David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Soeben ausgelesen: Michael Köhlmeier – „Idylle mit ertrinkendem Hund“ / 2008

imehEin schmaler Band, diese „Idylle mit ertrinkendem Hund“. Über gerade einmal knapp 100 Seiten erstreckt sich der Text des Österreichers Michael Köhlmeier aus dem Jahr 2008. Eher eine Novelle als denn ein Roman, zudem derart stilsicher heruntergeschrieben, dass versierte Leser binnen zwei oder drei Stunden durch sein dürften damit. Nun, ein solch „versierter Leser“ bin ich nicht, ein großes Staunen packt mich, wann immer ich mitbekomme wie viele Bücher Literatur-Blogger pro Jahr konsumieren, genießen – und in der Regel auch noch intellektuell erfassen, schriftlich aufarbeiten. Mir selbst gelingt das selten, dauernd reiße ich ab oder muss eine Geschichte ziehen lassen. Das mag an meinem eigenen schwirrenden und tobenden Gedanken liegen, die jedem gekonnten Satz eines anderen Autoren ein ganzes Bündel eigener, mich sofort und direkt plagender Gedanken folgen lassen. Lese ich ein Buch zu Ende, so brauche ich in der Regel 30-40 Züge dafür. Weshalb mir jene Werke, durch die ich in wenigen Zügen regelrecht hindurchtauche, nahezu automatisch zu Lieblingsbüchern werden.

So gesehen ist die „Idylle mit ertrinkendem Hund“ eine tolle, eine sehr empfehlenswerte Lektüre, was auch daran liegt, dass Köhlmeier hier mit wenigen Worten eine große Geschichte über das Vertrauen in sich, in andere, ja in die Welt als solche präsentiert. Und darum, stilistisch besehen, überhaupt kein Aufhebens macht. Zwei Männer, ein Hund, ein wenig Winter – und flankierend, aber wichtig, am Rande: zwei Frauen. Die eine, Ehefrau, lebend. Die andere, Tochter, bei einem Bergunfall, verunglückt. Bei den beiden Männern handelt es sich um den Ehemann und Vater, einen Schriftsteller, der für einige Tage Besuch von seinem Lektor erhält, um über ein neues Manuskript zu sprechen. Eine seltsame, von Köhlmeier wunderbar in Worte gebrachte Distanz charakterisiert die bereits seit vielen Jahren bestehende Arbeitsbeziehung der beiden, eine Form von Respekt liegt über ihnen. Ein Respekt, der einen jeglichen Gedanken an Freundschaft als geradewegs unaufrichtig und falsch, mithin gar respektlos erscheinen soll. Nein, das eher unfallartig entstandene Duzen, es will nicht so recht über die Lippen der beiden, ungelenk gehen die beiden miteinander um – scheinen jedoch gerade durch diesen ungelenken, fast schon fremdelnden Umgang miteinander für sich selbst etwas zu lernen. Was genau das ist, das wird nicht so ganz klar, spielt Köhlmeier hier doch mit den kleinen Vorurteilen und Vorbehalten, die wir Menschen stets mit uns führen – ohne sie dabei allzu frontal ins Licht zu zerren.

Auf einer Wanderung, die der Lektor allein unternimmt, begegnet er schließlich einem streunenden Hund. Die seit Geburt in ihm angelegte Furcht vor Hunden lähmt ihn, doch Flucht erscheint ausweglos in der weiten Landschaft. Und so beginnt er, zwangsweise, sich auf ihn einzulassen. Wie auch der Hund beginnt sich einzulassen auf ihn.

„Idylle mit ertrinkendem Hund“, so kann vermutet werden, schöpft zu einem Großteil aus Köhlmeiers „wirklichem“ Leben, wie nicht zuletzt am wahrhaftig durchlittenen Tod seiner Tocher Paula zu ersehen ist. Ein Hauch von Resignation und Aufgabe liegt daher über diesem Buch, eine Spur von unüberbrückbarer Entfremdung, nicht zuletzt auch befördert durch die Kälte, die sich schon wetterbedingt durch den gesamten Text zieht. Das Absterben von Gefühlen und der verzweifelte Versuch sich einen letzten Funken innerer Wärme zu erhalten – ein Lebenskampf, der selten derart kompakt, schnörkellos und leichtfüßig erzählt worden sein dürfte.

Das Buch ist meiner subjektiven Meinung nach zwar nicht derart misanthropisch wie die Werke eines Thomas Bernhard sind und verfügt auch nicht über die lakonische Prägnanz eines Markus Werner (exakt dahingehend war mir die „Idylle“ zuvor empfohlen worden), wie auch der mitunter absurde Witz von Werner und Bernhard hier kaum anzutreffen sind. Gelingt es dem lesenden Buchfreund jedoch sich loszumachen von dieser Vorerwartung, findet er ein Stück Lebensweisheit, die kein Mensch missen sollte.

Textauszug

Die Besuche am Friedhof tun uns gut. Aus diesem Grund unternehme ich nicht gern längere Lesereisen. Ich müsse das mit der Presseabteilung des Verlags besprechen, hatte Dr. Beer gesagt, er sei dafür nicht zuständig; er wäre auch zufrieden, wenn nur zwei Exemplare von jedem Buch, das er lektoriere, gedruckt würden, eines für den Autor, eines für ihn. Ich hatte nicht zu ihm gesagt: Seit dem Tod unserer Tochter möchte ich nicht mehr so lange von zu Hause fort bleiben. Ich hatte gesagt: „In letzter Zeit möchte ich nicht mehr so lange von zu Hause fort bleiben.“ Ich hatte gehofft, er werde fragen: Seit dem Tod eurer Tochter? Dann hätte ich geantwortet: Ja, seit Paulas Tod. Ich hatte gehofft, er werde fragen: Willst du mit mir darüber sprechen? Ich hätte geantwortet: Ja, das will ich. Alle unsere Freunde haben uns irgendwann gefragt, ob wie mit ihnen über Paulas Tod sprechen wollen. Mit Monika über den Berg zu gehen fällt mir schwer. Das wird niemals anders werden. Wir gehen an der Stelle vorbei, wo Paula und ihre Freundin abgestürzt sind. Die Freundin kam mit leichten Schürfwunden davon, Paulas Kopf schlug auf einen Stein. Sie war nie richtig auf dieser Welt gewesen, sagt Monika, sie hat den Boden nur mit den Fußspitzen berührt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. Juni 2015 von in Anderer Geister Werk, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , .
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