David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Und dann stellst du via Facebook fest, dass deine Ex geheiratet hat.

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Und dann stellst du fest, dass deine Ex geheiratet hat. Natürlich hat es dir niemand gesagt, ihre Freunde und Freundinnen meiden dich seit Jahr und Tag, wohl aus gutem Grund. Eher verrecken als dir „was stecken“ würden die. Also hast du es so mitbekommen, wie es der industrialisierte Westeuropäer eben erfährt: Facebook. Du bist kein Stalker mehr, alle Jubelwochen gibst du den Namen deiner Ex ein, die du weder zurückwillst noch, vielleicht, je wirklich wolltest. Glücklichmachen wolltest du sie wohl nie. Und doch, immer und aufrichtig, wissen wie es ihr geht. Dass es ihr gut geht. Liebe entsteht daraus wohl nicht. Aber doch: ehrliche Gedanken. Dir dir keiner nehmen kann, keiner nehmen darf.

Und so folgst du ihr, virtuell, nicht im Wahn, eher beiläufig. Siehst dies und das. Quittierst alles mit müdem Lächen, mit einem süffisant-überheblichen: achjaa, die. So war se schon immer.

Bis du dann eines Tages die Hochzeitsfotos siehst. Ankündigungslos, aus dem Unterarm geschossen von FUN zu EHEFRAU.Du siehst ihn, den Mann neben ihr, auf diesem Foto. Seine Nachteile springen dir ins Gesicht – vielleicht zu Recht, vielleicht zu Unrecht. Doch je länger du ihn siehst, im Smoking, mit diesem Gesicht, dass eine Unschuld und zugleich wahre Freude in sich trägt, desto mehr kapierst du, dass du wenig kapierst. Vielleicht gar: nix. Und dann beschaust du sie: älter geworden, in weiß. Und, was hilft es: glücklich. Du nimmst es ihr ab, dieses zur Schau gestellte Glück, der da und sie da, es ergibt etwas, es ist etwas.

Und du krümelst dich, willst sie nicht zurück, doch denkst unweigerlich an all das, was war und was nie wurde. Dir fällt plötzlich ein was euch verband, was aber auch fehlte. Und plötzich fällt dir auf, dass dieses Bild, hier bei Facebook von deiner Ex, wie sie einen anderen, einen Fremden heiratet, viellecht nie das Problem, sondern immer nur die Lösung ist. Und es greift dich, es schnürt dich, sie so zu sehen. Und du bist schon bereit zu fluchen, über sie, über ihn, lieblos bereit in den Akt der undifferenzierten Rache überzugehen. Doch stellst dann fest: Du hasst nicht. Du bist glücklich. Weil es lief wie es lief, weil es so unwiederbringlich, unumkehrbar ist.

Dieses Hochzetisbild bei Facebook dir hilft diese Trennung nicht länger als dein Versagen, sondern Masterplan der Natur zu begreifen. Abzuschließen.

Sie dort. Und du hier. Sie war nicht deine Aufgabe. Und ihr Weiß, das Weiß eines Fotos bei Facebook, nie dein Weiß.

Das alles, so denkst du, das Irren und Wirren und Finden, irgendwann Wissen, alles das ist: Schönheit des Lebens.

Leb w0hl, Johanna. Die falschen Wege, die ich und du gemeinsam gingen, dann du allein, dann ich allein – waren die richtigen Wege. Alles falsch zu machen, es war unsere Art, alles richtig zu machen.

Ein Musikjournalist dreht ab. Über die nervenzermürbende Lachhaftigkeit psychischer Schräglagen: Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“ und „Zerteiltes Leid“ – die bisher erschienen drei Bücher von David Wonschewski. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

Zum Autor:

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David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer (und nach aktuellem Stand auch Totengräber) des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht.

„Wonschewski zieht alle Register der Vortragskunst bis hin zur schrillen Verzweiflung, die sich in drastischen Stimmlagen widerspiegelt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus – der Autor versteht es vortrefflich, diese Stilmittel zu einem höchst amüsanten Cocktail zu mixen.“ (Rainer Nix, „Westfälische Nachrichten“, 10. Juni 2015).

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13 Kommentare zu “Und dann stellst du via Facebook fest, dass deine Ex geheiratet hat.

  1. traumzuckerblog
    16. November 2016

    Ich bin an 362 Tagen im Jahr nicht mutig genug zu sehen, wie weit er heute ist.
    Ob er noch da wohnt wo wir einst wohnten, ob er Kinder hat oder schon verheiratet ist.
    Ich wüsste gerne ob das alles, was schon Jahre her ist ihn auch noch 1,2 x im Jahr flashbacked oder ob ich zu der grauen, schaurigen Erinnerung wurde, die ich nie sein wollte.

