutgeschrieben. Ich bin und bleibe also ein lustiger Bursche, der alles im Griff hat, jederzeit.

Und so freue ich mich auch schon jetzt auf den Moment, in dem in der Zeitung zu lesen sein wird, dass jemand wie die Elvers sich eine letzte tödliche Dröhnung gesetzt hat. Und einer wie der Medlock am Stricke baumelnd aufgefunden wurde. Aus den Fällen „Enke“ und „Seidel“ kann schließlich jeder seine Lehren ziehen – warum also sollte gerade ich mein Verhalten wirklich ändern, wo das allen anderen offensichtlich ebenfalls viel zu langweilig ist?

Entsetzt werde ich einfach „Oh nein!“ rufen. Und ganz pikiert den Kopf schütteln. Ich werde wieder seitenlange Essays verfassen, über die Entfremdung der Menschen voneinander, über das Erkalten der Emotionen. Und „homo homini lupus!“ werde ich wissend ausrufen und dabei ganz clever und weise aus der Wäsche schauen, als personifiziertes Weltgewissen.

Super wird das werden. Denn genau das ist der Vorteil unserer bigotten Heuchlerei: Man stirbt nicht dran.

Der Roman „Schwarzer Frost“ erscheint am 28. November im Verlag Periplaneta. Mehr Infos entnehmen Sie bitte der Hauptseite dieses schattigen Blogs.

(Das oben abgebildete Cover entstammt dem aktuellen Album der Swans, „The Seer“. Ein, wie bemerkt werden darf, Meisterwerk zeitgenössischer Songkunst.)

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9 Kommentare zu “Homo homini lupus.

  1. orchidee75
    21. November 2012

    Reblogged this on Das Leben im Allgemeinen und kommentierte:
    Wichtig, dass das mal gesagt wird…

  2. pascalaubry
    14. Oktober 2012

    Tolle Sprache. Auch deine Thematik – Verrohung im Musikbuisness – spricht mich an.
    In der Bildung (mein Bereich) müsste Ähnliches zu finden sein, seitdem auch dort von Markt und Rationalisierung die Rede ist. Emotionale Verrohung in der Bildung, warum nicht…

  3. namenlos
    13. Oktober 2012

    Jetzt habe ich mich doch allen Ernstes hier fest gelesen 🙂

    Du hast meinen blog http://silberperlen.wordpress.com besucht.
    Das freut mich.

    Zu Deinem Bild – Homo homini lupus – oben im Eintrag hätte ich Dir gerne hier eine hübsche Gegendarstellung hier eingestellt –
    geht leider nicht!

    So habe ich es in einen meiner anderen Blogs für dich dort eingestellt – unter todernst *ggg*

    Auf eine gute Blogfreundschaft!

    Barbara

    http://namenlos2012.wordpress.com/2012/10/13/todernst

  4. davidwonschewski
    18. September 2012

    Natürlich lässt sich eine gewisse charakterliche Schwäche nicht in die Dimension eines Strafdelikts ziehen, ich habe da gerade bewusst überzogen. Wobei der Hintergrund dieser leichten Übertreibung für mich durchaus real ist, stellt sich ja die Frage, wo ist die Grenze zwischen laufen lassen und ahnden? Was ist noch „ganz sympathisch“ und was „geht gar nicht“? Ich habe auf einem anderen Blog jüngst eine Diskussion verfolgt, wo es quasi um just diese Grenze ging. Dort war „Schwarzer Humor“ das Thema und ein Kommentator erboste sich sehr breit und ausführlich darüber, dass Leute mit Schwarzem Humor jede Schweinerei unter diesem Mantel verstecken. Und gerade so diversen negativen Strömungen ein Feld bieten. Ist ja in der Tat was dran, der eine findet es nett sich zu amüsieren und fühlt sich erleichtert, wenn er auch einmal einen Witz machen darf über Minderheiten. Und der nächste explodiert und sieht genau darin das Übel, dass in der Folge zu Unterdrückung und Straftaten führt. Eine kleiner Charakterzug für einen Menschen – ein großes Problem für die ganze Menschheit.
    Endgültig klären lasst sich das alles aber nicht, in der Tat.

