David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Frauen und Kunst und männliche Wahrnehmung. Ein halbes Lichtjahr.

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Vor einigen Tagen las ich in einer Kolumne auf spiegel-online, dass männliche Künstler die Unart hätten in Interviews und Reden immer nur andere männliche Künstler als Inspirationsquellen zu nennen.

Über diesen unqualifizierten Vorwurf könnte ich mich so arg aufregen, dass zu vermuten ist, dass er wohl gar nicht unqualifiziert, sondern befremdlich zutreffend ist.

Und ja, es stimmt. Wenn mich mal jemand fragt, fallen mir auch nur Männernamen aus dem Gebeiß. Woran das allgemein liegt, das vermag ich nicht zu sagen. In meinem subjektiven Fall ist es einfach so, dass 99 Prozent der „Kunst, die ich konsumiere“ von Männern und für Männer gemacht ist. Klar ist das per se etwas sämig. Religionen sind auch von Männern für Männer gemacht worden und ich finde es widerlich.

Bei Kunst sehe ich das allerdings etwas anders. Denn zumindest bilde ich mir ein, dass mir ein Mann mehr über mich erzählen kann. Und schwupp widerspreche ich mir selbst: Habe ich in meinem Buch „Zerteiltes Leid“ nicht auch schon was latent Gegenteiliges behauptet? Dass Männer mir einen feuchten Dreck über mich erzählen können, sondern immer nur Frauen.

Tja, dann weiß ich auch nicht. Was ich dafür weiß ist, dass es natürlich Frauen gibt, die ich konsumiere – so anstößig bis politisch inkorrekt diese Formulierung nun auch wieder klingt, wenn man mal drüber nachdenkt.

Marlen Haushofer, Zeruya Shalev, Siri Hustvedt – wenn ich deren Bücher lese steigt in mir das wunderbare Gefühl empor, dass ich selbst in Summe noch viel zu beziehungspositiv schreibe. Ich da durchaus noch ne Schippe drauflegen könnte in Richtung „ach, bleibt mir doch von der Pelle“- Ausrichtung. Ich erinnere mich noch wie ich nach der Lektüre von „Mann und Frau“ von Zeruya Shalev beschloss nie wieder eine Beziehung zu führen. Hat natürlich nicht geklappt, aber ich laufe in meinem Wohnzimmer schon noch arg oft vorbei an dem Buch…

Wie dem auch sei: Dieser Tage veröffentlicht die Münchener Lyrikerin Hannah Buchholz ihren neuen Gedichtband! Und das ist nun wahrlich eine Schmökerempfehlung – sogar für Männer. Und vielleicht: gerade für Männer. Sehr intensive Poesie, in der es oftmals um Sprachlosigkeit und Spurensuche geht, um den Wunsch sich abzuspalten bei gleichzeitig existierender Sehnsucht nach Nähe.

Wie kleine funkelnde stumme Schreie, so kommen mir die meisten Gedichte von Hannah Buchholz vor. Erstickte Explosionen. Heimlich aufgeladen wie jene knisternden Momente, kurz bevor etwas passiert. Und unheimlich entblösst, wie jene Momente, kurz nachdem etwas passiert ist.

“Ein halbes Lichtjahr”, so heißt ihr neuer Gedichtband. Illustriert mit wunderbaren Bildern der Künstlerin Greta Rief, die Illustrationen eigens für diesen Gedichtband angefertigt. Dieser Gedichtband kann ab sofort auf der Website von Hannah Buchholz

(www.hannahbuchholz.de)

oder direkt beim

Verlag in der Lindenstraße

und bald auch in jeder Buchhandlung bestellt werden.

Und ich würde es nicht schreiben, wenn es nicht wirklich machbar wäre!

Klicktipp: Fotos Hannah Buchholz und David Wonschewski, live in München 2015

 

Die Komplexität des Sich-Lösens

Laß das Loslassen
keine fixe Idee sein!
Laß die Idee los!

*

Laß nicht alles los,
was dich bindet! Verbinde
die losen Enden!

*

Kannst du loslassen,
was dich nicht losläßt? Die Zeit
ist eine Lösung!

(Hannah Buchholz)

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4 Kommentare zu “Frauen und Kunst und männliche Wahrnehmung. Ein halbes Lichtjahr.

  1. Pingback: [Sonntagsleserei]: März 2016 – Lesen macht glücklich

  2. davidwonschewski
    23. März 2016

    Nicht nur Gedichte liest jeder anders. Auch Bücher oder Dramen oder Comedyzeug. Und es gibt Leute, die sind zugleich Zeugen bei ein und dem gleichen Ereignis – und sehen was komplett unterschiedliches. Hm. Im Grunde müsste man die Sektknorken knallen lassen, wann imer irgednwo mal zwei oder mehr eine Sache gleich sehen und beurteilen und bewerten. Hach, aber wie soll sowas gehen, müsste ja jeder die gleiche Vita mit dem gleichen Erfahrungsschatz haben, minimum. Groetjes!

  3. hannahbuchholz
    23. März 2016

    … aber was du da geschrieben hast von wegen „stumme Schreie“… naja… als stumme Schreie würde ich meine eigenen Gedichte jetzt eher nicht bezeichnen, aber jeder liest die Gedichte ja anders…. ! Liebe Grüße!

  4. hannahbuchholz
    23. März 2016

    Herzlichen Dank, lieber David!
    Ich bin überrascht und erfreut – „Ein halbes Lichtjahr“: eine Schmökerempfehlung sogar für Männer… ! ; )
    Besonders freut es mich, daß du mein Buch in einem Atemzug oder jedenfalls in einem Text zusammen mit den Büchern Zeruya Shalevs nennst, deren Bücher ich liebe! Viele liebe Grüße und nochmals danke… !
    Hannah

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. März 2016 von in Nachrichten und getaggt mit , , , , , , , , , .
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