David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Misanthropische Platte: Gui Boratto – III (2011)

Es hat schon etwas beruhigende: In einer von wild-greller Aufgeregtheit dominierten Welt begeistert wahrhaft gute Musik weder mit Budenzauber noch durch Blendverpackung. Dementsprechend stoisch kommt auch das so düster und minimalistisch gehaltene Cover des dritten Werkes von Gui Boratto daher, dessen Inhalt dafür – wir nehmen es vorweg – so erlesen ist, dass der brasilianische Produzent es sich sogar erlauben konnte, diesem Werk die simpelste aller Bezeichnungen zu geben – III.

Der Ansatz, den Boratto hier wagt, ist dabei nicht einmal sonderlich neu, denn auf die Idee, den großen dunklen Geist der New Wave-Ära wiederzubeleben sind in den vergangenen Monaten genreübergreifend betrachtet schon viele gekommen. Vielleicht sogar zu viele, so dass der Mann aus Sao Paulo im Grunde gar keine andere Chance hatte, als III mit einer derartigen elektronischen Konsequenz zu produzieren, wie sie wohl tatsächlich allenfalls von einem ehemaligen Architektur und Design-Studenten erwartet werden darf. Denn Schönheit und Düsternis zu einem symbiotischen Klangjuwel zusammenzuschmieden mag sich einfach anhören – ist jedoch ein hochgradig schwieriges Unterfangen, so nicht auf die entsprechenden überdurchschnittlichen handwerklichen Fähigkeiten zurückgegriffen werden kann. Fähigkeiten, die Boratto fraglos besitzt und die – und das ist im Grunde bei einem derart konsequenten Ansatz noch wichtiger – nicht durch kreative Exzesse immer wieder aus den Fugen zu geraten drohen.

Bereits der Opener Galuchat beweist, dass Gui Boratto ganz im Gegensatz zu seinem Standing als gefeierter Protagonisten der aktuellen Dance-Szene auf Albumlänge so überhaupt nicht darauf aus ist, den Hörer allzu enthusiastisch und euphorisiert ausrasten zu lassen. Gottlob genauso weit davon entfernt sich zum verkopften Experimental-Frickler aufzuschwingen, ist es hier vor allem die Bedrohung der Langsamkeit, die Boratto mit Hilfe eines dauerklopfenden Fußtapper-Beat in Zeitlupe auf uns zu schweben lässt. Mentale Entrücktheit wird hier bereits zu einer auf uns zukommenden, fast schon schmeichelnden Bedrohung. Einer Bedrohung, der man sich bereitwillig ergeben möchte. Auf eine fast schon perfide Art bohrt sich Galuchat auf diese Weise langsam einmal quer durchs Großhirn, um als geradezu perfektionistisch arbeitender Türöffner bei seinem Austritt schließlich den Boden bereitet zu haben für die sinnlich fast schon kathartische Erfahrung von Beklemmung. Das nachfolgende Stems From Hell kommt zunächst noch in den klangreduzierten Rillen daher geglitten, die Galuchat bereits ausgefahren hat, mäandert sich unheilvoll durch das Gestrüpp unserer bereits frei herumliegenden Nervenenden, versprüht im Minutentakt eine sanfte Prise Gas und macht sich schließlich lautlos vom maladen Acker, um mit Striker und The Drill schließlich die Großmeister der kompromisslosen Kriegsführung auf uns loszulassen. Vor allem Striker kommt hier das Verdienst zu, den eigenen Untergang und das Aufgehen in der Dunkelheit nicht nur herbeisehnen, sondern auch lustvoll zelebrieren zu wollen. Die bereits benannte Katharsis des Einzelnen, die Möglichkeit über die bewusste Akzeptanz von Düsternis zu einer Form von Selbstreinigung zu gelangen – kaum eine Veröffentlichung des Postpunk – und New Wave-Revivals des vergangenen Jahrzehnts dürfte gerade diesen elementaren und dennoch so unfassbar fragilen Kernsatz der frühen Achtziger Jahre derart gut zum Leben wiedererweckt haben wie Gui Boratto, sei es nun auf dem gesamten Album oder ganz speziell an dieser Stelle. Vor allem Striker kommt dabei das Kunststück zu, sich bereits mit dem ersten Schlag die Stimme dunkler Zeremonienmeister vom Kaliber eines Dave Gahan (Depeche Mode), Phil Oakey (Human League) oder Kevin Patterson (Fiction Factory) herbeizuwünschen. Ein Wunsch, den Boratto (abgesehen von seinem eigenen, eher im Hintergrund stattfinden stimmlichen Kurzeinsatz), jedoch fast schon brutal unbeantwortet lässt – mit einigem Recht, ist es doch gerade diese elektronische Reduktion, die III endgültig von der Gefahr befreit, eventuell doch ab und an in Redundanz abzudriften und damit wohlmöglich den Staub eines Kunstwerkes anzusetzen, welches eigentlich doch besser bereits vor 25 Jahren hätte erscheinen soll. Leichte Ausschläge in Richtung Trance (Flying Practice) und Pop (Soledad) sind dabei derart kunstvoll mit der konzeptuellen Gesamtdüsternis von III verwoben, dass selbst die hier zur Schau gestellte, mitunter etwas kafkaeske Beklommenheit niemals dem Drang erliegt, sich selbst auch noch der allerletzten Schlupf- und Luftlöcher zu entsagen. Ein nicht zu unterschätzender Kunstgriff, gelingt es Boratto doch gerade auf diese Weise seinen Tracks und seinem Gesamtkonzept das Zwanghafte und die Aufgedrücktheit zu nehmen, die Veröffentlichungen dieser Coleur oft und gerne zu einem Ärgernis werden lassen. Nein, die Schockstarre und die nervliche Blockierung, der wir auf III qualvoll entgegenrobben, ist gewollt: von Boratto gleichermaßen wie auch von uns.

Together into the Darkness – wunderbar.

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„Schwarzer Frost“ – der Debütroman von David Wonschewski erscheint Ende November 2012.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22. November 2012 von in Die Misanthropische Platte und getaggt mit , , , , , , , , .
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