David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Leseprobe. Von trauriger Gestalt. Melancholie aus: David Wonschewski – „Geliebter Schmerz“.

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Da sitzt er. Die Arme gefesselt, der Kiefer gebrochen. Und grinst, lacht mich aus. Er kann meine Hände nicht sehen, ich habe sie tief in meinen Hosentaschen verborgen. Doch wenn er nicht bald redet, werde ich sie ihm zeigen, meine Hände. Und dann wird er sehen: Es sind noch immer Fäuste. Fäuste, die ich weiter zu benutzen weiß. Es ist sein Gesicht und seine Schmerzen, nicht meine. Mein Puls rast, mein Hemd klebt mir am Körper. Ich rieche mich selbst, rieche meinen Schweiß und den Alkohol – die schlaflosen Nächte fordern ihren Tribut. Ich schlafe nicht mehr ein, ich schlafe einfach nicht mehr ein. Lege mich abends hin, stehe nach wenigen Minuten wieder auf, hole mir ein Bier aus der Küche, trinke und lege mich wieder hin. Und stehe nach wenigen Minuten erneut auf, gehe hinunter in die Bar, kippe drei, vier Schnäpse und gehe wieder nach oben in meine Wohnung. Und schlafe immer noch nicht ein. Diese verdammte Rastlosigkeit, ich bekomme sie einfach nicht mehr aus mir heraus. Früher habe ich hervorragend schlafen können, überhaupt nicht wach bekommen hat Magda mich manchmal, so tief und so fest habe ich schlafen können. Früher.

Und er? Er sitzt dort und grinst, grinst und weiß noch immer nicht, dass er sich in akuter Lebensgefahr befindet. Schließlich habe ich schon Menschen getötet, damals, in jener anderen Zeit. Einen wie ihn mache ich mit drei Handgriffen kalt. Die Ausführungen und Muster dazu sitzen noch immer, sind integraler Bestandteil meines Bewegungsablaufs. Abend für Abend trainiere ich sie, diese Griffe, die töten können. Auch wenn ich sie seit über zwanzig Jahren nicht mehr gebraucht habe, ich beherrsche sie noch und bin bereit sie einzusetzen.

Er grinst, wie ein Wahnsinniger sitzt er da und grinst mich durch seinen von mir mit zwei schnellen Bewegungen gebrochenen Kiefer hindurch an. Er muss irre sein, anders geht es gar nicht, denn wäre er normal, wären wir jetzt nicht hier. Er sieht so erschreckend durchschnittlich aus. Seltsam, die Normalsten sind immer die Wahnsinnigsten. Wenigstens eine Sache, die schon früher so war – und die bis heute so geblieben ist.

Ja, ich könnte ihn töten, diesen Verrückten – und niemand würde mich dafür vor Gericht stellen, denn Menschen wie er sind ein Geschwulst, das über die Stadt, über dieses Land gekommen ist. Früher, in der anderen Zeit, da gab es Verirrte und Verwirrte. Doch solche Wahnsinnigen, die gab es nicht. Jetzt aber trifft man sie an jeder Straßenecke. Das ganze Land ist voll mit dieser Art von Wahnsinnigen. Töte ich ihn jetzt, so befreie ich unser Land. Schließlich ist Mord nicht immer amoralisch. Seine Morde ja, meine Morde nicht. So einfach kann es manchmal sein.

Ich denke an Magda. Ich denke an die Kinder. Die Fäuste in meiner Hosentasche vergraben denke ich an sie. Blut wird fließen. Blut soll fließen.

Da sitzt er, gefesselt auf seinem Stuhl. Und grinst. Und ich bin noch immer voller Kraft, voller Adrenalin und ja, auch der Alkohol gärt noch immer irgendwo tief in mir vor sich hin und zeigt mir, dass ich noch am Leben bin. Es ist der Schnaps, der mich am Leben hält, Blut belustigt mich, aber Schnaps hält mich am Leben, Tag für Tag, Nacht für Nacht.

