David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Mutmaßungen eines schmerzverzerrten Theatralikers /Teil 8: Ich bin so Indie, ich verkaufe nicht einmal Bücher.

IMG_4346 Ich bin so Indie, ich verkaufe nicht einmal Bücher. Und wenn ich Lesungen ankündige, kommt keine Sau. Ich reise sogar mit Freude 500 Kilometer durchs Land, um dann vor niemandem zu lesen. So Indie bin ich.

Gut, so ganz stimmt das alles natürlich nicht mehr. Was ein Glück. Kann aber durchaus noch und immer wieder passieren. Da es mitunter auch wesentlich größeren und bekannteren Stift- und Tastenjongleuren passiert. Solchen, die nicht Indie sind. So wie, ähm, ich.

Nette Überlegung, die mich auch als Musikjournalist selbstredend seit vielen Jahren umtreibt. Ist „Indie“ nun gut oder schlecht? Oder einfach nur Blabla, ein weiterer Marketingkniff, ein Etikett, eine Schublade wo alles reingepackt wird, wofür in der SPIEGEL-Bestsellerliste eben kein Platz mehr war? Ist Indie mehr als der Versuch, aus einer Not eine Tugend zu machen? Wo also beginnt Indie – und wo hört es auf? Alles eine Frage der Verkaufszahlen? Der Vertriebs- und Marketingmechanismen? Oder steckt da doch eher ein Verhalten hinter? Eine, oha: Attitude? Ich entsinne mich wie vor vielen Jahren Depeche Mode einmal die „Independent-Charts“ anführten. Keinen Schimmer wieviel Millionen Alben dafür abgesetzt, wieviele „Stadiums“ dafür bespielt werden mussten. Bands wie „Killers“ oder „Kings of Leon“ waren aber mal sowas von Indie, geile coole Scheiße, was habe ich mir die ersten Alben noch als Importware aus Übersee kommen lassen. Und dann liefen sie sogar bei RTL, im Hintergrund von „Bauer sucht Frau“. Und machten die o2-Arena binnen zwei Tagen ratzefatzevoll. Auftreten, Sound – so richtig viel verändert hatte sich nicht. Man war aber offensichtlich nicht mehr der Erste und Einzige, der sie mochte. Also Schluss mit Indie, sobald das Gefühl nachlässt, ein stranger Außenseiter zu sein?

Ja, schon klar, es ist Indie, wenn es nicht bei einem Major-Label oder einem großen Publikumsverlag veröffentlicht wird, nicht in gut geschmierten Systemstrukturen hockt. Wenn man aktiv danach stöbern muss, anstatt es überall ungefragt vor den Latz geknallt zu bekommen. Wichtiges Indie-Stichwort: Vermarktung. Oder noch besser: Selbstvermarktung oder auch Selbstdarstellung. Jüngst hörte ich die These, dass ein „echter Indie-Künstler“ sich nicht hemmungslos selbst vermarktet oder vermarkten lässt. Sich nicht dauernd selbst darstellt, sich nicht „prostituiert“, wie es allenthalben so unschön sogar genannt wird. Kurz gesprochen: Rumlaufen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit ausposaunen, dass man ja auch schreibt, dass man ja auch Bücher veröffentlicht, ja dass man von diesem oder jenem schon einmal als gar nicht so übel gelobhudelt wurde (sich mithin also nicht anders verhält als ein Versicherungsvertreter) – sowas macht man nicht. Das sei kein guter Stil, vermittle Arroganz, vermittle Selbstüberschätzung. Sei überhaupt der Anfang vom künstlerischen Ende. Und so gar nicht Indie.

