David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Über die bizarre Lust am Suizid.

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Die heiteren Themen sind seine Sache nicht: Der Musikjournalist David Wonschewski verhandelte in seinem Debütroman „Schwarzer Frost“ Depression, Misanthropie und Selbstmord. „Geliebter Schmerz“ setzte sich in Kurzgeschichten mit Themen wie Missbrauch, Borderline und Krebserkrankungen auseinander. Sein drittes Werk „Zerteiltes leid“ stellte anhand einer Stalkergeschichte die Frage nach dem Charakter der Liebe. Im März 2017 erscheint sein erstes Hörbuch.

Dein erster Roman trug den Titel Schwarzer Frost. Was verstehst du unter diesem Begriff?
DW: Die Bezeichnung „Schwarzer Frost“ stammt aus der Seefahrt. Bezeichnet wird damit eine Vereisung der Schiffsaufbauten, gebildet durch Nebel oder Nieselregen. Klingt zunächst nicht sonderlich gefährlich, kann aber tatsächlich dazu führen, dass die Takelage überlastet wird und das Schiff  kentert. Ziemlich fiese Angelegenheit. Mit der Seefahrt hat der Roman eher wenig zu tun, aber mir gefiel dieser Begriff, lässt er sich doch gut auf die Psyche des Menschen übertragen. Hier eine Gemeinheit, dort eine Unverfrorenheit, ab und an ein Tiefschlag – manche Menschen können so etwas wegstecken. Andere aber gehen nach und nach kaputt an sich und ihrer Umwelt, sie vereisen. Und das Kentern ist dann oftmals nicht mehr weit.

Suizid, Depression, Misanthropie: Dein Roman behandelt sehr düstere Themen. Woher rührt dein Interesse an den so genannten Schattenseiten des Lebens?
DW: Im Grunde legst du durch deine Formulierung den Finger bereits an die entscheidende Stelle: ,so genannte Schattenseiten’. Ich frage mich: Warum werden manche Dinge, die fester und klarer Bestandteil des Lebens sind, derart dämonisiert? Ich bin der Meinung, dass es gerade diese zwanghafte Verteufelung doch sehr menschlicher Charaktereigenschaften und Handlungsweisen ist, die zum Hauptkatalysator des eigentlichen Problems werden. Ich erwarte ja gar nicht, dass Leute gute Laune haben, wenn sich jemand umgebracht hat oder sich zukünftig an ihren depressiven Phasen erfreuen, natürlich nicht. Aber ich bin überzeugt davon, dass es uns alle ein großes Stück weiterbringt, wenn wir akzeptieren, dass suizidale Tendenzen menschlich sind und Depressionen keine Fehlbildung, kein Irrläufer, sondern eine sehr natürliche, wenn nicht gar logische Angelegenheit. Ich würde sogar noch weiter gehen: So häufig wie all diese ach so negativen Dinge bei uns Menschen vorkommen, werden sie mit Sicherheit sogar ihren tieferen Sinn und Zweck haben.

Wie ist das zu verstehen? Was für einen Sinn könnten Selbstmordgedanken und Depressionen haben?
DW: Na, den gleichen wie zum Beispiel die Angst. Oder der körperliche Schmerz. Ebenfalls zwei unfassbar blöde Angelegenheiten – aber würden wir Menschen weder die Angst noch den körperlichen Schmerz kennen, dann würden wir beide jetzt ganz sicher nicht dieses Interview führen. Denn dann wäre die Spezies Mensch vor 150 000 Jahren bereits ausgestorben. Ich bin mir sicher: Mit Depressionen verhält es sich genauso. Hätten Depressionen keine Funktion, Mama Natur hätte sie doch längst weg-evolutioniert! Aber selbst, wenn dem nicht so ist und ich mich mit meiner Theorie auf dem Holzweg befinde: umgehen müssen wir so oder so damit. Also zerre ich das Thema raus aus dem Schatten und behandle es als das, was es ist: Standard. Normalität. Meinetwegen können wir sogar den Begriff Routine verwenden. Wer so tut, als seien Depressionen und Suizide eine ganz schreckliche Ausnahme, der verschießt die Augen vor den statistischen Daten. Und sorgt mit Sicherheit für wesentlich mehr Angst und Leid als ich mit meinen 240 Seiten „Schwarzer Frost“.

