David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Don’t feed the Frettchen.

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Mein Wahn und ich, wir sitzen am Frühstückstisch, verbringen die letzten gemeinsamen Stunden. Er sitzt mir gegenüber und klimpert mit dem Besteck, so laut und so rhythmisch, dass schon wieder Musik daraus entsteht. So kenne ich ihn, meinen Wahn, diesen kleinen Gehirnbastard, der mir seit nunmehr 18 Jahren innewohnt. Doof ist er nicht. Doof war er nie. Weiß ganz genau wie er mich kriegt. Und meine Lust an ihm am Lodern hält.

Ich reiche ihm das Brot, ich reiche ihm den Aufschnitt, mache und tue wie eh und je – und frage mich, ob mein Wahn es ahnt. Ob er spürt, dass dies hier unsere letzten gemeinsamen Stunden sein werden. Dieses Frühstück noch, dann noch einmal gemeinsam ins Bad und für ein paar letzte Runden um den Turm – dann war es das.

Dann werde ich mich trennen von meinem Fisimatentenfrettchen, das ich so hingebungsvoll genährt habe 18 lange Jahre.

Morgen? Morgen wird es fort sein. So oder so.

Ich schaue auf den leeren Platz mir gegenüber, genau dorthin, wo mein Wahn in einem warmen März des Jahres 1997 Platz genommen hat. Und dann einfach nicht mehr aufgestanden ist. Ungreifbar, unsichtbar sitzt er dort, schmatzt und klimpert weiter mit dem Besteck, bröselt und schmiert alles voll. Und ich schaue ihm zu, dem sich an meinem Brotkorb, an meinem Tische sich labenden Wahne. Und speiübel wird mir mit einem Male dabei.

Er weiß nicht, dass ich ihn noch heute zu Grabe tragen werde. So oder so. Zum Implodieren werde ich ihn bringen, mittels einer simplen und doch: meiner ersten gut überlegten und unverworrenen Tat seit 18 Jahren.

Ich werde aufstehen, werde das kleine fiese Frettchen bei der Hand nehmen und werde flüstern: Nun komm. Komm mit mir.

Und dieser kleine Gehirnbastard wird mir die Hand reichen, von seinem Stuhl plumpsen und ungelenk hinter mir hertrotteln. Komm, werde ich ihm meinem Wahn noch weiteres einmal zuflüstern, komm. Und dann werden wir hinunter ins Dorf gehen, in den Bus steigen, in die Stadt fahren und in ein Haus gehen. Und wir werden an der Türschwelle dieses Hauses stehen, meinen Gedankenkasper und ich und er wird mit einem Male erkennen, dass nun, nach all den Jahren, sein letztes Stündlein, nein das letzte Sekündlein geschlagen hat. Er wird winseln und betteln, mich anflehen nicht an dieser Tür zu klingeln. Und mir, ich weiß es schon jetzt, wird ganz mau und ganz flau werden, an all die schönen Zeiten werde ich mich erinnern, die vielen Tage und Wochen als ich nichts und niemanden hatte aus mein Gedankenfrettchen, das ich zu nähren und das mich im Gegenzug zu wärmen verstand.

Ich weiß nicht wie es sich leben wird ohne meinen kleinen Wahn, den ich – so oder so – mit meinem Schritt über diese Schwelle abgelegt, für alle Zeiten abgestreift haben werde. Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird zu überleben, wenn da kein Wahn mehr ist, in den ich mich wann immer es mir opportun escheint, flüchten kann. Wenn die Verschrobenheit weicht und eine Klarheit auf den Plan tritt. Und auf all meinen Taten und all meinen Worten nur noch “ich” zu stehen beginnen wird.

Und doch ist es an der Zeit meinem Gehirnfrettchen nun Lebewohl zu sagen. Den Arm auszustrecken, an der Tür zu klingeln, hineinzugehen in das Haus.

Und – so oder so – ohne Frettchen wieder herauszukommen.

Ein Musikjournalist dreht ab: Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“ und „Zerteiltes Leid“ – die bisher erschienen drei Bücher von David Wonschewski. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

Zum Autor:

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David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer (und nach aktuellem Stand auch Totengräber) des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht.

„Wonschewski zieht alle Register der Vortragskunst bis hin zur schrillen Verzweiflung, die sich in drastischen Stimmlagen widerspiegelt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus – der Autor versteht es vortrefflich, diese Stilmittel zu einem höchst amüsanten Cocktail zu mixen.“ (Rainer Nix, „Westfälische Nachrichten“, 10. Juni 2015).

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. August 2016 von in Der schmerzverzerrte Theatraliker, Nachrichten und getaggt mit , , , , , , .
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