David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Wirtschaftlicher Niedergang trifft auf menschlichen Aufschwung: Griechenland zieht den Stecker.

MashaPotempa9

Oh doch, das ist schon ein starkes Stück. Da gehen die Griechen einfach einmal ganz nonchalant daher und drehen sich selbst den Fernsehsaft ab. Zack, raus ist der Stecker, der öffentlich-rechtliche ERT – nur noch eine in letzten Lichtblitzen dahin zuckende Erinnerung. Quasi von einem Tag auf den anderen sind die Bildschirme schwarz. Einfach Ende. Einfach aus.

Und wir, wie wollen wir das finden? Um ehrlich zu sein: erschreckend und faszinierend zugleich. Denn was sich seit inzwischen viel zu vielen Monaten in Griechenland abspielt, es erscheint uns zunehmend wie die von eigener Hand gezeugte Menschenapokalypse. Und damit als der vielleicht schlimmste aller Albträume. Nein, nicht Feuer, nicht Sturm, nicht Wasser und nicht einmal zombiehafte Mutanten werden uns Menschen dereinst in einem riesigen Tohuwabohu auslöschen. Wir löschen uns selbst aus, in aller Stille und in aller Ruhe. Indem wir uns eigenhändig den Saft abdrehen. Welch‘ metaphorische Meisterleistung der griechischen Regierung dort gelungen ist, es ist kaum in Worte zu kleiden. Mit Verlaub, stellen wir uns vor wie der Grieche heute in alter Gewohnheit zu seinem Fernseher schlurft – so er sich denn noch einen leisten kann – und feststellt, dass da gar nichts mehr kommt und ist und existiert, doch, das hat schon ein wenig was von jener Endzeitlichkeit, die uns Weltuntergangsfilme der neunzehnhundertachtziger Jahre, oftmals noch geprägt vom atomaren Wettrüsten, auftischen wollten. Stell dir also vor du wachst auf – und plötzlich ist da keiner mehr. Zumindest kein Mensch. Die Vögel zwitschern, irgendwo im Gebüsch zirpt es. Und plötzlich ist einfach keiner mehr von uns da. Die Natur kuriert sich selbst. Die Natur heilt sich selbst.

Auf einem unserer bundesdeutschen TV-Nachrichtensender werden seit einiger Zeit mit penetranter Obsession „Dokumentarfilme“ gezeigt, in denen das Leben auf unserem Planeten ohne Menschen vorgeführt wird. Was aus unseren ganzen Errungenschaften wird, wenn wir Menschen einfach nicht mehr da sind, wie alles erst in sich zusammenfällt und schließlich ganz verschwindet. Diese Filme sind derart peinlich, daneben und auf Sensation aus, dass man sich fast schon den guten alten Nostradamus vorstellen mag, wie er dereinst dort saß, weise und beflissen vor sich hin mäanderte und seinen Mitmenschen wohl ebenso peinlich, daneben und nur auf Sensation aus erschien wie just diese Filmchen. Aber: Wie Nostradamus, so faszinieren auch diese Filme durch einen fast schon kathartisch zu nennenden Grundgedanken: Unserer Sehnsucht nach Stille. Nach etwas Abstand von uns selbst und dem was wir „Zivilgesellschaft“ nennen, uns jedoch überwiegend zäh, niederdrückend und anstrengend erscheint.

Natürlich, Weltuntergangsszenarien haben immer Hochkonjunktur, schließlich sind Angst und Panik mit die größten Triebfedern menschlichen Fortschritts. Wären wir uns in unserer Existenz so verdammt sicher, wir wären längst verschwunden von diesem Planeten. Unsere ständige Unsicherheit aber ist es, die uns bisher so wacker und tapfer am Leben gehalten hat. Jedem Feind sind wir bisher mit diesem Wahn begegnet, er könne uns auslöschen. Prophylaxe ist zu unserem höchst erfolgreichen Allheilmittel geworden, vollkommen egal in welchem Fachbereich. Was immer auch drohend und dräuend auf uns zukommen mag – wir haben die Antwort darauf schon parat.

Seuchen, Meteoriten, Außerirdische? Kinkerlitzchen, hauen wir alle mit links weg.

Nein, wir brauchen keine Feinde von außen. Denn den Stecker, den werden wir uns schon selbst ziehen. Keine wirklich neue Erkenntnis. Nur bisher nie derart konkret und greifbar illustriert worden wie nun in Griechenland.

Nun kennt der Schreiber dieser Zeilen die Qualität des griechischen Programmes nur unzureichend, um einordnen zu können wie herb der  journalistische Verlust ist. Nachgereicht werden sollte jedoch das Wissen darum, dass nicht wenige Deutsche die Vorstellung öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Radiosendern könne einfach mal fix der Saft abgedreht werden als gar nicht so unheilvoll empfinden. Und vielleicht gleich noch ein paar privaten Anbietern dazu.

Auf dass endlich wieder Ruhe einkehre auf Erden. Und die Menschheit sich abkopple von künstlich-medial erzeugter Raserei.

So gesehen könnte eine Apokalypse also auch etwas sein, was dem Menschen dienen wird. Der Weg zurück zu uns selbst, er beginnt genau jetzt. Symbolisiert durch ein paar in Griechenland gezogene Stecker. Menschheit unplugged, sozusagen.

Und schon ist die Laune wieder gut, die Stimmung optimistisch.  Alles wird gut. Es geht bergauf.

SCHWARZER FROST – der Debütroman von David Wonschewski ist HIER erhältlich.

Foto: Masha Potempa (Musik – Lyrik – Fotografie, www.mashapotempa.de)

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4 Kommentare zu “Wirtschaftlicher Niedergang trifft auf menschlichen Aufschwung: Griechenland zieht den Stecker.

  1. -noricus-
    15. August 2013

    my five cents 😉

  2. wiesenirja
    16. Juni 2013

    Habe gelesen, das Programm soll reichlich mies gewesen sein. Vor allem aber: dass „uns Angie“ sehr für dieses „Einsparpotential“ plädierte. – Wer hat also da wem den öffentlich-rechtlichen Saft abgedreht?

  3. pgeofrey
    13. Juni 2013

    Hat dies auf ReBlog rebloggt.

  4. lawgunsandfreedom
    12. Juni 2013

    Die Welt dreht sich zu schnell. Alles wird komplexer, hektischer, schneller, lauter und voller. Kein Wunder daß man da nicht mehr mitkommt. Für so viel Streß ist der Mensch nicht gemacht.

    Dieser selbstgeschaffene Irrsinn macht die Menschen krank. Die einen stumpft es ab, wieder andere drehen durch. Lehnen wir uns also entspannt zurück und genießen die Show.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 12. Juni 2013 von in Journalist und getaggt mit , , , , , , , .
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