  2. somi1407
    29. August 2016

    Mein Ex ist nicht (mehr ) auf Facebook. Dennoch geb ich seinen Namen regelmäßig in die Suchmaschine ein. Einfach um auf dem Laufenden zu bleiben, auch wenn nichts mehr läuft.

  3. Frau Smilla
    28. August 2016

    Glaub ich Dir, David, irgendwie dachte ich erst, es ist fiktiv, jetzt aber nicht mehr. Ich mag keine Rosen. Mir hat mal meine Schwiegertochter zum Geburtstag einen Strauss geschenkt mit weissen Lilien. war auch komisch.( erinnert mich an einen Grabstrauss) Du kennst mich, nein du weisst wer ich bin, ich schreibe seit einiger Zeit anonym, ich hab mal für Einachtellorbeerblatt eine Rezension geschrieben über eine CD von hannes Wader. Denk mal nach wer ich sein könnte 🙂 Viele follower hab ich erloren aber jetzt hab ich DICH wiedergefunden was ich gut finde.

  4. davidwonschewski
    28. August 2016

    Zum einen ist das einfach ein subjektives stilistisches Empfinden. Rote Sträuße finde ich immer etwas kitschig. Und dann symbolisiert es evtl etwas eher die latent zerrissene Gefühlslage, die ich versucht habe zu schildern. Man wünscht alles Gute, trauert auch nicht direkt hinterher, aber irgendwie ist es halt stets…seltsam. LG!

  5. Sven Meier
    28. August 2016

    Jau, nun klappt’s 😉

  6. davidwonschewski
    28. August 2016

    Hey, ja habe da noch was abgeändert, dadurch war er kurzzeitig raus – geht es jetzt wieder? Ja ist ein seltsames Gefühl. Eventuell verstärkt Facebook sowas ja auch noch, nein, ganz sicher sogar. Man fragt ja nicht direkt nach sowas, irgendwie schon, irgendwie aber auch nicht. Und gleich Fotos aus erster Hand gabs damals auch nicht, ha!;-)

  7. Sven Meier
    28. August 2016

    Den vollständigen Beitrag findest du unter … und dann erscheint: „Ups, diesen Inhalt gibt es wohl nicht.“
    Aber mit der Ex kenne ich, zwar nicht via Facebook, und nicht das sie hat, sondern am Rande während eines Gesprächs mit einem Bekannten, dass sie will. Manche Leute begehen halt Fehler zweimal 😉

  8. Frau Smilla
    28. August 2016

    und warum der schwarze Rosenstrauss ?

  9. Simmis Mama
    28. August 2016

    Hi Hi. Nostalgie klingt gut. So nach Lyrik und Romantik 😀

  10. davidwonschewski
    28. August 2016

    Ja, da it in der Tat eine verdrehte Logik am Werke. Also wohl: Unlogik;) Wird schon irgendwas mit verletzten Eitelkeiten zu tun haben, egal was wie und warum war. Vielleicht aber auch damit, dass so ein Hochzeitsbild bekanntlich den Beginn eines neuen Lebensabschnitts darstellt. Das Gestern wandert damit final auf die letzten Seiten des Vita-Bilderbuchs. Fade Nostalgie also. LG!

  11. Simmis Mama
    28. August 2016

    Kenn ich auch und sogar nach meiner eigenen Heirat 😀
    Ich war wahnsinnig enttäuscht, dass ich seine Freundin nicht hübsch fand. Total unlogisch. Ich war tagelang sauer dass er nicht wenigstens eine Frau nach meinem Geschmack aussucht, wenn es mit uns schon nicht klappt. Sehr seltsam was man so denkt…

  12. davidwonschewski
    27. August 2016

    vielen dank – ja darum ging es mir. das abstruse gefühl, warum man „dran bleibt“ ohne was zu beabsichtigen zu erklären…LG!

  13. Sanguine
    26. August 2016

    Schön beschrieben…und wohl richtig. Viele werden das wohl so erleben. Zugegeben, ich schaue auch alle paar Monate auf die Seite von meinem ex. Dabei bin ich nicht mal auf Facebook und sehe deshalb kaum etwas. Und gemocht habe ich ihn irgendwie auch nie so richtig, denke ich. Trotzdem denkt man alle paar Monate mal dran.

    Da war mal jemand wichtig. Oder zumindest im Leben. Und man ist ja Mensch und neugierig. Und ja, es ist ein komisches Gefühl dann sowas zu sehen. Den neuen/die neue.

    Aber es hat schon alles seine guten Gründe. Eine Trennung ist nie grundlos. Da wartet immer ein anderer Weg, ein eigener Weg, ein anderes Leben, ein irgendwann hoffentlich soweit passendes Leben.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22. Januar 2017 von in Nachrichten und getaggt mit , , , , , , , .
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