Für viele Menschen dürfte es dennoch eine Herausforderung darstellen, sich diesen Themen so frontal zu nähern wie du. Hast du keine Bedenken, manchen Leser damit zu überfordern?
DW: Nein. Ich gehe davon aus, dass die Leute, die „Schwarzer Frost“ lesen, lebenskluge Menschen sind. Wer sich für derartige Inhalte interessiert, wird sehr genau wissen, warum er das tut. Und auch einen dementsprechenden Erfahrungshintergrund besitzen. Ich bin überzeugt, dass gerade die Menschen, die selbst schon öfters am Abgrund standen und sich immer wieder aufrappeln mussten, auch die charakterstärksten von uns allen sind. Sie merken es oftmals nicht, halten sich für schwach und fehlerhaft, sind in Wahrheit aber so tough geworden, dass kaum noch etwas sie umhauen kann. Und ein Buch ganz sicher nicht. Das ist so ein Nutzen der Depression – ist man erstmal durch diverse üble Phasen hindurchgetaucht, kann man über die Pillepalle-Sorgen der anderen oftmals nur noch lachen. Sorgen, dass ich jemanden überfordere, mache ich mir also nicht. Ich gehe sogar vom genauen Gegenteil aus: Dass diejenigen, die jetzt vielleicht noch schreckhaft zusammenzucken, wenn sie das Wort „Depression“ hören, nach der Lektüre von „Schwarzer Frost“ in der Lage sind, sich dem Thema vollkommen furchtlos zu nähern. Der Mensch ist bekanntlich ein Gewohnheitstier und ich halte 240 Seiten für eine hervorragende Spanne, um etwas warm zu werden mit diesem leidigen Thema. Schreckliche Dinge sind nur so lange schrecklich, wie wir uns nicht konkret mit ihnen beschäftigen. Flüchten wir also nicht länger, sondern schauen dem Unheil direkt in die Fratze. Das wird helfen, garantiert.

„Berlin ist nicht mehr als ein Sammelsurium von Individualisten“ heißt es in Schwarzer Frost. Inwiefern ist diese Beziehungslosigkeit bzw. -unfähigkeit, die allen Charakteren in deinem Roman zu eigen ist, ein Großstadtphänomen?
DW: Nun, für ein Großstadtphänomen halte ich das nicht, derlei Charaktere können sich auch in der Provinz herausbilden. Ich fürchte allerdings, dass Großstädte derartige Tendenzen fördern. Die „Anonymität der Großstadt“ ist ja ein alter Hut. Etwas frischer ist da schon die Erkenntnis, dass Berlin auch die deutsche Single-Hauptstadt ist. Und brandneu der jüngste Trend auf dem Immobilienmarkt: Ein-Personen-Haushalte nehmen rasend zu – in einer Geschwindigkeit, dass die Baubranche nicht mehr hinterher kommt. Ist das nicht herrlich paradox? Das Bedürfnis der Menschen, beieinander zu wohnen, steigt in dem Maße an, wie das Bedürfnis, miteinander zu wohnen, abnimmt. Da kann sich nun jeder selbst einen Reim drauf machen, was das über unseren Charakter aussagt. Meine eigene Theorie ist relativ unspektakulär: Irgendjemand hat uns diesen Floh namens „Selbstentfaltung“ ins Ohr gesetzt. Und seitdem wir Menschen diese „Selbstentfaltung“ für ein hohes Gut halten, überschätzen wir uns gewaltig. Dabei wäre das, was heute unter „Selbstentfaltung“ läuft, vor einigen Jahrzehnten noch unter „Egoismus“ einsortiert worden. Aber da mache ich mir ehrlich gesagt wenig Sorgen, denn jeder, der sich vor lauter Optimierungswahn an seiner eigenen Natur vergeht, wird mittelfristig immer depressiv. Hat die Natur ganz gut eingerichtet: Bevor du dich selbst zugrunde richtest, schaltet dein Organismus, ohne dich zu fragen, einfach alle vollkommen überhitzten Systeme aus. Zeit zum Abkühlen, Zeit, wieder zu sich zu finden, umzukehren, neue Wege zu beschreiten – das ist die Depression.

