David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Wonschewskis Liedempfehlung in der Liederbestenliste. Februar/2015

MashaPotempa10

Die Jury der Liederbestenliste besteht aus 19 renommierten Musikjournalisten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Naja und mir halt, macht 20. Einmal monatlich erstellt diese Jury eine aktuelle „Hitliste deutschsprachiger Lieder“ – die Liederbestenliste. Das Ganze gibt es bereits seit 1984 und seit heute ist die Rangliste Februar/2015 einsehbar. CD des Monats, war ja fast zu erwarten, ist die neue Scheibe von Hannes Wader, bei den Liedern hat sich Cynthia Nickschas auf Rang 1 vorgesungen, gefolgt von Stoppok und Wenzel.
Mir war es diesmal vorbehalten eine persönliche Liedempfehlung abzugeben, diese weihevolle Aufgabe geht reihum innerhalb der werten und wertenden Jurorenschaft. Auf welches aktuelle deutschsprachige Lied meine Wahl fiel, das können Sie in meinem offiziellen Begründungstext unten nachlesen.

Foto oben: Masha Potempa (www.mashapotempa.de)

Die persönliche Liedempfehlung Februar/2015: Götz Widmann – „Für euch“

von David Wonschewski

Achten Sie einmal drauf, wenn Sie das nächste Mal vor dem Fernseher sitzen und sich Ihren Lieblingskrimi ansehen: Er kommt immer öfter. Dieser eine Satz. Die Ermittlungen treten auf der Stelle, das Kommissaren-Duo – einer immer entspannt, der andere immer wutentbrannt – taucht zwecks weiterer Befragungen im Haus einer Verdächtigen auf. Fragen: „Ihr Sohn war um 22 Uhr noch immer nicht zu Hause – und da haben Sie sich gar keine Sorgen gemacht, Frau Müller?“. Pause, ein konsternierter Blick der moralisch so fies von oben herab Drangsalierten, ein gepeinigter Blick aus einer gepeinigten Seele. Und dann der Satz, die Gegenfrage, nein, bereits eine trotzige Unterstellung: „Haben Sie Kinder, Herr Kommissar!?“ Gute Kommissaren-Schauspieler erkennt man an dem nun folgenden, enorm belämmerten Blick. Natürlich hat er oder hat sie – auch weibliche Kommissare kriegen seit geraumer Zeit privat nichts mehr auf die Reihe – keine Kinder. So zerrissen wie Kommissare laut moderner TV-Dramaturgie sind, haben sie lediglich die immer gleiche abgespackte Klamotte am Leib, mehr an Fels in der Brandung ist nicht drin. Eine Antwort auf die aggressive Gegenfrage gibt es nie, stumm und belämmert drein blickend steht der kinderlose Chefermittler im Raum. Und wünscht sich er hätte Kinder. Oder, halt, nein, besser nicht, werden doch eh nur Verbrecher draus, führt ja zu nichts Gutem, dieses allgegenwärtige Kindergehabe.

Und was hat das alles nun mit Götz Widmann zu schaffen? Nun, Götz Widmann gelingt mit dem Stück „Für Euch“ ein fulminanter Befreiungsschlag, formuliert er doch, was wir alle, nicht nur Kommissare, über Kinder denken. Aber eben selten sagen.

Ich hab immer grün gewählt für euch
Ich hab mich mit dem Einwegpfand herumgequält für euch
Für wen hab ich es getan in meinem naiven Wahn
Für euch für euch
Für euch zu deinem Wohle
Aber dich interessiert nur deine gottverdammte Spielkonsole
Um die Menschheit scherst du dich einen Dreck
Was du wirklich willst ist ein neuer Mac

Ja, nicht aufregen, wir wissen doch alle: Unsere Kinder sind unser Glück. Sie sind unsere Zukunft. Sie sind das Wertvollste, was wir haben. Und so weiter und so fort, man kennt diesen immer wiederkehrenden Sich-seiner-selbst-Versicherungssermon. Der aber, so macht Götz Widmann nun auf geradezu kathartische Art und Weise klar, vermutlich nur deswegen so eifrig und penetrant wiederholt wird, da wir selbst nicht so ganz dran glauben. Da wir angesichts nachfolgender Generationen am liebsten versinken möchten vor Kummer und Scham und Schande. Und, oha: Wut.

Ich hab meinen alten Volvo auf den Schrott gefahren für euch
Und das hat richtig wehgetan für euch
Wollten wir ne lebenswerte Zukunft gestalten
Den Ozelot in freier Wildbahn erhalten
Aber ich hab mittlerweile längst kapiert
Dass sich keiner von euch für den Ozelot interessiert.

Geladen ist er, der Widmann, in diesem brachialen Rockgeschoss, mit dem er dem Nachwuchs just jene Watschn gibt, die Eltern ihren Kindern qua Gute-Gesellschaft-Ideologie schon lange nicht mehr geben dürfen. Sicherlich, einige Vorbildväter und Latte Macchiato-Mütter werden not amused sein über die hemdsärmelig zupackenden Zeilen von „Für euch“. So spricht man doch nicht in einer aufgeklärten, in einer gutgesinnten, vor allem einer linksintellektuellen Gesellschaft. Tja, man vielleicht nicht. Widmann schon.

Und wir dürfen ihm dankbar sein dafür, führt er zerrissene Kommissare mit ausgeprägtem Privatlebenfluchtsyndrom und überforderte, von der jahrelangen Aufzucht ihres Nachwuchses schwer gezeichnete Verdächtigtenmütter doch zusammen wie das vermutlich noch keinem deutschen Liedermacher zuvor gelungen ist. Kinder sind eine noch immer erstrebenswerte Aufpeppung der eigenen Vita. Das Zeug zu Hoffnungsträgern und Heilsbringern haben sie indes nur bedingt. Egoismus und Elternschaft müssen sich nicht beharken. Nein, sie können Hand in Hand gehen. Götz Widmann ist Vater, der Autor des vorliegenden Textes nicht. Ob uns das etwas zu sagen hat, ja ob es überhaupt von Bedeutung ist beim Hören von „Für Euch“ – konnte bis Redaktionsschluss leider nicht abschließend analysiert werden.

Die persönliche Empfehlung Lied – Februar 2015 Götz Widmann – Für Euch / erschienen auf: „Krieg & Frieden“ / Ahuga!

Lesen Sie auch:

„Schwarzer Frost“ – ein misanthropisch-sarkastischer Einblick in die Seele eines Medienschaffenden, der sich in einem gnadenlosen Monolog selbst zerfleischt.

Mehr Informationen zu „Schwarzer Frost“ entnehmen Sie bitte dieser Website – oder aber der Plattform dieses virtuellen Platzhirschmarketenders.

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2 Kommentare zu “Wonschewskis Liedempfehlung in der Liederbestenliste. Februar/2015

  1. davidwonschewski
    26. Januar 2015

    Liebe Katharina,

    zählen wir nicht alle zu diesen Kindern?;-) Bis 20 war mir doch der Umweltschutz egal. Nicht so wie heute, wo ich Nacht für Nacht in meinem bett leige und mir denken, dass ich eigentlich…also eigentlich…,mal irgendwas tun müsste. Eine Initiative gründen oder sowas. Für oder gegen was, egal, hauptsache raus aus dem Bett und hinein in die Aktion. Aber da bist du offensichtlich schon weiter als ich, ich veringe mich zumindest in der Angelegenheit noch als lupenreiner Theoretiker…
    Feine Grüße, hab‘ Dank für die virtuelle Interaktion.

  2. katharinavhaderer
    26. Januar 2015

    Ich habe zuerst nicht gewusst, worauf du mit der Krimi-Analogie hinauswolltest – und dann musste ich ganz herzlich lachen … ich gehe mir jetzt gleich das Lied anhören 🙂

    PS: Ich zähle mich selbst zu diesen Kindern, habe aber die Erfahrung gemacht, dass die Eltern, die ein Bewusstsein schaffen wollten, das auch bei den Kindern geschafft haben … sonst würde ich nicht als Pfadfinderleiterin arbeiten und selbst versuchen, Bewusstsein zu schaffen! LG!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Januar 2015 von in Medien, Wonschewskis Liedermachertipp und getaggt mit , , , , .
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