Vier Frauen hat der Saukerl umgebracht seit Jahresbeginn. Jeden Monat eine, Januar, Februar, März und April. Einen tollen Kalender scheint das zu ergeben, jede Frau, grausam gestorben auf eine andere Art. Und da sitzt er nun mit seinem gebrochenen Kiefer und grinst. Mein Hemd, es stinkt so widerlich nach Schweiß, Alkohol und der Schlaflosigkeit von mindestens vier Nächten. Würde mir nicht schon schlecht werden von diesem Scheusal und Nicht-Menschen, wie er da mit seinem gebrochenen Kiefer sitzt und grinst, mir könnte glatt schlecht von mir selbst werden. Seit vier Nächten habe ich nicht mehr geschlafen, seit mindestens fünf oder sechs Tagen nicht mehr geduscht. Und wann habe ich das letzte Mal eine Frau gehabt? Eine, für die ich nicht bezahlen musste? Es fühlt sich an, als wäre es Jahre her. Was für ein Widersinn, Kerle mit Geld brauchen für Frauen nicht zu bezahlen, jede dahergelaufene Diskothekenschlampe wirft sich ihnen freiwillig an den Hals. Aber ich? Habe keinen Cent in der Tasche und muss genau deswegen Geld für Frauen ausgeben. Für eine Handvoll faulen Fleisches, ein billiges Lächeln – und viel zu viele erlogene Worte.  Doch all das wird sich ändern. 500 000 Euro dafür, dass ich diesen Nicht-Menschen ausfindig gemacht habe. Und noch mal 500 000 dafür, dass ich ihn kalt mache. So wie er vier unschuldige Frauen ermordet hat, muss ich ihn nur beseitigen und bin auf einen Schlag Millionär. Wäre da nicht diese harte Faust in meiner Tasche, ich könnte fast lachen. Zwanzig Jahre habe ich auf der Verliererseite gestanden, zwanzig Jahre geflucht und mir das Hirn weggesoffen. Alles habe ich verloren in diesen Jahren, alles. Und jetzt – Millionär. Dieser verdammte Kapitalismus, er macht uns alle irre. Aber er funktioniert, denn ich stehe hier, mit der Faust in meiner Tasche und werde diesen Typen umbringen, langsam und grausam. Niemand wird mich daran hindern können, im Gegenteil, ich werde ein Volksheld sein. Und Millionär. Und dann werde ich mir alles zurückholen. Magda wird sich nicht mehr abwenden können, die Kinder werden mich wieder „Papa“ rufen. Es wird alles wie früher werden. Wie früher. Alles wird gut, endlich wird alles wieder gut.

Es gibt Tage, da bin ich meine Wirbelsäule. Ich wache auf, langsam und schwerfällig und weiß gleich vom ersten Moment – dies ist einer dieser Tage, an dem ich meine Wirbelsäule sein werde. Ich werde nicht mein Kopf sein, also auch nicht meine Augen und mein Gehirn, und auch mein Bauch werde ich nicht sein, sondern den ganzen Tag lang werde ich meine Wirbelsäule sein.  Jeder einzelne Wirbel wird mir gegenwärtig sein, wann immer ich mich krümme, wann immer ich meinen Hals bewege. Tage, an denen ich meine Wirbelsäule bin, sind die schlimmsten. Denn was immer ich tue – immer habe ich meine Wirbelsäule im Sinn. Und den Gedanken, sie könnte brechen. Einfach brechen, auseinanderspringen. Oder sogar zusammensacken. Für mein Alter bin ich enorm fit, erst recht, wenn man bedenkt, wie viel Alkohol ich trinke, besinnungslos in mich hineinschütte. Ja, ich bin fit, und es gibt nicht wenige Menschen, die ich an den robusten TV-Kommissar Schimanski erinnere. Doch an den Tagen, an denen ich meine Wirbelsäule bin und mein Bewusstsein sich zwischen all den Wirbeln dort hinten einnistet, an diesen Tagen komme ich kaum aus dem Bett. Aus Angst, aus Panik, aus einer absoluten Verwundbarkeit heraus. Eine jede Bewegung könnte die letzte sein, der Rollstuhl wartet schon, irgendwo dort draußen.