  5. FrauWunder
    18. September 2012

    ich werd hier sicherliche kein königreich gewinnen; stelle nur fest, dass du den begriff des widerspruches sehr weit, in straftatrelevante dimensionen zu dehnen scheinst? ich befand mich meinerseits eher vor der haustür eigner disharmonien und charakterschwächen…

    letztendlich weiß ich keine antwort, außer das eine gesellschaft sich vor manch auswüchsen individueller triebabfuhr schützen muß und zwar immer dann wenn andere schaden nehmen könnten…

  6. davidwonschewski
    18. September 2012

    Tja, muss er das, das ist natürlich eine gute Frage. So gut, dass sie fast von mir hätte stammen können;-) Müssen wir dauernd an der charakterlichen Optimierung arbeiten, müssen wir unsere Sprache mit political correctness glätten, damit niemals jemand mehr beleidigt ist. Müssen wir „bösen“ Menschen entgegen treten, müssen wir charakterliche Fehltritte ahnden, müssen wir juristisch gegen Unholde vorgehen?
    Können wir nicht einfach unsere Instinkte so laufen lassen ohne dauernd alles zu verdrehen und zu verzwirbeln und in tausenden von Paragraphen und Unterparagraphen festzulegen?
    Tja, ein Königreich für eine Antwort auf diese Frage…

  7. FrauWunder
    18. September 2012

    na gut; so wie es götzen braucht, brauchts manchmal auch einfache wahrheiten. und nichts ist einfacher als die meinung; ich opfere, ihr (du) täter…..

    es ist ja auch nicht so ganz einfach mit dem widerspruch einer verletzenden und verletzlichen planschkuh zu leben….
    manch widerspruch löst sich auch nach dem jogging nicht auf, selbst über sieben berge nicht. aber muss er das?

  8. davidwonschewski
    18. September 2012

    Relevant sind beide für mich ebenfalls nicht. Wir lernen an derlei Dingen aber selbstredend viel über die Menschen und ihr naturgegeben heuchlerisches Verhalten. Denn ich glaube kaum, dass viele Leute, die so sehr über „gestrauchelte Existenzen“ herziehen, im gleichen Moment sehen, dass gerade sie mit ihrer Häme die lächerlichste aller Figuren abgeben. Ich muss ab und an noch an Robert Enke und seinen Selbstmord denken. Und wie schön direkt danach alle immer geredet haben. Auch alles weg inzwischen. Ansonsten stimme ich dir komplett zu: Erfolg will jeder nur sehen, um selbst was abzubekommen. Das Scheitern ist viel interessanter. Da steckt vielleicht auch viel Steigbügelmentalität hinter, solange ich noch wen finde, dem es noch mieser geht als mir selbst, fühle ich mich selbst nicht verloren. Vor allem aber ist es die pure Scheinheiligkeit. Es ist ja kein problem dazu zu stehen. Einfach zuzugeben, dass man es geil findet, das Leute im Scheinwerferlicht zugrunde gehen und wir uns daran ergötzen. Nett ist das nicht, aber ehrlich, immerhin.
    Ich sehe nicht schwarz, weil Menschen zu Grunde gehen und wir uns dafür interessieren. Ich sehe schwarz, weil uns die Täter ausgehen und wir uns selbst so gerne als Opfer „der anderen“ hinstellen. E sist platt, aber weiterhin wahr: Jeder muss nur vor seiner eigenen Haustür ab und an kehren – und schon wird die Welt ein ganz wunderbarer Ort sein.

  9. FrauWunder
    18. September 2012

    wer ist mark medlock? von einer elvers hörte ich schon mal, im zusammenhang mit öffentlichkeit, container, party und luder, ach ja und die ex von, wissen wir ja. gut diese beiden sind mir mehr oder weniger egal, diese haben für mein leben nichts relavantes von sich gegeben, weder in schrift, ton noch bild. darum würde es mir mit sicherheit nicht einfallen kommentare zu beiden abzugeben weder über aufstieg noch absturtz beider. und was die häme anbelangt, die in kommentaren oft auszumachen ist, so ist dies, scheint mir, nur natürlich, denn welch reflektierter mensch interessiert sich schon für das gelingen, das gewinnen das beschauliche? sie etwa herr von schwarzsicht?

    natürlich, wir alle schauen hin und wieder auf zu den selbsterneannten göttern des zeitgeistigen. verneigen uns vor der kraft ihrer worte, der macht ihrerer bilder oder der schönheit ihrer körper. wir stiisieren, erhöhen und idealisieren, um etwas zu erschaffen, was über den augenblick hinausweist. ja, der mensch braucht seine götzen, um für einen augenblick den gedanken an die sterblichkeit zu vergessen. im übermenschlichen , der überhöhung, der todesverneinung liegt das seelenheil der menschen allerdings nicht.

    „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90,12) vielmehr ist es doch das, wonach wir uns sehnen, die einsicht in die notwendigkeit das alles endlich ist, oder die einsicht darein, dass alle menschen sterben müssen.

    möglicherweise ist das scheitern dem sterben nicht ganz unähnlich. wir können beides nicht verhindern nur annehmen und es ertragen oder tragen, dann ist es vll nicht so schrecklich, wie es anmutet. im scheitern und im sterben sind wir doch alle gleich, beides macht uns menschlich. darum liegt die größere faszination weder beim erfolg noch beim leben sondern beim scheitern und dem tod. ….

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 18. September 2012 von in Journalist und getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , .
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