David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Es war ein Hit, leider. Heute: Madonna- Like A Prayer (1989)

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Oh ja, ich erinnere mich, Ende der 80iger Jahre, ich war noch zu unverzagt und angeboren mit einer älteren Schwester, die den Drehknopf des Radios beherrschte. Und per natura lauter war als ich. Sylt war das Urlaubsziel jenen Jahres, jawohl. Wir fuhren und fuhren und hörten und hörten. Ab und an durften R.E.M. noch ran. „Losing My Religion“ hieß es und ich war noch meilenweit entfernt von „Indie“ und sah nur einen Deppen mit fliehendem Haupthaar in einem Zimmer umherspringen. Die Erstgeborenen singen und feiern ihre Jugend, die Nachgeborenen aber, die vergessen nichts. So ist es, das Menschenspiel. Und so hatte ich die Wahl zwischen den Bangles und ihrem „Eternal Flame“ und eben Madonna, die just „Like A Prayer“ heraus gebracht hatte. Ich war gerade 13 und noch zu jung um auch nur irgendetwas zu denken.

Sehe ich den Clip zu „Like A Prayer“ heute, so fallen mir diverse nachcolorierte Sentenzen auf, filmische Unbeholfenheiten. Aber auch das Lied. Verdammt, dieses Lied, es funzt, es funkt. Und ist da nicht gar eine Melodie? Eine echte, wahrliche? Madonna, ja, schön war sie. Es muss eine Frau im Abendunterkleid sein, die vorm Feuer tanzt. Sonst rafft die Welt es halt nicht, das Leben, den Zwiespalt. Ich denke „billig“ und schaue ihr doch bis zum Ende zu, wie sie ihren farbigen Jesus dort hinausholt und zurückbringt. Und so schön ist und weint und dunkle Locken hat. Madonna.

Kaum zu glauben, aber Madonna hat den Song selbst geschrieben. Sie ist eine wahre Michael Jackson, wir sehen den Star, aber sie hat den Mist echt selbst aufs Papier gebracht. Das legendäre Video drehte Mary Lambert, die auch schon „Borderline“ oder „Like A Virgin“ oder „Material Girl“ gedreht hatte. Es war der erst Song in der pre-Sean-Penn-Ära. Das Penn eines Tages ein endgeiler Darsteller werden könnte war seinerzeit nicht zu erahnen. Er war die blöde Hälfte der Pop-Queen und sie war ihn los. Und die farbige Hauptrolle in dem Clip spielt Leon Runnings. Wer den Bob-Sport-Film „Cool Runnings“ gesehen hat erkennt ihn sofort.

Und ich? Ich weiß nicht wo die endachtziger Jahre heute sind. Ich weiß nicht warum ich ab und an meine junge Schwester tanzen sehe, im faden Mondenschein von Sylt. Ich weiß nicht warum ich bei Liedern wie diesem zum Schmerz gelange, warum ich sehne, warum ich weine. Doch am Ende all dieser Gedanken und Empfindungen, all dieser Momente und Punkte meines Lebens, sehe ich eine Idee. „Leben“ steht darauf.

Madonna ist ein Teil davon. Ich würde es gerne leugnen.

Und will es nicht.

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8 Kommentare zu “Es war ein Hit, leider. Heute: Madonna- Like A Prayer (1989)

  1. saetzeundschaetze1
    12. Juli 2013

    Azzurro – habe gerade Gänseschauer bekommen. Bin auch eine der geplagten `66er. Dafür hatte ich ebenso den jüngeren Bruder, den ich mit Madonna verfolgte: True Blue. Mein Gott, Jugendsünden.

  2. dekabrista
    6. Juli 2013

    Like a Prayer ist ein wunderbares Album. Ich habe es hier, ich lege es jetzt gleich auf.

  3. davidwonschewski
    5. Juli 2013

    Und sowas nennt sich Musikjournalist…Vollkommen richtig und gut gemeckert. Da kann man aber mal sehen, wie diverse Urlaube sich verbandeln in der Erinnerung. Für mich ist das eine gemeinsame Erinnerung. Stone Roses kam bei mir erst 2005, nachgekauft. Ich war Spätstarter. Ich mochte damals nichtmal Nirvana. Ja, sowas gabs…

  4. Censay
    5. Juli 2013

    Manchmal geht es eben nicht um die Dinge die das Auge sieht. Manchmal sind die Gefühle und die Zeit in der sie passieren Träger unserer Gedanken. Madonna ist austauschbar. Das worin sie steht und was passiert ist nicht

  5. jenswollmerath
    5. Juli 2013

    Sehr schön. Aber als alter Musiknerd muss ich ein bisschen meckern. Like a Prayer von 1989, aber Losing my Religion war erst 1991. Im Sommer 89 gute Gitarrenmusik im Radio gehört zu haben, dürfte eher schwierig gewesen sein. Vielleicht mit Glück die Stone Roses, dann aber auch nur auf einem wirklich „hippen“ Sender. Oder Free Fallin‘ von Tom Petty. Aber eigentlich lief da immer nur Westernhagen, Marius und Müller – urrrggsss!
    Madona habe ich versucht, aus meinem Gedächtnis zu streichen. Aber stimmt schon, der Song hat sich festgehakt. Beste Grüße, Karl Grün

  6. rollinger
    5. Juli 2013

    Hehehe gut gesagt. Man hat Lieder die machen einem ewig Gänsheaut. Ich bin Baujahr 66 für mich ist es der Plattenspieler der Eltern und Adriano Celentanos „Azzurro“ das ich immer und immer wieder hörte und auch heute immer noch genieße,
    Achtziger…Da hatte ich einen Irokesen und lebte eher unter Tage. 😀

    Madonna? Wir haben Sie gehasst. Sie war der Begriff für Konsumquatsch. Heute sehe ich sie als „echt“ an. Aber nerven tut sie trotzdem

  7. davidwonschewski
    5. Juli 2013

    Dashast du echt gut gesagt! Ja, darum geht es. Alles wiederstrebt sich mir, aber: Der Song ist-ein Song!;-)

  8. owyanna
    5. Juli 2013

    Ja, manchmal muss man sie leben lassen, auch wenn man ganz genau weiß, das ungefähr alles an ihnen nicht richtig ist. (Auch wenn ich zur zeitlichen Einordnung hier nur wieder eine Freundin zitieren kann, die da sagte: ‚Ach, die Achtziger waren schon toll, ja. Da musste man nur rumkrabbeln, und sich füttern lassen.‘)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. Juli 2013 von in "The Secret Of This Song" - Die Musikgeschichten, Journalist und getaggt mit , , , , , , , , .
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