David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Über Lebenszeugen. Textauszug aus: David Wonschewski – „Schwarzer Frost“

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Ist ein Mensch erst einmal herausgerissen worden aus seiner gedanklichen Jungfäulichkeit, so gibt es kein Zurück. Ob verprügelte oder betrogene Frauen oder im Krieg traumatisierte Soldaten, das Schema bleibt stets das Gleiche: Hat man einmal gesehen, so gibt es keine Umkehr mehr. Da hilft keine Therapie, kein gutes Zureden, keine Freundschaft. Ja nicht einmal Liebe und Vertrauen. Auch für Leute, die aus einer Neugier heraus einmal hinter den Lebensvorhang geblickt haben, um es nur ganz kurz einmal zu streicheln, dieses große, schlafende Nichts, auch für sie gibt es per se keine Rückkehr, der Vorhang wird für sie immer geöffnet bleiben. Da hilft kein Zurren und kein Zerren, auf bleibt auf. Nein, wir Menschen sind nicht konstruiert worden, um vergessen zu können. Wir wurden gemacht, um zeitlebens Bilderträger zu sein, Sattelschlepper unserer eigenen Erinnerungen. Irre werden demnach auch niemals jene, denen etwas fehlt, die dringend einer Behandlung bedürfen. Irre werden vielmehr die, die zu viel haben. Zu viel erlebt, zu viel gesehen. Unsere Anstalten und Therapiezentren sind also gar nicht angefüllt mit Wahnsinnigen und Existenzunfähigen. Sondern mit wahrhaften Bescheidwissern. Lebenszeugen. (Protagonist, „Schwarzer Frost“)

Schwarzer Frost – der Debütroman von David Wonschewski ist Ende 2012 im Verlag Periplaneta erschienen. Beziehbar über alle virtuellen und regionalen Buchmarketender, versandkostenfrei (!) beim Verlag oder aber handsigniert direkt über den Autor. Dazu bitte einfach das Kontaktfeld auf der linken Seite nutzen.

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4 Kommentare zu “Über Lebenszeugen. Textauszug aus: David Wonschewski – „Schwarzer Frost“

  1. davidwonschewski
    21. Januar 2013

    Ob ich das könnte, nun, das wird sich zeigen und bleibt am Ende selbstredend jedem Leser überlassen das für sich zu bewerten. Defintiv erläutern Sie da aber ganz fein die prinzipielle Richtung, in die ich mich bewege und die ich weiter ausloten möchte. Jener Punkt, in dem Opfer und Täter verschwimmen, vielleicht gar eins werden. Jener Punkt, in dem der Wahnsinnige den Gefassten überflügelt. Jener Punkt, in der Handeln zu „absoluter Relativität“ wird – wenn mir dieser in sich etwas widersprüchliche Terminus erlaubt ist. Wenn Sie sich mit russischer Literatur etwas auskennen, dann wird Ihnen der Oblomow doch bestimmt bekannt sein. Geht vielleicht nicht zu hundert Prozent in Ihre Richtung, aber ist ein Stoff, der mich fasziniert.

  2. Arnold Bathurst
    21. Januar 2013

    Für Sie als Autor wäre sicher auch interessant, zu beschreiben, was in dem Moment, da man zum Bescheidwissenden wird, passiert. Also ich meine genau die Wende, die Umkehr, der Moment explizit. Es gibt ja, ohne das ich hier groß angeben will mit Literaturkenntnis, eine große Gestalt der russischen Literatur, die so eine Wende erfährt und diese Person ist Iwan Karamsow, der Mittelste der drei Brüder Karamsow, der Intellektuelle. Der wird am Ende des Romans verrückt. Foucault schreibt, dass Dostojewski wusste, dass der Mensch in der niedrigsten Stufe des menschlichen Seins bzw. in der höchsten Form des menschlichen Leidens, im Wahnsinn, die größte Form der göttlichen Gnade erfährt. Ähnlich wie Jesus, der, laut Foucault, auch verrückt wurde am Ende, deshalb weil Jesus exemplarisch durch alle menschlichen Leiden hindurch muss und dazu gehört nun auch mal der Wahnsinn. Nach diesem Erlebnis des tiefsten Leidens und der höchsten Gnade wird der Mensch zum Wissendenen, aber auch, und davon gehe ich aus, zu jenem, der aufhört zu handeln, weil alles Handeln nunmal, und so musste es der Mensch, zumeist schmerzlich, erfahren, Schuld ist.

    Glauben Sie, dass sie solcherlei beschreiben könnten?

    MfG

    Ab

  3. davidwonschewski
    20. Januar 2013

    Hallo, ja, da scheinen wir recht ähnlich zu denken, vielen Dank für den Kommentar. Nun, wie ich im Interview zu dem Roman – das ja bei Bedarf auch hier noch zu lesen ist – sagte: Ein gewisser Widerspruch ist gewollt, wird aber natürlich von Leser zu Leser anders geartet und unterschiedlich intensiv sein. Von daher freut mich ihr Kommentar. Am Ende bleibt der Frost aber natürlich ein Roman. An wissenschaftlich-philosophische Werke wage ich mich dann in 20 Jahren, wenn ich 60 aufwärts bin und noch ein paar Lebens- und Denkmodelle mehr durchhabe. Den Weisheit mag zwar nicht unbedingt was mit dem Alter zu tun haben, aber schon etwas mit einer persönlichen Reise, denke ich.
    Mit den besten Grüßen

  4. Arnold Bathurst
    20. Januar 2013

    Super! Das sehe ich auch so und würde auch noch sagen, dass die Menschen von Anfang an, also in dem Zustand, wo sie noch keine Sehenden sind, bereits verraten und verkauft sind. Die Jugend ist prima zum Beispiel. Sie war es immer. Aber anstatt Platz zu machen, profitieren die anderen davon und beuten die arme Jugend aus. Die Jugend sieht das nicht. Daher klappt es so gut. Gehen der Jugend die Augen auf, ist sie vorbei. Ende. Verraten und links liegen gelassen.

    Und überall dieser Verrat! Die Städte sind voll davon. Traurig auch: Man kann dem Verraten nicht ausweichen, weil man, ist man noch nicht verraten, ihn nicht kennt. Kennt man ihn, ist man Sehender geworden, ist man nicht mehr zu verraten und braucht ihm nicht mehr ausweichen. In diesem Sinne machte ich mal folgenden Satz: Ich tauge nicht mehr für das Leben, an mir ist nichts mehr zu verraten.

    LG

    AB

    P.S. Habe mir Ihr Buch besorgt und auch so gut wie durchgelesen. Es sind ein paar Stellen drin, denen ich zustimmen kann, anderen eher nicht. Ich gehe ja davon aus, dass alle Literatur und auch Kunst überhaupt Erkenntnistheorie ist, will sagen: Alle Kunst sagt, in der Regel unbewusst, etwas darüber aus, wie unser Verhältnis zur Welt ist. Sei es nun, dass wir sie entdecken, die Welt, konstruieren oder dekonstruieren müssen. Ich bin mir nicht sicher, ob ihr Buch Erkenntnistheorie enthält. Suche danach noch. 😉

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