David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Kein Wort über Reinhard. Das Liedermacher-Juwel Carsten Langner im Interview.

clangner

Für das Liedermacher- und Kleinkunst-Magazin Ein Achtel Lorbeerblatt habe ich dieser Tage ein Interview mit Carsten Langner führen dürfen. Bisher noch in der Kategorie „Geheimtipp“ einsortiert, ist kaum ein anderer junger Liedermacher derart in der Lage das Erbe des Branchen-Primus Reinhard Mey anzutreten wie der Mann aus Schönkirchen. Reinlesen lohnt sich. Reinhören noch mehr.

Text & Interview: David Wonschewski

Kein Wort über Reinhard.

Zugegeben, so es ein Thema gibt, das in einem Gespräch mit dem Liedermacher Carsten Langner besonders nahe liegt, so ist es seine klangliche Nähe zum deutschen Oberchansonnier Reinhard Mey. Langners Gespür für die Melodie- und Sprachwelten seines (neben Hannes Wader) großen Vorbilds sind derart verblüffend, dass es mitunter überlagert, wie viel Eigenes im Schaffen des Mannes aus Schleswig-Holstein zu finden ist. Grund genug für uns ein Gespräch mit ihm zu führen – über emsige Gitarrenbauer, wehmütige Momente und, tatsächlich, ungeahnte Qualitäten des Justin Bieber. Und ganz bewusst nicht: über Reinhard Mey.

Vorab reinhören: Carsten Langner – Wie ein Schmetterling im Wind

Ein Achtel Lorbeerblatt (EAL): Carsten, sieht man dich so, wie du hier mit deinem Früchtetee neben mir sitzt, dann sieht das schon sehr entspannt aus. Erzähl doch mal, was hat ein Mann, dessen Hauptberuf Liedermacher ist, denn schon getan am heutigen Tage…?

Carsten Langner (CL): Den Tag habe ich im Studio verbracht, wo ich momentan an neuen Liedern arbeite. Diese Aufnahmen sind aber noch nicht für das nächste Album bestimmt, sondern erst mal Demos. Ich bin gespannt, wie sich die Songs in den kommenden Monaten entwickeln werden. Außerdem habe ich heute Abend einen ausgedehnten Winterspaziergang gemacht. Pünktlich zum Nikolaustag hat es nun endlich auch hier in Schönkirchen geschneit, was wegen der Nähe zum Meer nicht selbstverständlich ist. Und das ‚endlich‘ meine ich nicht ironisch. In meinem Herbstprogramm habe ich ein – nicht ganz ernst gemeintes – neues Lied gesungen mit dem Titel „Ich finde Sommer einfach ätzend“. Das ist zwar ein wenig übertrieben, aber ich bin schon eher Winterkind.

EAL: Oh, da kann ich dich durchaus verstehen, mir liegt der Winter auch mehr als der Sommer. Schon einmal drüber nachgedacht auszuwandern? Du lebst hier zwar schon im Norden Deutschlands, aber etwas höher ginge es ja schon noch…

CL: Müsste ich auswandern, würde ich mich wohl für eines der nordischen Länder entscheiden, nicht für südlichere Gefilde. Aber zum Glück muss ich es ja nicht. Ich fühle mich nämlich sehr wohl in Schleswig-Holstein. Ich brauche das Meer, den weiten Blick und auch die Einsamkeit, die man hier finden kann. Sogar das berüchtigte ‚Schmuddelwetter‘ mag ich. Woanders ist es zwar auch schön, aber mein Terrain ist hier. Meine Schwester ist gerade zum Studieren nach Hamburg gezogen. Dort besuche ich sie gerne mal. Nur auf Dauer wäre eine Großstadt nichts für mich. Ich bin ja schon froh, wenn ich mich im vergleichsweise beschaulichen Kiel zurecht finde.

EAL: Du bist für mich ein Liedermacher der „alten Schule“ – womit ich verbinde, dass du wirklich alles alleine machst. Texten, singen, Gitarre spielen dürfte noch klar sein. Aber du bist auch ganz bewusst ohne Label oder Management unterwegs und, so hört man, kennst dich auch in der Produktion ausnehmend gut aus. Woher kommt dieses Selbstverständnis, diese Lust am Alleingang?

