David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Mutmaßungen eines schmerzverzerrten Theatralikers / Teil 12: Die Komplettverweigerung der Übersensiblen

Best6

Liebe Leute –

mit einiger Verwirrung, die zugleich Züge von Stolz trägt, vermelde ich hiermit die erneute Eliminierung meines Handys. Das dritte in diesem Jahr. Die ersten beiden gingen verloren, das neue ist mir just verwässert. Wie zum Hohne vernehme ich beim Anschalten noch seinen Klang, doch zu sehen ist nichts mehr. So in etwa muss sich The Who’s Tommy auch gefühlt haben. Oder halt – war der nicht taubstumm, konnte aber dafür sehen? Wie auch immer. The Big Handy Destroyer hat jedenfalls wieder einmal zugeschlagen.

Ist das noch Dämlichkeit oder doch schon höhere Gewalt? Eine Form von Selffulfilling-Dingsbums?

Vermutlich letzteres, fiel mir, während ich mich just stolz und immer stolzer ärgere ob meiner modern-kommunikativen Unbeholfenheit, ein Text in die Hände, den ich im Jahr 2012 schrieb. Und mit dem sich mein fortwährender Verlust und die scheinabr zufällige Verwässerung von Handys vielleicht erklären lässt….

Das holde Foto dort oben habe ich ausgewählt, da es meiner Sehnsucht nach kommunikativem Rückzug und Komplettverweigerung so wunderbar diametral gegenübersteht.

Man will schon gesehen werden – beim Nichtgesehenwerdenwollen.

Untenan, wen es interessiert, der Text von 2012.

Erlesene Grüße,

David Wonschewski

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Zugegeben, es fühlt sich etwas idiotisch an. Meine kommunikative Komplettverweigerung. Fast so als wäre ich einer dieser Typen, die sich Sommer für Sommer in so ein „Dagegen!-Shirt pressen. Und das, obwohl auch ich stramm auf die 40 zugehe. Aber ja: Ich habe seit Jahren kein Handy.

Nun gibt es wahrlich heroischere Protestbewegungen als solche, die sich einfach nur etwas plump und rüde gegen den kompletten Zeitgeist richten wollen. Und viele davon ergeben auch wirklich etwas mehr Sinn: gegen Banken, gegen Atomkraft, gegen Tierversuche, gegen Scripted Reality-Shows… Alles ganz wunderbare Themen, um ins Contra-Shirt zu schlüpfen. Und doch ist kaum ein Gefühl so erhebend wie der verstörte Blick desjenigen, der mich gerade ganz salopp und geschäftsmäßig nach der Handynummer fragte. Und dem ich einfach so adhoc entgegenschleudern kann: „Handy? Ich doch nicht!“. Oder aber wahlweise auch „Handy! Wäre mir viel zu peinlich damit gesehen zu werden!“. Ja, etwas armselig, so als Absetz- und Protestbewegung. Es ist heutzutage aber halt auch so verdammt schwierig geworden „anders“ zu sein. Mit einer derart einfachen Methode geht es aber noch immer ganz gut, Irokenesenfrisuren und DeathMetal-Fans sind wesentlich gesellschaftsfähiger als einer, der kein Handy hat.

Doch wollen wir die Ehrlichkeit nicht vernachlässigen. Und so gestehe ich: So gerne ich mich auch in meinem „Handy ist Asi“-Gefühl suhle – so oft denke ich auch: Hm, jetzt ein Handy, wäre ja schon praktisch. Nur sage ich das natürlich keinem. Und laufe stattdessen diverse Querstraßen ab in der verzweifelten Hoffnung doch noch auf eine Telefonzelle zu treffen. Einfach nur um „contra“ zu sein.