Das sehe ich, mit Verlaub, anders. Denn die Veröffentlichung eines Buches oder eines Albums ist doch vor allem zweierlei:

a) ein klares Bekenntnis zur Selbstdarstellung. Lest mich, blättert mich, hört mich rauf und runter. Befasst euch mit mir und meinen Gedanken, erzählt es alsdann euren Freunden, pult alles aus mir heraus. Und was ihr euch nicht erpult, das serviere ich euch auf dem silbernen Tablett, auf Seite 117 oder im vierten Song. Gerne nochmal nachlesen, gerne nochmal nachhorchen.

b) ein klares Bekenntnis zur Einordnung in einen wie auch immer gearteten monetären Kreislauf. Eine Veröffentlichung kostet schließlich Geld, das irgendwer erstmal haben, erstmal vorstrecken – und das auf die eine oder andere Weise zurückgeholt werden muss. Steckt man in keinen mehr oder minder automatisierten Strukturen, so heißt es also: Gesicht zeigen, sich lang machen. Laut und vernehmlich HUHU brüllen. Bis auch der letzte Ignorant zumindest kurz verächtlich einmal rübergeschielt hat.

Die oftmals als makelhaft benannte „Selbstdarstellung“ ist demnach kein Weg, für oder gegen den man sich nach einer Veröffentlichung noch entscheiden kann. Sondern sie ist spätestens mit dem VÖ-Termin gegeben. Ich bin von daher stets verwundert, wenn ich Künstlern begegne, die zwar sehr gerne ihre Sachen veröffentlichen (veröffentlicht sehen), sich dann aber (mitunter öffentlichkeitswirksam) von jeglicher Selbstvermarktung und Selbstdarstellung distanzieren. Für mich ein Widerspruch, der sich wahlweise als Heuchelei, zumindest aber als enorme innere Zerrissenheit deuten lässt.

Man will schon wahrgenommen werden als einer, der nicht wahrgenommen werden will.

Man will schon gelten als einer, der nichts gelten will. Und „die Leute“, um deren Meinung man sich nicht schert, sollen sich schon scheren darum, dass man sich nicht um sie schert.

Soso. Alles klar.

In wenigen Wochen veröffentliche ich mein drittes Buch „Zerteiltes Leid“. Über acht Jahre habe ich an dem Roman geschrieben. Und wie schon bei den Vorgängern „Schwarzer Frost“ und „Geliebter Schmerz“ (uff, das war jetzt aber billiges product placement) sehe ich dieser Veröffentlichung zwiespältig entgegen. Ich gehöre nicht zu den Autoren, die sich Stoffe ersinnen können, die wenig bis gar nichts mit ihrem eigenen Leben zu tun haben. Ein rein fiktionaler Text aus einer Welt, die nicht die meine ist – ich weiß offen gesagt gar nicht, was das sein, wie sowas gehen soll. Schreiben bedeutet für mich daher stets: Meiner eigenen Widerwärtigkeit zu begegnen. Und an meiner menschlichen Fehlbarkeit zu genesen. Bevor ich groß anfange andere Leute zu vermeintlich besseren Menschen erziehen zu wollen, versuche ich es doch lieber erstmal bei mir selbst. Das ist bekanntlich Herausforderung genug und bringt der Menschheit mittelfristig auch mehr. Darum schreibe ich. Und so ist auch „Zerteiltes Leid“ natürlich kein Tatsachenbericht, keine biografisch detailgetreue Nacherzählung geworden. Aber eben doch: Ein erneuter, ein schmerzvoll beherzter Griff in meine Eingeweide. Ich freue mich auf diese Veröffentlichung, ich bin stolz einen Verlag gefunden zu haben, der derlei Stoffe und Stile noch unterstützt, zu verbreiten hilft. Und wie gut oder schlecht dieser Roman auch aufgenommen, verkauft werden wird: Das Glücksgefühl einer Buchveröffentlichung ist und bleibt einzigartig. Vielleicht ist aber ja auch just dieser offen propagierte Masochismus Indie? Dieses stete Ringen um Pyrrhussiege? Nach 12 Runden im Boxring hebt man lächelnd die Siegerfaust, sieht aber ziemlich zerschunden und zerledert aus.