CL: Über dieses ‚Selbstverständnis‘ mache ich mir wenig Gedanken. Ich folge da, glaube ich, eher einem inneren Instinkt. So bin ich auch ohne Vorsatz zur Liedermacherei gekommen. Als Kind habe ich hauptsächlich Reinhard Mey gehört, Rolf Zuckowski und, ja, Tom Astor – also grundverschiedene Musiker. Alle drei spielen aber Gitarre, also wollte ich das auch. Zunächst habe ich alleine geübt, später gab es dann Unterricht, durch den ich die Lust am Musizieren schnell verlor. Musik war nichts, was ich lernen wollte, ich wollte sie hören und machen, leben.

EAL: Rolf Zuckowski – finde ich klasse, dass den auch endlich mal einer erwähnt in diesem Zusammenhang. Bin erst vor einigen Tagen auf eine seiner Weihnachtsplatten gestoßen, die ich in den ganz frühen Achtzigern rauf und runter gehört habe.

CL: Sie sind wunderbar und begleiten mich bis heute, alle Jahre wieder. „Auf der Suche nach Weihnachten“ ist mein persönliches Weihnachtslieblingslied. Besser könnte ich die Gefühle, die mich zur Weihnachtszeit immer überkommen, nicht in Worte oder Verse fassen.

EAL: Aber das ist interessant, du hast dich also bewusst dagegen gesträubt, erst einmal, so wie die meisten, ein Instrument bei einem Musiklehrer zu erlernen?

CL: Ja. Nachdem mich meine Eltern vom Unterricht abgemeldet hatten, habe ich nach einiger Zeit von allein wieder angefangen, Gitarre zu spielen und bin seither Autodidakt. Zum Glück gab es nie Druck zuhause, aber immer wohlwollende Unterstützung seitens meiner Eltern. Wenn ich höre, dass manche Kinder zum Musizieren gezwungen werden, macht mich das wütend und traurig zugleich. So wird das nichts. Wer musikalisch ist, wird früher oder später allein zu seinem Instrument finden. Bei mir war es zumindest so.

EAL: Also doch ein Alleingänger?

CL: Ja, der Eindruck stimmt: Ich mache bewusst so viel wie möglich selbst – auch, weil ich Perfektionist bin. Es gibt immer etwas, womit ich nicht zufrieden bin. Der Vorteil einer Ein-Mann-Kapelle liegt auf der Hand: Man weiß stets, wer es verbockt hat. Zufriedenheit ist kein guter Antrieb. Ich brauche das Gefühl, es theoretisch immer noch besser hinbekommen zu können. Einen Nachteil gibt es natürlich: Als Alleingänger brauchst Du zwangsläufig „Vorbilder“, an denen Du Dich orientieren kannst. Der Autodidakt lernt erst mal durch abgucken und nachmachen, ganz einfach. Ich zumindest bin nicht in der Lage, irgendein Rad neu zu erfinden. Zum Glück habe ich so gute Ohren, dass ich weder Noten noch Tabulaturen brauche. Ich muss ein Lied nur hören und kann es nachspielen, wenn es spieltechnisch im Rahmen meiner Möglichkeiten ist. Mittlerweile mache ich aus den Techniken, die ich beherrsche, meine eigenen Songs, deren Melodien ich auch nicht aufschreibe, sondern aufnehme, um sie zu behalten. Vielleicht dauert es länger, auf diese Weise seinen eigenen Stil zu finden. Aber es macht mir Spaß und es ist immer schön, wenn ich ein neues Lied aufgenommen habe und beim Anhören feststelle, dass es vielleicht nicht perfekt ist, aber wieder ein bisschen mehr nach mir klingt als frühere Stücke. Allmählich erkenne ich, wohin die Reise geht.

EAL: Und der Gedanke in einer Band zu spielen? Ist ja gerade für viele Teenager sehr naheliegend…

CL: Der Gedanke, vielleicht mal als Gast in einer Band mitzuwirken, hat schon einen gewissen Reiz, zumal ich gerade in letzter Zeit einigen wirklich tollen Musikern begegnet bin. Vielleicht engagiere ich ja mal jemanden für das nächste CD-Projekt. Auf der Bühne brauche ich allerdings schon meinen Bereich für mich und – so blöd das klingen mag – meine Ruhe. Das hat damit zu tun, dass ich extremes Lampenfieber habe. Als Solist kann ich ohne Rücksicht auf andere Befindlichkeiten mein Programm so planen, wie es mir am besten liegt, und vor allem proben, bis der Arzt kommt. Finde mal eine Band, die bereit ist, jeden Tag drei/vier Stunden zu üben. Die erklären Dich für verrückt. Mit dem Anspruch wäre ich anderen nur ein Klotz am Bein und letztlich muss man sich auch musikalisch selbst treu bleiben. Ich bin eben doch eher der Einzelgänger-Typ.