Und er, dieser Unhold, er sitzt dort und grinst. In dem Moment, in dem ich ihm den Unterkiefer gebrochen habe, habe ich das Knacken gleich gespürt. Mein Haken war ein Paradeschlag, nur wenige Muskeln wurden beansprucht, dafür aber meine verdammte Wirbelsäule. Geknackt hat sie, dabei habe ich schon so effektiv zugeschlagen, so kraftsparend. Ich werde langsam zu alt für all das hier. Es knackt bei jedem Schlag, bei jedem Gedanken gar. Meine Zeit läuft ab, wann immer ich meine Wirbelsäule bin, spüre ich, wie meine Zeit abläuft. Magda, die Kinder. Es ist ein Kampf gegen die Zeit. 500 000 sofort, weitere 500 000 später. Wo kommt nur all das Geld her? So viel Geld. Ich kämpfe mein ganzes Dasein lang, hart, unerbittlich schlägt mir das Leben mit jedem neuen Tag ins Gesicht. Ich biete ihm die Stirn, habe mich nie unterkriegen, nie gänzlich zerstören lassen, und doch hat sich mein täglicher Kampf nie in solchen Summen ausgedrückt. Warum nicht? Bin ich ein schlechterer Mensch? Oder schlage ich einfach nicht fest genug zu, hauen diejenigen, die einfach so eine Million an einen Typen wie mich verschleudern können, vielleicht doch besser zu? Sind sie stärker, wirklich stärker? Magda, die Kinder. Ich bin aufgewacht und habe meine Wirbelsäule gespürt und gleich gewusst, dass ich diesen Tag hassen werde. Darum habe ich ihm auch den Unterkiefer gebrochen. Weil ich diesen Tag hasse, weil ich es hasse, meine Wirbelsäule zu sein. Es macht mir Angst, diese gottverdammte Angst. Ich sei Schimanski, sagen sie. Statt Duisburg zwar Berlin-Marzahn, sagen sie, aber ansonsten – Schimanski. Ich lächle, wenn sie das sagen, fühle mich tatsächlich geehrt.Götz George sieht verdammt gut aus, er ist unglaublich vital, ja genau: vital. Aber ob er auch den Rollstuhl sieht und das Knacken seiner Wirbelsäule vernimmt, wird nie gesagt, nie in den Filmen gezeigt. Aber ich, ich höre es, in jeder gottverdammten Folge meines Lebens höre ich dieses Knacken meiner Wirbelsäule, bin meine Wirbelsäule, spüre den Countdown. Der Wodka, er hat geholfen. Kaum zehn Uhr morgens, und schon hat er heute da gestanden, der Wodka. Wie so oft. Es ist wirklich seltsam, ich habe nie Geld, weiß kaum, wie ich die nächste Miete bezahlen soll – aber Wodka ist immer genug in der Wohnung. Immer. Sieht aus wie stilles Wasser, wenn man ihn am Abend zuvor in ein Glas umfüllt. So trinke ich ihn auch – wie Wasser. Spüle sogar meine Tabletten damit runter.

Doch was sind Wodka und Tabletten am Morgen gegen vier ekelhafte Morde, wie er sie begangen hat? Denn da sitzt er. Und grinst. Und mir dröhnt der Schädel. Wenigstens spüre ich mich noch, auch wenn es nur ein nervtötendes Dröhnen im Schädel ist, das mir noch den Beweis dafür gibt, dass ich lebe. Und höre ich genau hinein in dieses Dröhnen, dann stelle ich fest, dass es gar nicht nur in meinem Schädel ist, sondern überall. Mein ganzer Körper, ein einziges Dröhnen, eine einzige Sirene, ein einziges großes Alarmgeheul. Wo befindet sich ein Mensch eigentlich? Man sagt, die Augen seien der Spiegel der Seele, aber das ist Quatsch. Ich sage meine Füße, sage mein Bauch, sage sogar mein Kopf. Aber wo bin ich, verdammt? Die Kinder würden wohl sagen, ich bin in meinem Schreien, im Streit und in den unhaltbaren Vorwürfen, die meine Ehe mit Magda zerstört haben. Meine Kollegen von damals, sie hätten wohl gesagt, ich bin in meiner Faust oder in meinen Oberarmen. Jiri würde wohl sagen, ich bin in meinem Hals, in meinem Rachen, auch ein wenig in der Zunge, wenn sie den Schnaps und den Wodka in mich hineinbefördert. Und Magda? Was würde Magda sagen? Ich habe sie nie gefragt. Habe sie nie gefragt, wo ich bin, ihrer Ansicht nach. Ich habe gerufen, geschrien, gebrüllt. Auch verdammt habe ich sie. Ich war wie ein Löwe, habe sie verteidigen, beschützen wollen. Doch noch währenddessen ist sie in meinen Armen fast verreckt. Jämmerlich kaputtgegangen. Was hätte Magda wohl gesagt, hätte ich sie nur ein einziges Mal gefragt, wo ich bin. Ich hätte sie fragen sollen, warum nur habe ich sie nicht gefragt? War es etwa jene allseits bekannte Männerangst davor, Schwäche zu zeigen? Meine Orientierungslosigkeit zu offenbaren? Der Frau, die ich bis heute liebe, zu gestehen, dass ich nichts weiß, außer dass Schatten und Dunkelheit um uns herum sind? Ich hätte sie fragen sollen, in meiner Armbeuge, in die sie sich vor all den Jahren so gerne geschmiegt hat: Magda, wo bist du und wo bin ich? Doch ich war zu sehr damit beschäftigt, ein Löwe zu sein und vor den Tagen zu fliehen, an denen ich meine Wirbelsäule bin.

