David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Stalker-licious.

peter-lorre

Zugegeben, als ich jüngst las, dass sie da nun ein Gesetz durchdrücken, welches Stalker schneller hinter Schloss und Riegel bringt, doch, da bin ich schon kurz zusammengezuckt. Aber dann fiel mir ein: Ruhig bleiben. Bist ja austherapiert. Kann ja nix mehr passieren. Wenn er mich doch nochmal packt, jener Drang, den ich in meinem Verfolgungs-,  ähm, ne: Liebesroman „Zerteiltes Leid“ zu umschreiben versucht habe, dann grapsche ich einfach nach was Peitschigem. Und hau es mir über Stunden selbst auf den Rücken. Jaja, so wie der fette Mönch in „Der Name der Rose.“

Klappt in der Abtei, klappt auch in einer 3-Zimmerwohnung. Bei zugezogenen Vorhängen, verriegelter und verrammelter Tür.

Aber nicht meine Abgründe will ich hier freilegen, sondern die anderer Menschen. Ist einfach wesentlich unverfänglicher. Und gar nicht so schwierig. Die Popmusik beispielsweise ist voll von Stalkersongs. Hier meine Top 5!

Platz 5: ABBA – Under Attack (1981)

Von ABBA erwarten Legende und Leumund ja eher frohlockende Texte. Eventuell ist gerade darum ihr letztes Album „The Visitors“ von 1981 ein heimliches Lieblingsalbum von mir. Die Beziehungen der beiden ehemaligen Traumpaare waren bereits im Eimer und so strotzt die Platte in bester Fleetwood Mac-Manier vor Verletzung, Zerrissenheit und Hass. Und „Under Attack“ ist geradezu paranoid. Naja, textlich zumindest.Wie jetzt, David mag ABBA? Haaahaaa! (Selbstkasteiung folgt).

Platz 4: Sebastian Krämer – Manchmal höre ich die Stimmen noch (2011)

Auf seine elegante Art vielleicht sogar das brutalste Stalkerlied, das ich kenne. Dabei singt er eigentlich gar nix Schlimmes, der Sebastian. Nur so anderthalb Zeilen, die pflügt er derart kunstvoll in die ansonsten melancholisch-mutmachende Schilderung, dass es einem durchaus die Kinnlade nach unten klappen lassen kann. Insofern man nicht eher lachen muss, je nach des Horchers Gemüt halt. Nachdem ich das Lied zum ersten Mal gehört hatte wusste ich: jetzt trauste dich auch „Zerteiltes Leid“ zu schreiben.

Platz 3: Blondie – One Way Or Another (1978)

Man könnte ja nun wirklich erwarten, dass ein echter Stalker-Song möglichst dunkeldräuend daherkommt. Vielleicht sind gerade deshalb jene Songs besonders wirkungsvoll, die dieses düstere Thema in „catchy“ Melodien packen. So wie Blondie es 1978 taten. „I was actually stalked by a nutjob, so it came out of a not-so-friendly personal event. I tried to inject a little levity into it to make it more lighthearted. It was a survival mechanism.“, so erklärte es Sängerin und Texterin Debbie Harry der Entertainment Weekly einmal. Angeblich ist auch der Blondie-Überhit „Heart Of Glass“ ein Song zum Thema Stalking. Ich höre es da nur offen gesagt nicht so richtig raus. Ansonsten frage ich mich wie deppert ein Kerl sein muss, um Debbie Harry zu stalken. Die vermutlich coolste Frau der Rockgeschichte, der hinterherzulaufen ist gleichermaßen wahnsinnig wie übermütig. Ist doch logisch, dass das bei der zum Bumerang wird. Hach, wären wir doch nur alle ein bißchen Blondie. Ja oder nicht?

Platz 2: The Police – Every Breath You Take (1983)

Der Song ist im Übrigen auf der Kuschelrock 8. Nur um es mal stirnrunzelnd bis grinsend erwähnt zu haben. Und bis heute gibt es Paare, die das Ding zu ihrem Hochzeitssong küren. Und Leute: recherchiert besser nicht in wie vielen Liebesfilmen die Nummer als Hintergrundmusik oder gar Hauptuntermalung herhalten musste. Man kommt aus dem Lachen nicht mehr raus. Dürfte nach „Born In The USA“ damit der zweitmissverstandenste Song aller Zeiten sein. Und was verriet Sting dereinst dem New Musical Express?  „I think it’s a nasty little song, really rather evil. It’s about jealousy and surveillance and ownership.The ambiguity is intrinsic in the song however you treat it because the words are so sadistic. On one level, it’s a nice long song with the classic relative minor chords, and underneath there’s this distasteful character talking about watching every move. I enjoy that ambiguity. I watched Andy Gibb singing it with some girl on TV a couple of weeks ago, very loving, and totally misinterpreting it. (Laughter) I could still hear the words, which aren’t about love at all. I pissed myself laughing.“

Hm. Wenn ich es mir recht überlege: Wäre auch für mich der passende Hochzeitssong, irgendwie…achja, wen diese themenferne Randnotiz interessiert: es heißt Sting habe das Lied an exakt dem Tisch auf Jamaica geschrieben, an dem auch Ian Fleming saß als er seine James Bond-Romane schrieb. Hm.