EAL: Auf deiner Homepage können wir ja sogar erleben, dass du dir deine Gitarre nach Spezialwünschen in deiner Nachbarschaft anfertigen lässt und jeden einzelnen Schritt inbrünstig protokollierst!

CL: Noch vor einigen Monaten hätte ich es nie für möglich gehalten, mir mal eine Gitarre in die Hand bauen zu lassen – und dann auch noch in fast direkter Nachbarschaft. Die großen Gitarrenmanufakturen waren für mich immer weit weg – in Japan, Amerika oder zumindest in Bayern. Dann aber passierte so eine Geschichte, die man nicht erfinden, sondern nur erleben kann, wie sie das Leben schreibt: Im Frühherbst 2011 besuchte ich im Kieler Kulturforum ein Konzert der Folk-Gruppen Liederjan und Iontach, die als Liedertach gemeinsam auftreten. In der Pause kam der wunderbare Gitarrist Jens Kommnick auf mich zu – wir kannten uns flüchtig aus dem Internet und er hatte mich im Publikum erkannt. Anschließend saßen wir gemütlich zusammen und plauderten. Weil mir der gute verstärkte Klang seiner Gitarre aufgefallen war, fragte ich ihn nach dem Tonabnehmer. Er nannte mir das Modell und gerade als ich nachhakte, wo man sich den einbauen lassen könne, kam ein Mann durch die Tür. „Bei Andreas Köpke in Schönkirchen. Andreas ist Gitarrenbauer.“, antwortete Jens, rief ihn hinzu und stellte uns einander vor. Ich war völlig baff, denn Schönkirchen ist ja meine Heimatgemeinde, dort bin ich aufgewachsen und nun musste nach all den Jahren mich erst ein Kollege aus dem entfernten Wremendarauf aufmerksam machen, dass dort ein – wovon ich mich bald darauf selbst überzeugen durfte – begnadeter Gitarrenbauer wohnt und arbeitet.

EAL: Und wenn das Gute liegt so nah…bist du einfach vorbeigeschlendert im Hause Köpke, nehme ich an…

CL: Klar! Als ich Andreas das erste Mal in seiner Werkstatt besuchte, um mir den Tonabnehmer installieren zu lassen, war ich hin und weg: Er baut neben unzähligen anderen Folkinstrumenten nämlich genau jene Art von Akustik-Gitarren, nach der ich schon immer gesucht habe. OOO-Form, durchbrochene Kopfplatte, breites Griffbrett, Hals-Korpus-Übergang am 12. Bund usw. – angelehnt an einige Martin-Modelle, aber ohne jene Eigenschaften, die mich davon abhalten, mir eine Martin zuzulegen – dafür aber mit den Zutaten meiner Wahl. Ich bin halt eigentlich Konzert-Gitarrist und tue mich mit den allermeisten Westerngitarren sehr schwer. Dass ich nun eine Gitarre nach meinen Vorstellungen bekomme, ist ein Riesen-Glück. Leider wird es noch etwa ein Jahr dauern. Aber darauf, ihm immer mal wieder beim Bau über die Schulter zu schauen, freue ich mich jetzt schon. Neulich haben wir die Hölzer ausgesucht und abgeklopft, um ihre individuellen Klangeigenschaften zu erforschen. Das war vielleicht spannend. Für mich ist jeder Werkstattbesuch ein Abenteuer.

EAL: Reden wir über Musik – du bist jetzt, ich denke das darf man sagen, noch nicht überaus bekannt in Deutschland. Solltest es aber definitiv sein, weswegen wir dich ja gerne auf unser Cover hieven. Wer sich aber schon sehr lobend über dich geäußert hat ist niemand geringeres als Konstantin Wecker…

CL: Zunächst einmal muss ich dazu etwas klarstellen: Nicht Wecker persönlich hat mich gelobt, auch wenn das neulich mal in irgendeiner Zeitung stand. Ente! Meine CD wurde von Alexander Kinsky aus dem Wecker-Büro für „Hinter den Schlagzeilen“, das Online-Magazin von Konstantin Wecker, besprochen.