Was also hat es auf sich mit diesem Gefühl, dass ein Handy etwas Schlechtes ist? Die Antwort liegt auf der Hand und ist natürlich in den Tiefen der Psyche zu suchen. Und findet sich, nicht nur, aber auch, im Bereich der Übersensibilität. Die Übersensibilität ist ein relativ neues Fachgebiet, das jedoch wissenschaftlich längst auf halbwegs festen Füßen steht. Etwas arg zusammengefasst „leiden“ etwa 5 Prozent der Menschen unter dieser „Krankheit“, die jedoch auch eine Begabung sein kann, so man von ihr weiß und sie zu nutzen versteht. Ja, 5 Prozent der Menschen sind sensibler als alle anderen, was sich auf diverse Arten ausdrücken kann, sich letztens aber immer dann zeigt, wenn zB 5 Personen die selbe Alltags-Situation erleben, 4 davon überhaupt kein Verarbeitungsproblem damit haben, der fünfte aber noch Wochen später auf Details herumkaut. Jede simple Bewegung dreht und wendet, jeden Verbalstein zehnmal anhebt und drunterschaut, jeden Piep in Beziehung zu einem anderen Piep setzt. Die Rede ist hier nicht von traumatischen Erfahrungen, an denen jeder Mensch mehr oder minder zerbricht und ein Leben lang zu schleppen hat. Die Rede ist von ganz einfachen Unterhaltungen und Zusammenkünften.

Manche Menschen ersticken an ihren permanenten Reflexionen. Und an ihrer Unfähigkeit einfach mal „gut“ sein lassen zu können. Übersensible – jedem Leser sei empfohlen diesbezüglich selbst einmal nachzuforschen – sind oftmals Künstler, sie nehmen mehr Zwischentöne wahr, können sie besser artikulieren, saufen sich aber aus dem gleichen Grund auch dauernd zu und stranden in ihrem eigenen Chaos, weil ihre Festplatte vollkommen überfordert ist und mit der Datenverarbeitung schlichtweg nicht mehr hinterherkommt. Auch unter Bloggern finden sich viele Übersensible, gerade im Bereich der „Gedanken“-Aufarbeitung. Denn Bloggen ist auch der ständige Versuch die vielen Eindrücke und Reflexionen sortiert zu bekommen. Bloggerei als Aufräumarbeit.

Dass ich mich einem Handy verweigere ist vor diesem Hintergrund wohl nur verständlich. Denn die Aufräumarbeit ist dort nicht möglich, beides sind Utensilien eines schnellen und eher rudimentären Kontaktaufbaus. Noch mehr Kontakte und Sprachfetzen können Übersensible aber nun wahrlich nicht gebrauchen, davon schwirren ihnen schon genügend im eigenen Schädel herum.

Handy-Verweigerung also als Selbstschutz. Jetzt hab ich es.

Wem der Sinn nach ähnlichen frohlockigen Gedanken steht, dem seien meine Romane “Schwarzer Frost” und “Zerteiltes Leid” ans wankende Gemüt gelegt. Mehr Informationen gibt es: HIER.

Weitere Mutmaßungen eines schmerzverzerrten Theatralikers gibt es: HIER.

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2 Kommentare zu “Mutmaßungen eines schmerzverzerrten Theatralikers / Teil 12: Die Komplettverweigerung der Übersensiblen

  1. davidwonschewski
    26. Dezember 2013

    Da liegst du vollkommen richtig. Man darf diesen kleinen Blogbeitrag in dieser Hinsicht allerdings auch nicht überbewerten, er schildert ganz bewusst nur eine Facette und ein Empfinden – ohne ganz andere Facetten ausschließen zu wollen. Denn in der Tat, ich sehe es wie du – am Ende liegt es an einem selbst was man aus einer Eigenschaft macht. Oder eben auch nicht macht.

  2. Anonymous
    26. Dezember 2013

    Übersensibilität sollte doch nicht mit einem Verarbeitungsproblem von Eindrücken – visuell, optisch, haptisch, wie auch immer – gleichgesetzt sein. Kommen bei Deiner Schilderung nicht noch mehr Dinge zueinander, als die wunderbare Fähigkeit, Dinge intensiver und vielschichtiger wahrzunehmen? Wo bleibt denn da die schöne Sicht auf die Dinge und der Dank darüber doch – von göttlicher Seite – ein bißchen Mehr abbekommen zu haben?

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