David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Kammerspiel statt Trauerspiel? Buchrezension zu SCHWARZER FROST.

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Bekanntlich gibt es diverse Dinge, die ein Mann im Laufe seines Lebens getan haben sollte. Baum pflanzen, Haus bauen, Kind zeugen. Und ganz sicher auch: Ein Kammerspiel schreiben. Aber wenn ich es doch sage…

Wie dem auch sei, Julia Katharina Lenz war so zuvorkommend meinen düsteren Roman „Schwarzer Frost“ den dunklen Seelen Kölns auf die Seele zu legen. Folgend ihre Buchrezension im Wortlaut:

Ein Musikjournalist steht in seiner Wohnung und wartet auf einen eingeladenen Gast. Lohwald kommt in wenigen Minuten, es soll ein wenig über gute Musik geredet werden. Doch mit jeder Sekunde die unser Hauptprotagonist in seiner Wohnung steht, wird ihm deutlich, wie sehr er seinen Kollegen verabscheut. Zu viele Spitzen und zu viele Demütigungen musste er ertragen. Zu viel schwarzer Frost setze an. Er verirrt sich in Gedankengängen und zeichnet so nicht nur ein Bild von Lohwald, sondern skizziert auch mit jedem Gedanken an seinen verstorbenen Freund Moritz, an seine Ex-Freundin Marie, an alte Geschichten, immer mehr ein Bild von sich selbst.
Bald steht fest, dass er Lohwald töten wird.

„Je älter ich werde, umso öfter passiert es mir, dass ich mein Gestern betrachte und nichts mehr sehe. Gleich einer körperlichen Lähmung, bei der man seinen linken Fuß oder ein Bein oder einen Finger nicht mehr spürt, spüre ich mein Gestern immer weniger.“

„Schwarzer Frost“ ist ein Kammerspiel mit weit schweifenden Reisen durch das Leben des Erzählers. Mal fragmenthaft, mal ausführlicher, folgt man ihm durch Abschnitte seines Daseins und findet sich schnell wieder in sprunghaften Gedanken aus Boshaftigkeit, Misanthropie und Zynismus. Der Ich-Erzähler gibt dem Leser keine sanfte Einleitung in das Thema oder Protagonisten, sondern positioniert ihn direkt in seinem Kopf und lässt ihn teilhaben an nicht nur sehr intimen, sondern auch äußerst verstörenden und morbiden Gedanken. Dabei mag sich aber keine reine Abneigung gegen ihn einstellen: Trotz teilweise menschenverachtender Ansichten, trotz der erschreckenden Kühle, die er bei emotionalen Momenten schildert, trotz alledem, sind die Gefühle ihm gegenüber bis zum Ende ambivalent.
Geradezu verstörend scheint es doch, wie ein Mensch seinem besten Freund zum Selbstmord raten und mit ihm darüber scherzen kann. Jeglicher Emotion beraubt wirkt der Protagonist, wenn er die Beziehung zu seiner um Liebe bettelnden Exfreundin beschreibt. Kühl und berechnend analysiert er Chancen, Lohwald zu töten und sieht dabei auch klar sein Potential: Regungs- und teilnahmslos töten zu können. Dennoch, schwingen in den Zeilen immer wieder Sanftheit und Melancholie mit, die den Ich-Erzähler in weicheren Konturen erscheinen lassen. Vielleicht liegt es auch an den Momenten, in denen man sich zustimmend nickend erwischt, oder in denen man ob seiner phantastischen, morbiden Ideen lachen muss. Er wirkt doch absurderweise in seinen unmenschlichen Gedanken oft sehr nachvollziehbar menschlich.

„Die Suche nach Liebe bringt nichts, denn selbst wenn ich dieser Liebe begegnen sollte, werde ich ihr nicht mehr glauben können.“

Wonschewski gibt mit seinem Roman „Schwarzer Frost“ einen verstörenden Einblick in Psyche eines möglichen Mörders und rast dabei, mit dem Leser an der Hand, durch die Gedanken ohne Absatz und Kapitelpause. Kein Buch, dass man zur Zerstreuung nebenbei liest und auch sicherlich kein Thema für jeden, aber ganz sicher ein Blick in einen Strudel, der mitreißt, wenn man sich einlassen möchte.

SCHWARZER FROST – der Debütroman von David Wonschewski. Bestellbar bei allen regionalen und virtuellen Buchmarketendern.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22. Februar 2013 von in Rezensionen, Rezensionen und getaggt mit , , , , , , , .
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