EAL: Okay, das ist ein kleiner, aus meiner Sicht aber nicht so bedeutender Unterschied. Dass du selbst ein großer Fan der Liedermacher-Urgesteine bist, gibst du ja in deiner Vita auf deiner Homepage selbst zu. Wie sieht es denn mit Wecker aus? Der ist ja denn doch noch einmal eine Spur, nun, spezieller…

CL: Ich mag das Wort ‚Fan‘ nicht und bin auch keiner. Natürlich gibt es Musiker, deren Lieder ich großartig finde. Genauso wie die Pizza bei meinem Lieblingsitaliener, die auch ein Kunstwerk ist. Das ist aber grundsätzlich unabhängig von der Person. Ein guter Musiker ist für mich nicht mehr und nicht weniger als ein begnadeter Handwerker. Seine Kreationen kann man bewundern, deshalb muss man aber nicht den Menschen, den man in der Regel persönlich nicht kennt, über Gebühr verehren. Dieser Personenkult, der bisweilen betrieben wird, ist mir suspekt. Vorbildlich an Altbarden wie Mey und Wader finde ich vor allem ihr zurückhaltend-bescheidenes Auftreten in der Öffentlichkeit. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb sind sie erfolgreich. Daraus kann man als Nachwuchsmusiker lernen: Auch klein gebackene Brötchen können vorzüglich schmecken. Aber zurück zu Deiner Frage: Konstantin Wecker halte ich für eine beeindruckende Persönlichkeit. Ich bin ihm noch nicht begegnet, aber seine Biografie gefällt mir sehr. „Die Kunst des Scheiterns“ ist eines der besten Bücher, das ich in den vergangenen Jahren gelesen habe. Wohl kaum einer geht öffentlich so schonungslos ehrlich und zugleich sympathisch mit seinen eigenen Fehlern und Schwächen um, wie er es tut. Und auch seine politischen Ansichten teile ich – meistens uneingeschränkt.

EAL: Da bin ich komplett bei dir. Ich habe das Buch auch gelesen und bin seitdem auch menschlich ein Fan von ihm. Und musikalisch?

CL: Musikalisch bin ich auf ihn recht spät, erst vor wenigen Jahren, aufmerksam geworden. Ich hatte zwar schon früher mal das eine oder andere Wecker-Lied gehört, aber nie eines, das mich richtig ansprach. Der Funke ist einfach nicht übergesprungen. Vielleicht musste ich da erst reinwachsen. Seitdem haben sich zahlreiche Alben und auch DVDs, unter anderem die des Doku-Filmes mit Hannes Wader, hier angesammelt. Die lege ich immer wieder gern auf. Allerdings höre ich zunehmend weniger Musik. Ich spiele den halben Tag lang Gitarre, danach mag ich es meistens lieber still. Wenn nicht, höre ich meistens ganz andere Sachen – zum Beispiel die NDR-Kult-Satire „Neues aus Stenkelfeld“, Urban Priol oder Georg Schramm – also eher Gesprochenes. Musikalisch auch mal Folk oder Country. Klassische Liedermacher, um ehrlich zu sein, fast gar nicht mehr. Zum Entspannen höre ich lieber Musik, die ganz anders ist als das, was ich selbst mache. Auch, um die schon angesprochenen Einflüsse auf meinen eigenen Stil, weiter zu reduzieren.

EAL: Das ist interessant und ähnlich wie bei mir. Seit ich selbst schreibe und dieses Geschriebene auch veröffentliche – lese ich kaum noch Bücher. Mich lenkt das immer zu sehr ab, richtig erklären kann ich es aber nicht. Und meistens lausche ich auch Kabarettisten, Pispers, Rether, Schramm, Priol – wunderbar! Aber: Dein Album höre ich natürlich. Sehr oft, zugegeben. Betitelt hast du es als „Momentaufnahme“ – und es ist eines der textlich wie auch musikalisch feinsinnig-poetischsten Alben, die ich selbst in diesem Jahr aus dem Genre habe hören dürfen. Du hast zwar nicht nur melancholische Balladen wie „Wie wie ein Schmetterling im Wind“, „Durch Dich“ oder – mein absoluter Favorit, ein echter Gänsehaut-Song – „Regenwind“, sondern auch flappsig bis selbstironische Stücke im Repertoire, dennoch zieht sich ein Schuss Wehmut durch alle deine Lieder. Sage ich als Hörer zumindest. Besonders politisch scheinst du, wo wir vorhin über Wecker sprachen, aber nicht zu sein. Zumindest was deine eigenen Lieder betrifft.

