David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

MusikKalender, 19.Juni: Zwischen Wiederholungstat und Notwehr.

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Doch, doch, sogar Paul McCartney konnte eine ziemlich coole Socke sein. Am 19.Juni 1967 zum Beispiel. Da führte er ein Interview mit dem Daily Mirror, in dem er gefragt wurde, ob er sein kurz zuvor abgegebenes Bekenntnis ein eifriger LSD-Konsument zu sein inzwischen bereue. Dieses Bekenntnis hatte in wohlsortierten Beatles-Fankreisen für einige Empörung gesorgt, was nachvollziehbar ist, man war ja nicht pro Beatles und contra Stones, um von einem Beatle dann eine solche Aussage vorgesetzt zu bekommen.

Da gibt es nichts zu bereuen, konstatierte McCartney jedoch. Und schob hinterher, dass seine Fans sich bitte daran gewöhnen mögen.

Ebenfalls latent gegen den Strom schwimmend trat am 19.Juni 1976 erstmalig ein junger Mann auf den Plan, der dem Musikmagazin Record Mirror einen bitterbösen Leserbrief schrieb.Grund der Beschwerde: das Magazin versäumte es Ausgabe für Ausgabe etwas über eine der angesagtesten und aufregendsten englischen Bands jener Tage zu bringen: die Sex Pistols. Beschwerdeführer via Leserbrief: Steve Morrissey, knappe 10 Jahre später als Frontmann der Smiths weiterhin Beschwerdeführer Nummer 1. Nun allerdings am Mikro, was bekanntlich lauter und somit noch besser vernehmbar ist.

Eine Ehrlichkeit, die den Dieter Bohlens dieser Welt gut tun würde, legte im Übrigen Lamont Doozier an den Tag. Lamont Dozier war Teil des Songwriting-Gespanns Holland-Dozier-Holland, die eine Vielzahl der großen Motown-Klassiker schrieben, allen voran Songs der Supremes. „Where Did Our Love Go“ ist ein solcher Welthit, den Dozier für die Supremes schrieb.Eine Nummer, die so erfolgreich war, dass er, so gab er zu, gar nicht anders konnte als das Stück einfach nochmal zu verwenden, in leicht abgeänderter Machart. Das schien ihm okay, ging es doch darum einen netten Song für eine neue, ziemlich unbekannte Gruppe namens Four Tops zu schreiben. Was konnte da schon passieren?

Was passieren konnte zeigte sich wenig später: auch diese Version mauserte sich zum Welthit. Immerhin ist es Dozier zu Gute zu halten, dass er, laut eigener Aussage, sofort alle Welt wissen lassen wollte, dass im klar war, dass er hier etwas fragwürdig gehandelt hatte. Durch den Songtitel, der dadurch zustande kam, dass Dozier machtlos gegen sein Verlangen war, die Grundstruktur von „Where Did Our Love Go“ aufzuwärmen.

Am 19. Juni 1965 nahm das „Debakel“ dann seinen Lauf: „I Can’t Help Myself (Sugar Pie Honey Bunch)“ schoss auf Platz 1 der US-Charts, machte aus den unbekannten Four Tops binnen weniger Wochen Legenden. Verdammte Axt aber auch!

By the way: Sollte ich auf irgendeiner gottverdammten Hochzeitsfeier (oder Beerdigung) auch nur noch ein einziges Mal mit Leuten konfrontiert werden, die meinen den ACH SO LUSTIGEN Macarena-Tanz aufführen zu müssen (frei nach dem Motto: gibt’s keinen Macarena-Tanz, war es keine Party), ich schwöre: Ich werde mich besaufen, mich übergeben, mich weiter besaufen, mich weiter übergeben – und mir dann drei Gleichgesinnte schnappen. Ich werde die Türen des Festsaals verbarrikadieren und dann gibt’s die Four Tops-Choreo. Von vorne bis hinten. Würdevoller als diese nervige Macarena-Meute werden wir locker agieren. Wetten?

Über die nervenzermürbende Lachhaftigkeit psychischer Schräglagen: Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“ und „Zerteiltes Leid“ – die bisher erschienen drei Bücher von David Wonschewski. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

Zum Autor:

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David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer (und nach aktuellem Stand auch Totengräber) des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht.

„Wonschewski zieht alle Register der Vortragskunst bis hin zur schrillen Verzweiflung, die sich in drastischen Stimmlagen widerspiegelt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus – der Autor versteht es vortrefflich, diese Stilmittel zu einem höchst amüsanten Cocktail zu mixen.“ (Rainer Nix, „Westfälische Nachrichten“, 10. Juni 2015).

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Ein Kommentar zu “MusikKalender, 19.Juni: Zwischen Wiederholungstat und Notwehr.

  1. Maccabros
    20. Juni 2016

    in diesem Sinne : Hey Macarena… 🙂

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19. Juni 2016 von in Nachrichten und getaggt mit , , , .
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