Da ist neben dem Glück auch ein Unbehagen, natürlich. Sich der eigenen Verworrenheit zu stellen ist, das dürften nicht nur Künstler wissen, schon kompliziert, schwierig und fies genug. Sich im Spiegel ins eigene Gesicht zu schauen und sich einzugestehen, dass man irgendwie kein sonderlich gut sortierter Mensch ist, ja in Auftreten und Charakter noch mächtig Luft nach oben ist, das kann ab und an zum Schreien komisch sein. In der Regel ist es zum Schreien belastend.

Mit dieser artikulierten und veröffentlichten Fehlbarkeit dann noch hausieren zu gehen, sie allgegenwärtig anzupreisen – und nichts anders ist doch eine Buchveröffentlichung – ist ein Schritt, der mich noch immer eine große Überwindung kostet. Jede erneute Buch-, Auftritts-, Interview- oder Rezensionsmeldung auf meiner Website, die sich ständig wiederholende Selbstanpreisung auf Facebook und/oder Twitter, Fotos von mir, jeder Gedankenschnipsel mit Klarnamen, kein Pseudonym, kein Alias – ich kann nicht behaupten, dass ich das sonderlich „geil“ finde. Kennen Sie diese Menschen, die auf „Publish“ oder „Posten“ klicken und dabei jedes Mal zusammenzucken, nur mit zusammengekniffenen Augen und verzogenen Mundwinkeln ihre soeben an die Öffentlichkeit gebrachte Verlautbarung nachkontrollieren können? Die genau deswegen auch in einem fort eigene Beiträge unwiderruflich löschen, manchmal nach zehn Minuten, manchmal nach drei Tagen – eben weil der Offenbarungsekel sich einfach nicht überhoppsen lassen wollte? So einer bin ich. Mein Handy habe ich vor einer Weile dem Müll anheimfallen lassen, es verschafft mir keinen menschlichen Gewinn, es klaut lediglich Zeit. Jedes noch so billige Facebook-Posting aber erzählt mir umgehend etwas über mich. Ich drücke auf „Posten“, schaue in mich, fahnde nach meiner Reaktion auf mein eigenes Posting – und komme mir umgehend näher.

Würde ich mich selbst als ausnehmend wertvollen und wichtigen Menschen erachten, wer weiß, vielleicht ginge das alles dann einfacher, besser, lockerer. Andererseits: Würde ich bestens mit mir selbst klarkommen, hätte ich mehr Antworten als Fragen, ich würde wohl kaum Bücher schreiben. Nicht veröffentlichen, mich nicht auf Bühnen stellen, nicht wie wild posten und twittern.

Würde gewissermaßen vor mich hin leben. Anstatt vor anderen hin zu leben.

Ach, wäre das nicht „Indie“?

Ja, dieser Beitrag weist alle Merkmale einer Selbstdarstellung auf. Selbstvermarktung angesichts einer nahenden Buchveröffentlichung. Das ist so billig wie es ehrlich ist. Sollte dieser Beitrag schon bald nicht mehr aufzufinden sein, so kennen Sie den Grund.

Über die nervenzermürbende Lachhaftigkeit psychischer Schräglagen: Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“ und „Zerteiltes Leid“ – die bisher erschienen drei Bücher von David Wonschewski. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

Zum Autor:

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David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer (und nach aktuellem Stand auch Totengräber) des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht.

„Wonschewski zieht alle Register der Vortragskunst bis hin zur schrillen Verzweiflung, die sich in drastischen Stimmlagen widerspiegelt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus – der Autor versteht es vortrefflich, diese Stilmittel zu einem höchst amüsanten Cocktail zu mixen.“ (Rainer Nix, „Westfälische Nachrichten“, 10. Juni 2015).

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Foto oben: Maxi Mancub

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19 Kommentare zu “Mutmaßungen eines schmerzverzerrten Theatralikers /Teil 8: Ich bin so Indie, ich verkaufe nicht einmal Bücher.

  1. satirreal
    14. März 2017

    Was würden denn die Leute dazu sagen?