CL: Eigentlich bin ich ein total politischer Mensch. Als Schüler habe ich erst Radio, später Fernsehen gemacht und für den Offenen Kanal Schleswig-Holstein, einen öffentlich-rechtlichen Bürgersender, einige Jahre lang aus dem Kieler Landtag berichtet – mit monatlichen Abgeordneten-Talkrunden, Wahlsendungen usw. Damals fand ich das unglaublich aufregend und konnte mir keinen anderen Beruf vorstellen. Hätte ich diese Möglichkeiten und die sich daraus ergebenden, für mich im Laufe der Zeit zunehmend abschreckenden, Einblicke nicht gehabt, wäre ich vielleicht tatsächlich Journalist geworden. Zum Glück ist es anders gekommen…

EAL: Hey, nichts gegen Journalismus (lacht)

CL: (lacht) Ich weiß, Deine Profession! Nein, nichts gegen Journalismus. Abgeschreckt hat mich ja auch nicht der Journalismus an sich, sondern das, was heute in vielen Redaktionen darunter verstanden wird …

EAL: Dir sei verziehen! Erzähl weiter…

CL: Mit hundertprozentiger Leidenschaft habe ich immer nur Musik gemacht – was mir so erst im Abiturjahr richtig bewusst wurde, weil ich schulisch ganz gut da stand und deshalb in meiner Freizeit, nachdem sich die Medien-Geschichte quasi erledigt hatte, zum ersten Mal seit Jahren ausgiebig das tun konnte, worauf ich wirklich Lust hatte: Gitarre spielen, singen – Stunden lang. Das war für mich ein sehr prägendes Jahr, an dessen Ende ich dann den Entschluss gefasst habe, es ernsthaft als Musiker zu versuchen. Nicht irgendwie halbherzig nebenbei also, sondern ganz oder gar nicht. Und ich fühle mich seitdem wesentlich besser und freier. Gelegentlich fragen Bekannte, ob ich denn nicht ‚etwas Anständiges‘ lernen wollte, um mehr Sicherheit zu haben. Aber was, bitte, ist heute noch sicher? Ich will nicht mit 40 in irgendeinem Büro sitzen, vielleicht sogar gut verdienend, und mich jeden Tag fragen müssen, wie es wohl gekommen wäre, wenn ich mich doch für die Musik entschieden hätte. Ich tue es einfach jetzt, weil es sich richtig anfühlt. Und schreiben tue ich das, was mir auf der Seele brennt. Eine allem übergeordnete Grundintention gibt es also nicht. Ich schreibe auch eher langsam. Manchmal kommt Monate lang gar nichts und plötzlich habe ich dann, manchmal innerhalb weniger Stunden, drei Ideen für neue Lieder. Bis die fertig sind, dauert es dann immer noch ein paar Wochen, weil ich ewig an ihnen feile, bis mich das Ergebnis halbwegs zufriedenstellen kann. Diese kreativen Phasen sind immer sehr unterschiedlich. Mal kommt dabei ein Liebeslied raus wie „Durch Dich“ oder etwas Satirisches, z.B. „Ich hab’s!“, ein anderes Mal eben der „Regenwind“, den ich übrigens ursprünglich gar nicht auf der CD veröffentlichen wollte, weil er mir dann doch zu düster erschien. Nachdem ich nun einige Rückmeldungen bekommen habe, in denen der Titel explizit gewürdigt wird, bin ich froh, ihn doch aufgenommen zu haben.

EAL: Nun, liegt vielleicht an meinem eigenen Hang zu düsteren Themen, dass mir gerade der Song so zusagt. Aber auf ein wehmütiges Element in deinen Liedern können wir uns einigen?

CL: Können wir. Ich bin aber nicht absichtlich melancholisch. Das ist einfach Teil meiner Persönlichkeit.

EAL: Wieviel Arbeit steckt eigentlich in einem so wunderbaren Album wie „Momentaufnahme“? Handgemacht hört sich für den Nicht-Musiker, der ich bin, nun eben auch immer halbwegs einfach an. Sind die 10 Songs auf der Platte die Auswahl, die du aus hunderten von Eigenkomposition ausgewählt hast, die du über die Jahre geschrieben hast? Oder schreibst du eher fokussiert und hast am Ende dann allenfalls 10-15 Songs, die dafür aber aller „plattenreif“ sind?