Ich finde deine Erzähltechnik sehr interessant. Der Leser wird geradezu gezwungen, sich mit den Gedanken des Erzählers auseinanderzusetzen. Gedanken, die ständig zirkulieren, sich wiederholen, dann doch wieder etwas Neues, scheinbar Belangloses aufgreifen – und die alle in eine Selbstanalyse münden, die den Leser zum Widerspruch reizen muss. Hattest du von Anfang an vor, diese Ich-Perspektive für Schwarzer Frost durchzuziehen, oder lässt sich der Roman auch „von außen“ erzählen?
DW: Das schließt ein wenig an meine vorherige Antwort an. Mir ging es darum, einen Erzähler zu haben, der zwar bereits die ersten depressiven Schüsse vor den Bug erhalten hat – aber noch nicht zu der Einsicht gelangt ist, dass er offenbar etwas ändern muss. Daher agiert er noch sehr egoistisch, wenngleich dieser Egoismus längst etwas Verlorenes an sich hat. Er befindet sich also in diesem sehr gefährlichen Niemandsland, in dem die Entfremdung von sich und der Menschheit bereits ihren Höhepunkt erreicht hat. In ihm schreit bereits alles nach Handlung, nach Aktion, nach Tat – aber er hat keinerlei Ahnung, was zu tun ist. Im Grunde ist er blind, er stochert überall herum, in der verzweifelten Hoffnung, irgendwas zu greifen zu kriegen. Ich glaube genau diese Übergangsphase ist es, in der Menschen zu Amokläufern oder aber Selbstmördern werden. Wenn diese Phase nur kurz dauert, dann gleiten sie ins vollkommene Schwarz, aus dem sie sich aber anschließend als kurierter und geläuterter Mensch emporarbeiten können. Zieht sich diese Phase aber hin, dann werden sie zu tickenden Zeitbomben. Um diesen kurzen Moment abzupassen, habe ich diese Erzählweise gewählt. Der Moment, in dem sich entscheidet, ob man sich selbst oder aber wahllos jemanden anderen richtet. Für mich sind Amokläufer und Selbstmörder zwei Seiten der gleichen Medaille. Beide betteln um Erlösung, um nur irgendwie aus dieser Zwischenphase zu entkommen.
Das mit dem Widerspruch, der sich während der Lektüre zunehmend in manchem Leser regen könnte, ist mir persönlich sogar der wichtigste Aspekt der Geschichte. Hängt aber natürlich vom subjektiven Erfahrungsbackground des Lesers ab, wie stark oder auch schwach er das wahrnehmen wird. Von ,außen’ hätte der Roman aber nicht erzählt werden können. Depressive Menschen sind in der Tat sehr kopflastige Charaktere, deren Wahnsinn sich zwischen den Ohren abspielt. Thomas Bernhard hat einmal gesagt, er hält wenig davon, in seinen Büchern das zu beschreiben, was eh jeder sieht. Seitenlange Beschreibungen der Szenerie zum Beispiel oder lauter Handlungen. Das merkt man seinen Romanen auch an, die meisten davon sind ein einziges Kopfkino; der Versuch, die Gedanken eines Menschen sichtbar zu machen. Zumindest für einen Roman lang erschien mir dieser Ansatz nicht nur enorm sympathisch, sondern auch überaus effektiv.