  2. wortschrein
    31. Januar 2017

    Es ist ja aber doch nicht so, als ob Selbstdarstellung unser Innerstes ungefiltert offenlegt. Der Begriff nennt es ja schon: Zwar gibt man etwas von sich preis, aber „stellt“ es eben auch „dar“, wählt also Perspektive und Gestaltung, ist nie in letzter Konsequenz ehrlich. Darauf prallt dann der Rezipient mit der Gesamtheit seiner Erfahrungen und mischt sich daraus sein eigenes Urteil. Warum also davor zurückschrecken? Letztendlich kann man irgendwie alles scheiße finden, wenn man mit der richtigen Einstellung und dem passenden Fundus an Erfahrungen drangeht! Mich tröstet das immer irgendwie, führt aber auch dazu, dass ich häufig weder Lob noch Verurteilung wirklich annehmen kann. Was wohl im zweiten Fall auch ganz ratsam ist, haha.

  3. Traumtänzerin
    13. März 2016

    Yo

  4. filmschrott
    4. Juni 2015

    Ich glaube, für das Türeintreten bin ich noch nicht ganz bereit. Vielleicht kommt das irgendwann, wenn ich mal wirklich was „größeres“ veröffentlicht habe.
    Aber generell kann man es natürlich eh nicht jedem Recht machen. Geschmäcker sind halt verschieden. Aber immerhin scheinen die meisten Reaktionen (auch aus dem Freundes- und Bekanntenkreis), bei mir ehrlich zu sein, was mir schon mal lieber ist, als wenn alle nur abfeiern , was ich mache, sich aber eigentlich denken, dass das totaler Schwachsinn ist.

  5. davidwonschewski
    4. Juni 2015

    Na, das ist ein Kommentar ganz nach meinem Geschmack, Danke dafür! Eventuell würde ich auch das von dir benannte Eintreten der Türe ab und an durchaus in den eigenen Aktionsradius einfließen lassen, denn wie sagte ich jüngst an andere Stelle ( und abertausende viel gescheitere Geister schon vor mir): Reibung erzeugt Inbrunst. Das Feine ist ja, dass man es eh machen kann wie man will. Man muss kein Reinhard Mey-Fan sein, aber jeder darf sich mal das Lied „Mein Achtel Lorbeerblatt“ anhören im Netz und sich darin sehr heftig wiederfinden. Kenne ich selbst natürlich auch, dieses Phänomen widersprüchlicher Wahrnehmungen. An und für sich würde ich durchaus gerne ab und an auf anderer Leute Einschätzung hören, die müssten sich nur vorher mal einigen, ha! Den einen hau ich zu sehr „auf die Kacke“, die anderen fragen mich, warum ich mich immer so klein mache, ich solle doch mal, tja, in den Raum schreien: Lest meinen geilen Scheiß! Das gleiche gilt für meine Texte oder Lesungen. Die einen sagen: puh, so verkopft und anstrengend, gehts nicht flockiger? Die anderen: Ha, ich hab mich totgelacht, nach anderthalb Tagen war ich durch, so lustig. Und es ist ein und dasselbe Buch. Halten wir also fest: Es liegt immer an den anderen!;-)

  6. filmschrott
    3. Juni 2015

    Ich sage es, wie es ist: Mir ist die Verurteilung der sogenannten Selbstdarstellung scheißegal. Ich schreibe gerne und will gelesen werden. Wenn ich irgendwo unterwegs bin, erwähne ich nebenbei immer mal gerne, dass ich schreibe, nen Blog habe, vielleicht in den nächsten 42 Jahren auch mal endlich einen Roman veröffentliche usw. Ich trete natürlich keine Türen ein und schreie in den Raum: „Lest meinen geilen Scheiß, ihr Penner!“, aber wenn sich das Thema zufällig im Gespräch ergibt, warum dann nicht mal kurz was davon erwähnen? Bisher war es auch immer eher so, dass die Leute Interesse daran gezeigt haben, statt mich als Selbstdarsteller abzustempeln. Alternative Reaktionen sind natürlich: „Schriftsteller willste werden. Ha Ha Ha. Das wird doch nie was.“ und „Echt? Cool. Ich geh mal Bier holen.“
    Man wird sehen, wer am Ende Recht behält. Ich tippe auf den Typ mit dem Bier.