Und er? Sitzt dort und grinst vor sich hin. Vier Morde und grinst. Ich werde jeden einzelnen Mord aus ihm herausprügeln. Seine Gesundheit oder  irgendwelche Menschenrechte interessieren mich einen Dreck. Um uns hat sich nach 1989 doch auch keiner geschert. Überrollt wurden wir, vielleicht nicht von Panzern, aber doch überrollt und das brutal. Und sie alle haben applaudiert, die ganze Welt hat zugesehen, wie wir überrollt wurden und sämig gegrinst dabei, genauso, wie er hier sitzt und sämig grinst. Geklatscht haben sie alle und uns dann ihren bigotten Freiheits-Scheiß zu fressen gegeben. Auf der Mauer gestanden und Looking for Freedom gesungen hat David Hasselhoff, und am Ende ist sogar er zu einem abgewrackten Alkoholiker geworden wie ich, Sieger und Besiegte, zumindest im Untergang sind wir alle vereint.

Und er sitzt hier und grinst, denkt offenbar, ich wäre an gewisse Bestimmungen gebunden, denkt vielleicht an seine Rechte. Rechte. Vier Morde, grausamer als alles, was ich jemals getan habe und verlangt nach Rechten. Das ist das neue Deutschland, schützt die Täter mit Rechten. Was hätten wir früher mit diesem Drecksack gemacht. In Zwickau, im Frühjahr 1983, hatten wir einen ähnlichen Fall. Beweise gab es nicht, brauchten wir auch nicht. Alle waren stolz auf meine Überredungskünste. Auf meine Art der Strafverfolgung. Wir wussten, wonach wir suchten, wir hatten Ziele, nichts zerfledderte, nichts verzettelte sich schon im Ansatz in sich selbst, es gab schwarz und es gab weiß, und es gab falsch und es gab richtig und ich stolz mittendrin, mit Magda und Anna, gerade geboren. Ich habe keinen Fehler gemacht, nie habe ich einen Fehler gemacht. Alles ist mir immer nur passiert. Ja, ich trinke, hauche mein Leben eigenmächtig aus, aber ich schwöre bei mir selbst, der einzigen Instanz, der ich noch glauben kann: Nie habe ich einen Fehler gemacht, und moralisch bin ich auch immer gewesen. Sie stellen es heute gerne so hin, als wären wir ein Haufen durchtriebener Schwachköpfe gewesen damals, doch damit verdrehen sie die Tatsachen und verschleiern ihre eigene Niederträchtigkeit, lenken davon ab, dass ihr eigenes System das viel perfidere ist. In Zwickau, 1983, hatten wir einen ähnlichen Nicht-Menschen gestellt, einen Vergewaltiger, einen Unschuldigen-Töter. Man sieht es ihnen nicht an, sieht es ihnen nie an.