CL: Die Lieder sind alle im Zeitraum Sommer 2010 bis Herbst 2011 entstanden. In der Tat schreibe ich sehr fokussiert. Alle Lieder, die fertig geworden sind, wurden auch veröffentlicht. Natürlich gab es viel mehr Entwürfe. Aber was mich im Laufe des Entstehungsprozesses nicht überzeugen kann, wird geschreddert, gnadenlos. Wenn ich bei meinen Konzerten immer behaupte, meine ersten Lieder gäbe es nicht mehr, ich hätte sie alle aufgrund mangelnder Qualität vernichtet, habe ich die Lacher auf meiner Seite. Dabei stimmt es. Die berühmte Schublade gibt es hier nicht. Warum sollte eine Idee, die mir jetzt nicht mehr zusagt, es später tun? Dann habe ich wieder andere. Manche Lieder müssen auch reifen, das habe ich aber im Gespür. Die kommen dann in einen Ordner. Allzu viele sind das jedoch nicht. Wenn ein Einfall mich wirklich fesselt, wird er in der Regel auch innerhalb weniger Wochen zu einem Lied.

EAL: Und wie viel an persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse steckt in deinen Liedern? Ich selbst habe das Gefühl, dass du die meisten Songs in einer sehr intensiven, aber auch allgemeingültigen Sprache verfasst. Das hat den Vorteil, dass sie nie zu speziell werden und sich jeder darin wiederfinden kann. Am besten merkt man das in einem Song wie „Aber…“, der natürlich aus der Sicht eines jungen Liedermachers geschrieben ist, der seinen Kritikern begegnet. Für den man aber gar nicht Musiker sein muss, um dir nicht einfach beiseite springen und Recht geben zu wollen….

CL: „Aber …“ ist tatsächlich ein Lied, das – was die Kritik-Aufzählungen angeht – ausschließlich aus Erfahrungen besteht. Da ist nichts erfunden, nicht mal der Vergleich mit Justin Bieber oder der entsetze Ausruf eines Herrn, der sich in der Pause auf meinen Vater stürzte mit den Worten: „Das ist ja gar nicht Reinhard Mey!“ Auch die Frau, die mir vor dem Klo auflauerte, um mich ganz groß rauszubringen, habe ich kennen gelernt. Wie sie heißt, hat sie mir allerdings nicht verraten. Das wollte sie nur gegen meine Telefonnummer tun, die ich in dem Fall nicht rausgerückt habe.

EAL: Mist, jetzt ist er doch gefallen, der Name des großen Chansonniers! (lacht)

CL: (lacht) Justin Bieber – ein großer Chansonnier? Im Ernst: Ich habe kein Problem damit. Zum Einen schmeicheln mir die Vergleiche und andererseits will ich meine Einflüsse nicht verleugnen. Ich bin ja gerade erst am Anfang meiner Reise, die ich ohne diese Mey-Kassette, die mein Vater eines Tages mit nach Hause brachte, nie begonnen hätte. Für die Einflüsse bin ich dankbar – was ich daraus mache, liegt in meiner eigenen Hand. Da ich gern kreativ bin und mich als ungeduldige Natur niemals mit dem Ist-Zustand begnüge, mache ich mir, was die Ausprägung des eigenen Stils angeht, wenig Gedanken. Wenn man regelmäßig schreibt, entwickelt sich die Handschrift zwangsläufig weiter.

EAL: Zurück zum Thema: Also stimmt das alles, was ich da in „Aber …“ so höre?

CL: Die Strophen sind fiktiv. Weder knutsche ich mit Leuten aus dem Publikum noch treffe ich Praktikantinnen von Veranstaltern zu Pausenschäferstündchen in der Garderobe. Dafür bin ich noch nicht bekannt genug, die ignorieren mich alle! (lacht)

EAL: Erzähl uns doch ein wenig was über das Touren. Was sind so deine Live-Erfahrungen?

CL: Richtig auf Tour war ich ja noch nicht so oft, da zwischen meinen Konzerten in der Regel einige Tage Pause liegen. Dann fahren wir morgens hier los uns sind – je nach Entfernung – irgendwann nachts wieder zuhause. Im Oktober hatte ich erstmals drei Auftritte hintereinander in Schieder-Schwalenberg, Bremen und Gadenstedt. War das ein Abenteuer! Ich habe aber auch gemerkt, dass man sich da erst langsam dran gewöhnen muss. Noch zwei Tage mehr hätten mir den Rest gegeben. Ich spiele mein Programm zwar auch zuhause täglich durch, aber das ist etwas anderes. Da ich, wie schon gesagt, großes Lampenfieber habe, war auf der Tour an Schlaf kaum zu denken, erst nach dem zweiten Abend wurde es etwas besser. Mal sehen, ob ich es nächstes Jahr schaffe, mal vier Auftritte in Folge zu organisieren, um weiter zu trainieren.