  7. claudiadahinden
    26. April 2015

    Ich glaube tatsächlich auch, das es eben nicht so seltsam ist. Nichts gegen „harmlose“ Posts und sich wohl fühlen, aber gerade dann, wenn sich dieses Gefühl beimischt, von dem Du sprichst, ist etwas Kraftvolles im Gange, dem wir un stellen sollten. Ist nicht so einfach und katapultiert uns manchmal weit aus der „Comfort zone“, aber hey: wer hat gesagt, dass es einfach wird? Eben..!

  8. davidwonschewski
    26. April 2015

    Liebe Claudia,

    vielen Dank – ja, die ein oder andere Parallele konnte ich da auch bereits entdecken…und vielleicht ist da ja was dran was ich zum Beispiel für meine Live-Lesungen schon vor längerer Zeit herausgefunden habe. Man selbst hat ja kaum ein Gespür, ob das eigene Zeug nun gut oder nicht gut ist, ob es „trifft“ oder doch eher als Belanglosigkeit verpufft. Was Zuhörer betrifft, so habe ich mich frei davon gemacht, das ergründen zu können. Aber für mich selbst habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich „Probleme“ mit dem Vorlesen eines Textes haben muss, um einen Wert daraus zu ziehen. Also wenn ich zB zu einer Lesung fahre, wo ich das Publikum gar nicht einschätzen kann und über den ein oder anderen eigenen Text denke: Ey, kannste nicht bringen, die Aussage des Textes ist selbstgerecht (wie Menschen eben zumeist selbstgerecht sind), der Text badet im Leid anderer (wie Menschen eben oftmals im Leid anderer baden), du therapierst da zum 25sten Mal doch nur dein eigenes widerliches Problem mit xy (wie Menschen im Grunde doch den ganzen Tag durch Handlungen und Gespräche eigene Erfahrungen „therapieren“, wenn auch nicht alle gleich als Künstler…) – wenn ich also am liebsten umdrehen und absagen möchte, dann weiß: Heute wirds gut. Seltsam…aber vielleicht gar nicht so seltsam.;-)

  9. claudiadahinden
    25. April 2015

    Ich bin Dir auf Deinen Blog gefolgt, nachdem Du meinem gefolgt bist, und ich muss sagen: Verwandt im Geiste 🙂 Gratulation zu diesen authentischen Worten, die Du hoffentlich nicht löschen wirst. Ich zögere auch oft, ob ich den einen oder anderen Post wirklich „so“ veröffentlichen soll – voll mit meinen eigenen Fragen, Unzulänglichkeiten etc. Bereut habe ich es noch nie, weil genau diese nackten, echten Worte meistens bei anderen etwas anklingen lassen. Und darum geht es auch mir, wenn ich schreibe.