Ich könnte ihm jetzt die Fesseln lösen und er hätte noch immer keine Chance, seine zwei Arme sind wie ein Arm von mir, wenn überhaupt. Und dennoch grinst er. Warum nur grinst er so? Weiß er vom Wodka? Kennt er vielleicht sogar Magda? Ja, es ist die vollendete Paranoia, die ich hier mit mir herumschleppe. Sogar ein versoffener und gescheiterter Stasi-Offizier wie ich verfügt über genügend Selbstreflexion, um das zu erkennen. Paranoia, alles in meinem Kopf. Während ich meine Wirbelsäule bin, besetzt er meinen Kopf. Er ist aus dem Westen, Massenmörder sind immer aus dem Westen. Ich weiß um meine Intelligenz, aber er, er hat den Akademiker-Titel und das Doktoren-Elternhaus. Ich kann mich auf den Kopf stellen, die Bilder vergehen nicht. Fickt er vielleicht Magda?Irgendjemand muss sie ja schließlich ficken, seit ich es nicht mehr darf. Irgendwen wird sie schon an sich ranlassen, und er wird all das haben und sein, was ich nach 1989 nicht mehr haben und sein durfte. Ja, vielleicht ist es wirklich er, der Magda fickt. Sitzt dort und grinst, kennt Magda natürlich nicht, aber in meinem Kopf, da ist er trotzdem, da sehe ich ihn, wie er grinst und Magda fickt. Es sind genau diese Art von wohlerzogenem Wessi-Jüngelchen, die unsere Frauen ficken und zu denen unsere Kinder „Papa“ sagen. Sie versprechen ihnen tausend Dinge. Tausend Dinge, von denen sie wohl 900 halten könnten, während ich nicht ein einziges Versprechen jemals gehalten habe. Magda. Die Kinder. Nichts habe ich gehalten, die Verzweiflung hat mich immer weitergetrieben. Und er sitzt dort und grinst. Fickt Magda und grinst. Als wenn wir nichts gehabt hätten, als wenn alles, was wir damals dachten und taten, Bullshit gewesen wäre.  Der Westen hat den Osten geschluckt, nicht umgekehrt. Und ich, ich habe dreißig Jahre einem falschen Götzen gedient. Habe ich das? Habe ich? Sitzt dort, jung und westlich und grinst. Sieht in mir wohl den Versager, den Gestrandeten, den Wendeverlierer. Und grinst. Nur deswegen.

Ich kann noch immer nicht behaupten, den Lauf der Geschichte als solchen und somit auch den Lauf meiner eigenen Geschichte wirklich verstanden zu haben. Ich kenne die Zahlen, ich kenne die Fakten, runterbeten, ja runterleiern kann ich alles, kaum jemand kann das so gut wie ich, und dennoch verstehe ich gar nichts. Bis zum heutigen Tag. Manchmal, wenn ich spätabends kurz davor bin, mich doch noch einmal anzuziehen und runter zu Jiri zu gehen – auf einen Schnaps, zwei Schnäpse, drei Schnäpse – dann bleibe ich im Dunkeln meiner kleinen Wohnung stehen, mein Hemd in der linken Hand, die Hose in der rechten, und schaue hinaus, hinaus in mein Marzahn. Nur in Unterhosen stehe ich dann dort am Fenster, der Alkohol des Abends gärt wie eh und je vor sich hin, irgendwo in mir, und mein Kopf ist schwer. Ich schaue hinaus in mein Marzahn, weiß, dass längst weit über zwanzig Jahre vergangen sind, ich aber noch immer zu verstehen versuche…

( Dieser Text ist ein Auszug aus der Erzählung „Von trauriger Gestalt“, zu finden in dem Melancholienband „Geliebter Schmerz“. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

Zum Autor:

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David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer (und nach aktuellem Stand auch Totengräber) des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht.

„Wonschewski zieht alle Register der Vortragskunst bis hin zur schrillen Verzweiflung, die sich in drastischen Stimmlagen widerspiegelt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus – der Autor versteht es vortrefflich, diese Stilmittel zu einem höchst amüsanten Cocktail zu mixen.“ (Rainer Nix, „Westfälische Nachrichten“, 10. Juni 2015).

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. Januar 2017 von in Kurzgeschichten, Nachrichten und getaggt mit , , , , .
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