EAL: Die altbekannte Salami-Taktik, sehr gut! Wir können es ja offen sagen: Neben Holger Saarmann warst du mein Favorit als musikalische Begleitung bei meiner eigenen Buchpremiere, die ich vor wenigen Wochen feiern durfte. Holger hat seine Sache hervorragend gemacht und das Zusammenspiel hat, das kann ich glaube ich sagen, so gut funktioniert, dass wir inzwischen öfter zusammen auftreten. Auch von dir hätte ich mich zwischen meinen Lesestücken gerne musikalisch etwas aufwerten lassen. Gescheitert ist es dann leider an sehr realen Problemen: Kleinkunst bringt nicht wahnsinnig viel Geld ein und für alle Beteiligten wäre die Aktion zu einem unverantwortlichen Minusgeschäft geworden. Ich könnte mir vorstellen ohne Label im Rücken stößt du öfter mal auf derlei Hindernisse, oder?

CL: Mit Label wäre das doch nicht anders. Zwar würden die mir sicherlich den einen oder anderen Auftritt zusätzlich an Land ziehen, aber ganz sicher nicht uneigennützig. Klar: Eine große Plattenfirma hat werbe- und vertriebstechnisch ganz andere Möglichkeiten als ich. Und wenn man die Charts stürmen will, wird man an denen nicht vorbei kommen. Aber das habe ich nicht vor. Ich möchte Musik machen, die Freude, die ich daran habe, mit Menschen teilen und – klar – wenn möglich, irgendwann davon leben können. Dafür, dass man das auch ohne Plattenvertrag hinbekommen kann, wenn man sich auf das Wesentliche konzentriert, gibt es genug Beispiele. Man darf sich halt nicht verrennen oder zu große monetäre Ansprüche haben. Was die Konzerte angeht: Mir ist wichtig, nur dort aufzutreten, wo ich einem Publikum begegne, das bereit ist, einen Abend lang zuzuhören. Und, um Deinen Frage nach der Finanzierbarkeit noch einmal aufzugreifen: Ein Zweieinhalbstundenkonzert gibt es natürlich nicht umsonst, das kostet eben zehn oder zwölf Euro Eintritt. Für seriöse Veranstalter und auch für ein ernsthaft interessiertes Publikum ist das eine Selbstverständlichkeit. Diejenigen, die Kunst für brotlos halten, verachten sie.

EAL: Na holla, ein schöner Satz, fast schon weise, gefällt mir…

CL: Manchem mag das angesichts meiner Situation als noch relativ unbekannter Künstler vielleicht ein wenig dünkelhaft erscheinen. Es gibt diesen Spruch, man müsse sich erst einmal „den Arsch abspielen“. Sicherlich ist da was dran, aber meine Rechnung ist pragmatisch: Ich kann mich nur dann ganz meiner Musik widmen und den Qualitätsansprüchen gerecht werden, die ich an mich selbst stelle, wenn mir das finanziell nicht das Genick bricht. Eine Durststrecke lässt sich aushalten. Aber ein paar hundert Euro Spritkosten-Minus am Abend plus Hotel-Gebühr, nur um im Süden der Republik mal in irgendeiner Kneipe, wo keiner zuhört, gegen Tür und Hutgage zu spielen – das würde nicht lange gut gehen. Irgendwann sind Tasche und Tank leer. Wie soll ich dann zum nächsten Auftritt kommen? Folglich muss ich mich vorerst mit weniger Konzerten begnügen, als vielleicht möglich wären. Dafür sind sie aber immer gut besucht, weil auch meine Veranstalter mit ganzem Herzen dabei sind und weil wir nur dort hinfahren, wo eben auch Liedermacher wirklich willkommen sind. Diesbezüglich hatte ich bislang immer Glück. Und es ist wesentlich nachhaltiger. Wer bereit ist, sich auf meine Musik einzulassen, findet vielleicht Gefallen an ihr – oder eben nicht. Wenn ja, nimmt mancher eine CD mit und kommt im besten Fall beim nächsten Mal mit Freunden und Bekannten wieder. Das erlebe ich in der Tat häufig, einige Stammgäste gibt es schon. Kneipengängern hingegen ist doch meist völlig egal, wer da gerade im Hintergrund rumklampft. Wenn das dann auch noch Eintritt kostet, ist man bei denen unten durch. So kann man zwar jeden Abend auftreten, aber eben nicht als Berufsmusiker. Wer das macht, ruiniert sich früher oder später selbst – oder geht tagsüber arbeiten und sieht die Musik als Hobby.