    Dir viel Erfolg beim Buchlaunch – und mach so weiter 🙂

  10. davidwonschewski
    25. April 2015

    Das stimmt natürlich, wann immer man versucht „allgemeingültige Charakteristika“ zu definieren, trifft man stets genau den Punkt – und zielt doch zugleich daneben. Vermutlich ist dieses Thema für mich subjektiv ein wenig wuchtiger, da ich sehr stark zwischen beiden Polen hin und herschwanke. Das kann sich z.T. von Tag zu Tag anders gestalten. Manchmal wünschte ich, ich könnte mir wieder ein Alias zulegen oder einen Nickname – oder noch besser: gar nichts mehr machen, alle Profile löschen. Habe ich früher auch sehr oft gemacht, virtueller Selbstmord im 5 Monatstakt. Dann wieder hau ich sechs Beiträge an einem Tag raus. Bei mir ist es in der Tat so, dass ich hier, aber auch bei Facebook, versuche nur zwei Themen zu beackern: Musik und Schriftstellerei. Man findet von mir dafür nie private Fotos, oder Bilder von meinem Frühstücksei, meinem Fahrrad, meinem Haustier. Allerdings habe ich zB just gestern zum ersten Mal ein menschenleeres Foto von einem See bei Facebook gepostet – und zack! – gleich mehr likes als bei allem dem Kram, weswegen ich das eigentlich mache. Eine Freundin von mir ist Autorin, veröffentllicht aber alles selbst via Amazon. Also kein Verlag. Die empfiehlt mir immer, dass ich die Leute mehr an meinem Privatleben teilhaben lassen, eine persönliche Bindung aufbauen muss. Durch solche Alltagspostings. Leider muss ich sagen, dass ihr der Erfolg Recht gibt. Wenn sie postet: „Oh, das WAR mein Frühstück, hihi“ und darunter ein Foto von einem vollgekrümmelten Teller, dann geht diese „bewusste Belanglosigkeit“ aber sowas von rum, geteilt, geliked, kommentiert. Und: Die Frau erreicht auf diese Art wa kaum ein schriftsteller erreicht: Sie kann bombig leben von ihren Selfpublishing-Büchern. Der Eroflg gibt ihr also gewissermaßen Recht, sie weiß auch von Studien zu berichten, demnach man ein neues Buchcover minimum 7 Mal in kurzer Zeit posten muss, damit es überhaupt anfängt, wahrgenommen zu werden. Aber da bin ich noch nicht, ich glaube das will ich auch gar nicht.

    Beste Grüße in die Nacht!

  11. pgeofrey
    24. April 2015

    Auch, wenn ich den Grundgedanken nachvollziehen kann, weiß ich nicht, ob man nicht prinzipiell eine Unterscheidung treffen muss, zwischen extrovertierten Künstlern und introvertierten.
    Letztere, die Ihre Arbeiten veröffentlichen wollen, aber ihre Person lieber im Schatten wissen.
    Gewiss ist es den Extrovertierten nicht vorzuwerfen, wenn sie sich neben dem Schreiben, gut auf Marketing verstehen. Dass aber jemand zaghaft und zögerlich ist, mit der Selbstveräußerung – muss man das vorwerfen?
    Ich halte die bunte Mischung stets für schöner. Und finde es gut, dass es Autoren gibt die sich zeigen und zu präsentieren verstehen und andere die entdeckt werden wollen.
    So weit ich Deinen Blog verfolge, spielt darin Musik (Liedermacher) eine große Rolle. Ich glaube das Musik die extrovertiertere Kunstform ist und, wenn man darin mitsiedelt, man die Bühnenreife des Musikers vielleicht leichter mitnimmt.

    Zuletzt bleibt die Frage, wo wirbt man und, wie intensiv. Missbraucht man ein soziales Netzwerk zur Selbstdarstellung, nutzt man es, gestaltet man es mit?
    Ich glaube, dass das extrovertierte Marketing dort auf Missfallen stößt, wo es sich (unpassend) aufdrängt, wo es überdosiert ist oder dem angepriesenen Gegenstand nicht gerecht wird.

    Aber das stimmt: Im Moment, da man auf „Veröffentlichen“ drückt, ruft man: „Hallo, hier bin ich!“

  12. oliver2punkt0
    24. April 2015

    Ein guter Text… ehrlich. Danke!

  13. davidwonschewski
    14. April 2015

    Hallo Frank,

    besten Dank! Ja, vielleicht erinnerst du dich ja in 2-3 Wochen noch daran, dass du das Buch haben möchtest. Was bringt das emsigste Selbstmarketing, wenn man das Timing versemmelt..;-))
    Feine Grüße
    David

  14. Frank O. Rudkoffsky
    14. April 2015

    Schöner und ehrlicher Text, da habe ich mich an so mancher Stelle gut wiederfinden können. Aber dein Selbstmarketing hat zumindest bei mir recht gut funktioniert – jetzt habe ich nämlich deinen Roman auf dem Radar und Lust, ihn zu lesen! Viel Erfolg für die Veröffentlichung!

