David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Beton oder: Thomas, mein Thomas.

beton

Und so hocke ich dort, umwittert und umnebelt von Rastlosigkeit und Stille, und beschließe, dass eine Buchlektüre diese im Tröpfeln erstarrte Zeit mit Leben füllen könnte. Auf dass durch Phantasieanregung dem Dahinsiechen ein Ende und dem Aufblühen ein Anfang gesetzt werde. Doch die Schreiber der neuen Zeit, die Schreiber der großen Auflagen, sie bereiten mir Schwierigkeiten. Es mag Neid sein, womöglich auch bornierter Nonkonformismus, doch lese ich 5 Seiten eines Buches problem-, gedanken- und widerspruchslos am Stück, so überfallen mich Sinnlosigkeit und Langeweile. Muss ich nicht ein einziges Male innehalten, weil wieder einmal Hauptsatz sich sorglos an Hauptsatz schmiegt und alles so klar und undiskutierbar dort abgedruckt steht, eine eindeutige Handlung sich an die nächste eindeutige Handlung reiht, so überkommt mich die schlechte Laune. Kunst muss wie Sport sein, denke ich. Wenn es nicht anstrengt, so ist es für die Katz. Und so greife ich, fast möchte ich sagen „notgedrungen“ wieder nach einem Roman von Thomas Bernhard, seinem „Beton“ von 1982. Ein einziger atemloser Monolog ist dieses Buch, keine Absätze, keine Luftlöcher, keine Inseln der Geruhsamkeit. Ein einziges Gezetere und Gejammere ist dieses Buch, ein letzter rastloser Wutausbruch eines dem Tode Geweihten. Allein der erste Satz ist eine Frechheit, auf diversen Eben verschachtelt verfängt und verheddert er sich auf anderthalb Seiten ohne dabei auch nur im Ansatz daran zu denken Ordnung zu schaffen, Struktur zu heucheln, ab und an Punkte zu setzen. Und ich erarbeite mir Stück für Stück Chaos und Furor, lese und lese und bemerke wie meine Stimmung steigt, meine Laune sich bessert und auch die Sonne wieder herauskommt. Denn Thomas Bernhard lesen ist auch immer ein wenig wie Wolken verdrängen, Fenster aufreißen, mit Wasserfarben malen.

Ja, dieser Rudolf, der Protagonist, er kriegt nichts auf die Reihe, ist gefangen zwischen Lethargie und Kopfkino, zwischen Menschenhass und Selbstzerstörung. Und dann, ganz plötzlich, erwische ich mich bei einem lauthalsigen Lachen. Kurz darauf bei einem weiteren. Denn das Ende dieses Buches, es war wieder einmal so Bernhard-klar, so Bernhard-erwartbar. So wunderbar.

Hach, Thomas, mein Thomas.

Aus dem Inhalt:

Rudolf, der an Morbus Boeck leidende Erzähler, lebt zurückgezogen in seinem Haus in Peiskam, einem Ortsteil von Ohlsdorf, wo Thomas Bernhard einen Vierkanthof besaß. Seit zehn Jahren bereitet Rudolf eine wissenschaftliche Arbeit über seinen Lieblingskomponisten Felix Mendelssohn Bartholdy vor, trägt Unmengen an Material zusammen, scheitert aber schon am Anfangssatz. Zunächst sieht er sich durch die Anwesenheit seiner Schwester gehindert, aber auch nach ihrer Abreise will die Arbeit nicht gelingen. Er beschließt nach Palma de Mallorca zu fahren, wo er sich an „die junge Härdtl“ erinnert, eine junge Frau, die er bei seinem letzten Besuch auf Mallorca kennengelernt hat. Ihr Mann ist bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen. Als Rudolf nun den Friedhof aufsucht, wo der Mann in einem Betonkasten bestattet ist, liest er auch den Namen der Frau, die Selbstmord begangen hat.

Schwarzer Frost – der von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlene Debütroman von David Wonschewski ist Ende 2012 erschienen. Mehr Informationen entnehmen Sie bitte diesem schattigen Blog.

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2 Kommentare zu “Beton oder: Thomas, mein Thomas.

  1. doctotte
    4. Juli 2013

    Der böse weiße Fleck auf meiner Karte der Autoren. Bernhard wurde mir schon oft ans Herz gelegt, aber irgendwie komme ich (noch) nicht dazu. Da ist mir jede Erinnerung, es doch demnächst endlich mal anzugreifen, nur recht. 🙂

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