Platz 1: Falco – Jeanny (1986)

Bevor ich mich in dem Roman „Zerteiltes Leid“ der seelischen Zerrissenheit eines Stalkers auf Romanlänge zu nähern versuchte, machte ich eine Fingerübung, die sich noch immer im Erzählband „Geliebter Schmerz“ nachlesen lässt: „Der Tag, an dem ich mir den Garaus machen wollte“. Nicht unbedingt meine beliebteste Geschichte, aber wohl gerade dadurch eine, dir mir besonders am Herzen liegt. Inspiriert dazu wurde ich durch „Jeanny“ von Falco. Ich erinnere mich, in meiner Kindheit gab es zwei Lieder, die mich fast ein wenig traumatisiert haben.  Weil damals, Mitte der 80er, so ein unglaubliches Bohei um die Videoclips gemacht wurde. „Thriller“ von Michael Jackson war der andere Song. Wie bei „Thriller“, so warnten Moderatoren im TV auch bei „Jeanny“ Eltern davor ihre Kinder vorm Fernnseher sitzen zu lassen, während das Lied läuft.Das hat echt Eindruck hinterlassen. So richtig unheimlich finde ich das Lied inzwischen natürlich nicht mehr. Falco in der Gummizelle am Ende des Clips bleibt für mich dennoch einer der größten Momente aus den güldenen Tagen des Musikfernsehens. Wie ich überhaupt glaube, dass Falco, auch wenn er seine Hits hatte, einer der bis heute unterschätztesten deutschsprachigen Musiker ist. Gibt im Übrigen Leute, die sind der Meinung auch mir würde so ein Schlapphut stehen. Mantel hätte ich bereits da. I, ähm: keep you informed.

Ein Musikjournalist dreht ab. Über die nervenzermürbende Lachhaftigkeit psychischer Schräglagen: Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“ und „Zerteiltes Leid“ – die bisher erschienen drei Bücher von David Wonschewski. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

Zum Autor:

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David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer (und nach aktuellem Stand auch Totengräber) des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht.

„Wonschewski zieht alle Register der Vortragskunst bis hin zur schrillen Verzweiflung, die sich in drastischen Stimmlagen widerspiegelt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus – der Autor versteht es vortrefflich, diese Stilmittel zu einem höchst amüsanten Cocktail zu mixen.“ (Rainer Nix, „Westfälische Nachrichten“, 10. Juni 2015).

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Titelfoto oben: Peter Lorre im Fritz Lang-Film „M“ (1931). Nicht direkt ein Stalker-Film, aber Selbstentfremdung und innere Spaltung, ein Jäger, der zum Gejagten wird – all das wurde filmisch wohl selten so konsequent festgehalten.Und wer genau hinsieht erkennt auch im Falco-Clip eine Reminszenz zu exakt diesem Foto.

 

 

 

 

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4 Kommentare zu “Stalker-licious.

  1. Maccabros
    14. Juli 2016

    Nun ja – Police gehören seit ihren Anfängen zu meinen Favouriten

    Und Mr. Sumner hatte früher immer zum Besten gegeben, Every Breath you take wäre ein Song gewesen, um seine damalige Frau nicht zu verlieren…

    Falco – ok, der Komisar hatte was und weniger bekanntes ist hörbar… 🙂

  2. davidwonschewski
    14. Juli 2016

    Absolut Mir selbst gefällt The Police seit jeher nicht. Dass ich es für mich in dem Zusammenhang so hoch einsortiere ist eher der Tatsache geschuldet, dass es in der Tat wunderbar doppeldeutig ist, dass Menschen dazu neigen eine Ballade draus zu machen, die Romantik versprüht…Falco, da habe ich sinnigerweise auch fast 40 werden müssen für. Also nicht Jeanny, sondern allgemein und andere Sachen. Ist wohl manchmal so….die Turn Brakes habe ich auch hier stehen. An den Song aber offen gesagt nicht mehr gedacht. Death Cab For Cutie haben auch was Feines, aber ja, läuft eben unter einem gewissen Radar ab, wie du sagst…

  3. Maccabros
    14. Juli 2016

    Ach ja zu Stalker noch :

    eine Perle im Text und der Musik, die leider kaum ankam seinerzeit…

    http://www.clipfish.de/musikvideos/video/3576855/turin-brakes-stalker/

  4. Maccabros
    14. Juli 2016

    Nun ja, bis auf den Herrn Hölzel recht gute Musik… 🙂

    aber über Musikgeschmack ließe sich trefflich streiten, wobei natürlich nicht jedem das gefällt, was man selbst bevorzugt…

    Und der Hinweis auf M – eine Stadt sucht einen Mörder…

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. Juli 2016 von in Nachrichten und getaggt mit , , , , , , , , .
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