  15. davidwonschewski
    13. April 2015

    Hallo Loverboi,
    klar, am Ende muss jeder für sich selbst sehen welche Beweggründe in was für einem Verhalten münden. Aber auch der von dir genannte ansteigende Druck hat bekanntlich sein Gutes. Da wären wir bei der Definition von Schriftsteller. Oder allgemein Künstler. Ich glaube, erst wenn du einige Male vor leeren Rängen aufgetreten bist, wenn du auf einer Bühne stehst und merkst „heute funktioniert gar nix“, erst wenn du mit Verriss und negativer Kritik konfrontiert gewesen bist, erst wenn dir klar ist, dass du vermutlich nie davon leben wirst können und mit ansteigender Followerzahl auch die Zahl jener Leute ansteigt, denen es ein Anliegen ist dich offen als „blöd“ zu titulieren – erst dann merkst du wahrscheinlich, ob du das alles wirklich willst. Ob du gar nicht anders kannst als dich immer wieder in diese Ungewissheit zu begeben.

  16. Der Loverboi
    13. April 2015

    Ich kenne den Zwiespalt aber gut, dass ich einerseits möchte, dass man meine Texte liest, mich andererseits aber vor öffentlichen Auftritten drücke. Was bei mir eher an einer gewissen Sozialphobie liegt als Indie sein zu wollen. Doch jedes Mal, wenn ich mich auf eine Bühne gezwungen habe und es jedes Mal gut lief, weiß ich: Ich habe die richtige Entscheidung getroffen!
    Wobei es bei mir auch bisher nicht um Bücher ging sondern lediglich um Texte. Wenn es darum ginge, etwas zu verkaufen hätte es sicherlich noch mal eine andere Gewichtung.
    (Dann hätte ich noch mehr Angst und ich müsste mich noch mehr zwingen. Haha.)

  17. Lena Lehmann
    13. April 2015

    „Nackt liege ich nun vor euch…“ – das schrieb ich erst kürzlich nieder, um es zu einem neuen Lied zu machen – und es kam mir beim Lesen gerade wieder in den Sinn…
    Selbstvermarktung vs. Selbstekel, „Bitte, bitte sag du findest geil was ich mache!“ vs. „Die Meinung „der Leute“ interessiert mich einen Dreck, ich mache einfach worauf ich Bock habe!“, Ehrgeiz vs. Bescheidenheit, sich profilieren vs. den dauerhaften Minderwertigkeitskomplex – ich könnte noch eine Weile so weitermachen bzw. -schreiben…
    Stattdessen danke ich dir, lieber David, dafür, dass du offenbar auch in mein verschrobenes Hirn geblickt, auch meine Eingeweide durchwühlt hast, denn nun weiß ich: Ich bin nicht allein!

  18. davidwonschewski
    13. April 2015

    Vielen Dank. Ich gebe zu: Eine „positive“ Antwort erleichtert doch enorm. Und ja: Den Luxus sich dem Marketing zu verweigern, den muss man sich eben auch erstmal erarbeiten, hart verdienen.

  19. Mme Lila
    13. April 2015

    Das ist es. Die Wahrheit hinter dem Klischee des Schriftstellers, der nächtelang, Zigaretten qualmend, Romane schreibt. Die dann die Bestsellerlisten hoch klettern, um sich oben zu halten. Die Schablone eine verwegenen Bukowski oder Hemingway.
    Das Leben ist anders. Schreiben ist Handwerk. Und Marketing. Weil man in der Zeit, in der man am Script schreibt, eben keiner anderen Arbeit nachgehen kann. (Die andere Arbeit ist zahlt die Miete, das Brot und den Strom für das Internet.)

    Trotzdem. Ein Leben ohne das geschriebene Wort geht nicht.

    Danke für den Text.

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