In deinem Roman verfolgen wir die Gedanken eines Menschen, der beim Radio arbeitet und der sein Arbeitsumfeld als Panoptikum von Großstadtneurotikern beschreibt. Du hast selber jahrelang beim Radio gearbeitet. Lässt sich der Roman auch als Abrechnung mit deiner ehemaligen Branche lesen?
DW: Sehr gute Frage, die ich mit einem klaren Nein beantworten möchte. Wer wirklich genug von etwas hat, der dürfte so souverän sein, um einfach die Tür hinter sich zu schließen und zu gehen. Da ich genau das aber offensichtlich nicht mache, landen wir wohl bei einer Form von verletzter Eitelkeit oder auch zurückgewiesener Liebe. Ja, ich liebe die Medienbranche, mache mir aber ernsthafte Sorgen um sie. Das hier nun im Detail darzulegen, würde aber definitiv den Rahmen sprengen. Ich habe eine dicke Rechnung offen. Klingt aggressiv, ist aber positiv gemeint: Ich habe definitiv nicht vor, der Branche weiter dabei zuzusehen, wie sie sich erhängt. Radio ist ein großartiges Medium, das leider das Schicksal vieler Branchen teilt: Es ist in der Vergangenheit zu oft in die Hände von Leuten geraten, denen eine kurzfristige monetäre Ausschüttung wichtiger ist als die langfristige journalistische Entwicklung. Viele Entwicklungen und Trends wurden dadurch schlichtweg verpennt. Manche Sender mögen inzwischen vielleicht bei Facebook sein und twittern, aber genau das ist doch der Anfang der Armseligkeit, wenn das eine Medium hofft, von dem anderen vor dem Fall in die Bedeutungslosigkeit gerettet zu werden. Hat Radio gar nicht nötig, Radio ist stark genug. Nein, der „Schwarze Frost“ ist keine Abrechnung. Er ist eher das Gegenteil – ein Aufruf, sich dieses spannende Medium nicht von den falschen Leuten kaputt machen zu lassen.

Du bist im Internet selbst sehr aktiv und betreibst eigene Musikforen und einen Blog. Ist die Hinwendung zur digitalen Welt ein Ersatz für deine „Radioarbeit“?
DW: Ersatz trifft es nicht ganz. Wie oben bereits angedeutet, krankt die Radiobranche an einer ganzen Reihe Dinge. Das Internet bietet fast jedem die Möglichkeit, zum Journalisten zu werden. Ob das nun qualitativ gut oder nicht gut ist, ist eine andere Diskussion, aber der künstlerischen Vielfalt tut es enorm gut. Das Internet hat die Beschäftigung mit Musik nicht nur spannender, sondern auch wesentlich demokratischer gemacht. Gerade Blogs, von denen nur die wenigsten kommerziell unterfüttert sind, können eine zwar sehr subjektive, dafür aber auch verdammt glaubwürdige Angelegenheit sein. Ich wünschte, wir könnten das von Zeitungen, TV- und Radiosendern auch noch behaupten. Wer möglichst nah heran will an das echte Gefühl und die echte Meinung der Menschen, der muss ins Netz.
Richtig ist aber auch, dass ich nicht die Finger lassen kann vom Musikjournalismus. Wie bereits erwähnt: Ich habe die Tür hinter mir nicht geschlossen.

Wie sehen deine weiteren Pläne aus? Kann man von dir einen neuen Roman erwarten oder haben deine diversen anderen Projekte erstmal Vorrang?
DW: Was das Schreiben angeht, so bin ich ein Gesinnungstäter. Ich schreibe dauernd, eher zu viel als zu wenig. Material habe ich also immer mehr als genug. Für Autoren wie mich besteht die Herausforderung daher eher in der Fokussierung und Bündelung. Und in der qualitativen Auswertung meiner vielen Schreibstücke. Nicht jeder Mist muss bekanntlich in gebundener Form auf die Menschen losgelassen werden. Gerade die Arbeit an „Schwarzer Frost“ hat mir aber gezeigt, dass ich mit Periplaneta ein sehr gutes Korrektiv gefunden habe. Kurzum: Ja, ich bin bereits dabei meinen Nachfolgeroman zu bearbeiten. Erzählerisch abgeschlossen ist er bereits, die Rohfassung ist im Kasten.

Danke für das Gespräch.

Über die nervenzermürbende Lachhaftigkeit psychischer Schräglagen: Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“ und „Zerteiltes Leid“ – die bisher erschienen drei Bücher von David Wonschewski. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

Zum Autor:

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David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer (und nach aktuellem Stand auch Totengräber) des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht.

„Wonschewski zieht alle Register der Vortragskunst bis hin zur schrillen Verzweiflung, die sich in drastischen Stimmlagen widerspiegelt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus – der Autor versteht es vortrefflich, diese Stilmittel zu einem höchst amüsanten Cocktail zu mixen.“ (Rainer Nix, „Westfälische Nachrichten“, 10. Juni 2015).

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Foto oben: Masha Potempa (Musik – Lyrik – Fotografie, www.mashapotempa.de)

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. Januar 2017 von in Nachrichten und getaggt mit , , , , , , .
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