EAL: Klingt logisch, bringt allerdings auch einen Vorteil ans Licht, den es hat, wenn man eher in der Provinz wohnt. In einer Großstadt wie Berlin als unbekannter Künstler 12 Euro zu nehmen ist eine ganz andere Hausnummer, denn hier ist so viel los, da läuft der geneigte Musikfreund einfach 20 Meter weiter und schaut sich was an, was kostengünstiger daher kommt. Darum gibt es auch relativ viele Kleinkunst-Events hier, die kostenlos sind. Das mit dem „Label im Rücken“ ist bei dir aber eh obsolet, denn du bringst deine Platte ja auf deinem eigenen Label heraus, CLABAUTER musik. Wie kamst du auf die Idee gleich ein eigenes Label zu gründen?

CL: Mir war es von Anfang an wichtig, möglichst alle Fäden selbst in der Hand zu haben. Ich kann allein entscheiden, wo und wie ich meine CDs anbiete, muss niemandem Rechte an meinen Liedern abtreten und auch nicht befürchten, dass meine Platte eingestampft wird, nur weil sie nicht mehr in irgendeinen Katalog passt. Außerdem habe ich ja Freude daran, nicht nur Musik zu machen, sondern auch selbst z.B. das Booklet zu gestalten. Ohne Plattenvertrag ist die künstlerische Freiheit beinahe grenzenlos, eingeschränkt nur durch gewisse Vorgaben des Presswerks, damit bei der Herstellung nichts schief geht.

EAL: Ist CLABAUTER musik nur für deine eigenen Sachen da oder sollen längerfristig auch andere Künstler dort veröffentlichen?

CL: In der Tat habe ich auch ein großes Vergnügen daran, am Mischpult zu arbeiten. Gerade mastere ich die Lieder einer Folkband, vielleicht wird das ja die CD CLABAUTER musik 002. Mich fasziniert die Tonstudioarbeit total. Mikrofone aufstellen, mit verschiedenen Positionen und Stereo-Systemen experimentieren, die Raumakustik optimieren, bei der Nachbearbeitung mit möglichst wenig Technik auskommen, es im Zweifel lieber noch einmal anders machen – das sind Themen, mit denen ich ganze Tage und Nächte verbringe. Mich diesbezüglich weiter zu entwickeln, das eigene Studio zu vergrößern und irgendwann auch für andere Kleinkünstler als Produzent zu arbeiten, ist einer meiner großen Träume. Und Träume träumt man am besten, indem man sich darauf konzentriert, sie im Rahmen seiner Möglichkeiten zu leben. Natürlich muss man sich da langsam rantasten. Das, was ich mache, will ich gut machen. Und wenn ich irgendwo unsicher bin, lasse ich die Finger davon und probiere lieber noch ein bisschen im stillen Kämmerlein herum. 

EAL: Okay, Carsten, ein kleiner Ausblick auf 2013 – wie sehen deine Planungen aus? 

CL: Mehr Konzerte! Es sieht auch gar nicht so schlecht aus im Moment. Luft nach oben ist natürlich noch reichlich da, aber es wird von Jahr zu Jahr besser. Eine neue CD ist hingegen noch nicht konkret geplant. Es wird sie geben, aber vermutlich nicht im kommenden Jahr. Nach einem reinen Gitarrenalbum möchte ich nun mal etwas anderes ausprobieren, zumindest im Studio. Vielleicht werde ich für den einen oder anderen Song Musiker engagieren. Am Klavier versuche ich mich selbst gerade.

EAL: Also ich werde dich auf jeden Fall im Auge behalten. Hm, klingt wie eine Drohung, oder? Ist aber, natürlich, positiv gemeint. Danke, dass du dir die Zeit für uns genommen hast!

CL: Danke für das Gespräch. Dir und allen EAL-Lesern ein schönes Weihnachtsfest.

www.carsten-langner.de

Advertisements

2 Kommentare zu “Kein Wort über Reinhard. Das Liedermacher-Juwel Carsten Langner im Interview.

  1. juppwink
    21. Dezember 2012

    Reblogged this on Der Jupp mag Musik. und kommentierte:
    Wo Reinhard Mey heute 70 wird, passt das doch perfekt. Ein junger Liedermacher, der klingt wie der Jubilar.

  2. orchidee75
    21. Dezember 2012

    Reblogged this on Das Leben im Allgemeinen und kommentierte:
    Klingt ja wirklich wie Reinhard Mey. Lustig.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. Januar 2013 von in Wonschewskis Liedermachertipp und getaggt mit , , , , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: