David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Wonschewskis Liedermacher-Tipp: Matthias Binner – „Vorbeischneiten Freiheiten“

mb

von David Wonschewski

Dass Matthias Binner zu jenen Chansonniers gehört, die sich mehr als Bühnen- und Programmkünstler denn als Studiomusiker verstehen, doch, das macht der Berliner vom ersten Augenblick an ziemlich deutlich klar.

Jetzt ist der Augenblick fast da, der Moment ist zum Greifen nah, die Spannung steigt und die Erwartung wird riesengroß.

Ein A cappella-Kaltstart ist dieser (nur gen Ende mit minimalem Pianospiel unterfütterte) Eröffnungstrack namens „Geht gleich los“. Textlich, wir dürfen hier von dramaturgischem Vorsatz ausgehen, ein nahezu belangloses Stück, mit dem Binner Vorfreude und Spannung auf das, was da nun kommen wird, schüren möchte. Die Gesang gewordene „Ruhe vor dem Sturm“ vernehmen wir hier. Und wohl auch den Versuch allem voran die eigenen Nerven zu beruhigen.

Man kann ihn fast ein wenig verstehen, den Mann aus Schöneberg, der seit gut 15 Jahren als Musiker auf illustren Berliner Bühnen wie der „Bar Jeder Vernunft“ oder dem „BKA“ zu Hause ist und Bekanntheiten wie zum Beispiel Maren Kroymann bei ihren Auftritten durchs Land begleitet. Denn: „Vorbeischneiten Freiheiten“ ist wahrhaftig Binners erste CD-Veröffentlichung. Kein Wunder also, dass sich neben berechtigter Vorfreude eine ebenso berechtige Anspannung einstellen will, die – das dürfen wir dahin vermuten – bei ihm sogar noch ein wenig größer sein dürfte als bei anderen Debütanten. Denn ungezählt sind die Geschichten jener „zweite Reihe“-Leute, die ihre Lebenszeit mit „was wäre wenn“-Gedanken verjuchzten ohne je aus dem Knick gekommen zu sein. Und noch ungezählter die Geschichten jener, die sich felsenfest sicher waren es besser (oder doch zumindest genauso gut) hinzubekommen wie ihre jeweiligen Vortänzer. Und die es dann eben nicht schafften, die zerbrachen in jenem Moment, in dem die eigene künstlerische Eitelkeit den Kopf verließ, um als Mittelmäßigkeit auf einer mediokren Solo-CD zu stranden.

Nun, greifen wir beherzt ein in den Lauf der musikhistorischen Einordnung und geben zu Protokoll: Auch wenn der dahinplätschernde Beginn Belangloses vermuten lässt und sich unter den sage und schreibe 25 Liedern des Albums immer wieder arg luftige Stücke finden, die den oben benannten dramaturgisch durchdachten Eindruck nur noch weiter verstärken, legt Matthias Binner mit „Vorbeischneiten Freiheiten“ eines der besten Chanson-Alben der vergangenen Jahre vor.

Sicherlich, für sich genommen liegen Stücke wie „Seniorenkaraoke“, „Clipmicrophone“ oder das schlichtweg wunderbare, weil für hemdsärmelig-heterosexuelle Männer kaum über die Lippen zu bringende „Schubs mich nicht aus deinem Herzen“ gefährlich nah an Revue und an Schlager, unterstreichen bestenfalls Binners kompositorische Vielseitigkeit sowie seine – quod erat demonstrandum – Fähigkeit, wenn es aus seiner Sicht darauf ankommt eben auch in den vereinfachten Erzählstrukturen eines Musicals agieren zu können. Stellvertretend für die textliche Tiefe und Klasse dieses Albums stehen sie jedoch nicht, hantieren dafür mit einem durchaus bewundernswerten Hang zum Kitsch. Ein Kitsch, der, man muss es erwähnen, allerdings nicht nur seine Berechtigung, sondern längst auch seine Tradition hat und der auch von Chanson-Koryphäen wie Klaus Hoffmann oder Malediva zum Repertoire eines jeden neuen Albums gehört und gehörte. Man darf sich dahingehend durchaus einmal Klaus Hoffmanns Lied „Stiefel aus spanischem Leder“ aus dem Jahr 2010 anhören, vor dem es dem Künstler laut eigener Aussage bis heute selbst graust – oder aber als formidabel gelungenes Gegenbeispiel die „Kreuzfahrtschiffnutten“ von eben Malediva.

Zu diesem „Erbe“, inbrünstig an der Grenze zwischen Eleganz und Kitsch entlangzutänzeln, bekennt sich fraglos auch Binner, was vermutlich von daher ein unfair schwieriges Unterfangen ist, da wir – im Gegensatz zu Hoffmann oder Malediva – von ihm eben noch kein Bild im Kopf haben, nicht automatisch einen Gestus oder eine Mimik zuordnen können, ja überhaupt noch kein Image aufgebaut haben. Dementsprechend doppelt und dreifach strecken muss Matthias Binner sich also, um seinen künstlerischen Ansatz auch Leuten beizubiegen, die weder ihn, noch den lust- und schwungvollen Berliner Chanson-Untergrund kennen.

Und er streckt sich, der gute Mann. Und wie er sich streckt, oha. „Die schönen Lieder aus dem Krieg“ ist das erste Stück, das einen jeden Hörer umgehend zum Binner-Fan werden lässt. Denn die Idee dieses Stücks, ohja, die ist durchaus als kitschig zu benennen, setzt er doch ein mit ein paar wie dahingewürfelt angespielten Klassiker-Melodien auf dem Klavier. „Yesterday“ von den Beatles! „La vie en rose“ von der Piaf! Und dann… Sinatra! Das Spiel, das Binner hier mit seinen Hörern treibt, ist so abgegriffen wie unwiderstehlich: Rat mich, du kennst mich! Oder anders: Rätst du noch oder schwelgst du schon?

Für diesen Ansatz gibt es noch keine Blumen, einen dicken fetten Strauß erhält Binner jedoch für das was folgt: eine fundiert-emotionale Auseinandersetzung mit dem Begriff „Hits“. Und unserer menschlichen Angewohnheit sie intellektuell verschmähen wie ihnen rettungslos verfallen zu können – zeitgleich. Das Besondere an „Die schönen Lieder aus dem Krieg“ ist, dass Binner es nicht als Besserwisser, sondern als selbst rettungslos Verfallener angeht, was den Kreis zur just erwähnten Kitsch-Bereitschaft durchaus ein wenig schließt. Eine feine Ironie offenbart sich hier, ein Bekenntnis sich den noch immer mittappenden Fuß einzugestehen, der immer dann ein Eigenleben zu führen beginnt, wenn das Intro von Sinatras „New York, New York“ einsetzt. Dass er, Binner, hier so ganz nebenbei selbst einen veritablen Ohrwurm aus dem fingerschnippenden Hemdsärmel schüttelt, krönt diesen kleinen nostalgischen Liedrückblick. Wer sich von „Geht gleich los“ noch nicht in das Album hat hineinziehen lassen wollen, der ist spätestens jetzt drin. Egal, ob er will oder nicht.

Und dann? Dann vollzieht der Pianist eine bedächtige, jedoch resolute Vollbremsung, schwenkt vom charmanten Alleinunterhalter hinüber zum ernsthaften Liedermacher. Dass man Binner diesen Drahtseilakt zwischen „belustigt“, „berührt“ und „bedächtig“ abnimmt ist fraglos seiner textlichen Versiertheit zu verdanken, die nicht zuletzt in den SAGO-Seminaren des Christof Stählin nachhaltig geschult wurde und in denen auch schon Bodo Wartke, Sebastian Krämer oder Dota Kehr ihren letzten Feinschliff erhielten. Und so erleben wir eine Vollbremsung, die einen nach den flockigen ersten Stücken baff erstaunen lässt.

Ja, wer geglaubt hat diesen Mann nach wenigen Liedern bereits dechiffriert zu haben, steht mit einem Male mit offenem Munde da. Denn was folgt sind nicht weniger als ein halbes Dutzend Lieder, für die wir jeweils den abgespackten Begriff „kleines Meisterwerk“ aus der Kiste holen dürfen.

Wie würde´s aussehen, wie würde man leben in einem von Nazis erdachten Berlin?
Würden die Gründerzeitvillen noch stehen auch die, die von Bomben zermalmt worden sind?
Was würde man von ihren Fenstern aus sehen? Was würd´ man bemerken, wofür wäre man blind?

In Zeiten, in denen selbst der aufgeklärteste Geist Phoenix nicht mehr einschalten mag, da er schlichtweg keinen Bock auf Führervisage und Vergangenheitsbewältigung mehr hat, kommt das so sanfte „Die Ruinen Germanias“ geradewegs gewaltig daher. Das Lied dreht sich um den Berliner Teufelsberg, der im Winter von Kindern zum Schlittenfahren genutzt wird und unter dem sich der Schutt dessen verbirgt, was im Dritten Reich einmal Germania hätte werden sollen, das prunkvoll-überdimensionierte Zentrum des Nazi-Reiches. Ein besonnenes, feingliedrig erzähltes Stück. Ein Aufruf zu gedanklicher Aufarbeitung, der endlich einmal nicht auf den Keks geht. Und zugleich eine Mahnung, wie wir sie uns nicht schon tausendmal (gähnend, immer gähnend) anhören mussten.

Tatsächlich geschehen“ blickt zurück in Binners Kindheit und frühe Jugend, die er im Schatten der zunächst stehenden, schließlich fallenden Berliner Mauer verbrachte. Der Charme dieses Liedes entspinnt sich, unterstützt durch ein gerade einmal hingetupftes Glockenspiel, durch die für jeden Menschen nachvollziehbare Erzählperspektive, für die man weder Binner noch Berliner sein muss. Denn wir alle, so erzählt uns Binner in seiner Erzählung über ein Foto, das ihn kurz nach dem Mauerfall am Grenzübergang zeigt, sind Teil der Geschichte. So oft erliegen wir dem Eindruck allenfalls am Rande politischer Ereignisse zu stehen, vielen erscheint es gar als wären sie überhaupt nicht dabei; auch Binner muss sich, wie wir hören, fast schon kneifen um sich zu erinnern, dass er beim Mauerfall dabei war, dass er Teil eines der bedeutsamsten Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts ist. Und so wird – und das ist mit Verlaub ganz große Kunst – aus einem rührseligen Nostalgiestück zwischen den Zeilen nicht weniger als ein beherzter Griff an den Hemdkragen eines jeden von uns sich nicht einzuigeln, nicht in gesellschaftspolitische Lethargie zu verfallen. Oder mal wieder, wäre für den Anfang doch auch mal was, wählen zu gehen.

www.matthiasbinner.de

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. Juni 2015 von in Anderer Geister Werk, Wonschewskis Liedermachertipp und getaggt mit , , , , , .
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