David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Soeben ausgelesen: Markus Werner – „Froschnacht“ / 1985

MWernerFroschnachtNeben Thomas Bernhard zählt der eigenwillige, so lakonisch-misanthropische Autor Markus Werner längst zu meinen persönlichen Favoriten. Unnötig zu sagen, dass die beiden – Bernhard und Werner es sind, die neben Beckett den größten Einfluss auf meine eigenen Bücher und Texte ausgeübt haben. Wenngleich ich gerade an einer auch nur annähernd ähnlich verknappten Ausdrucksweise, so wie sie Markus Werner zelebriert, definitiv noch zu arbeiten habe.  Seine 7 Bücher – der wortkarge und öffentlichkeitsscheue Schweizer hat sich inzwischen offenbar wahrhaftig und endgültig von der Literatur verabschiedet – sind ein Fest für einen jeden Leser, der sich für bittere, zugleich jedoch philosophisch-humorvolle Lebensskizzen interessiert. In dürren Worten bringt Werner Buch für Buch das Kunststück fertig, die mürrischen Innenansichten vom Leben arg irritierter Männer an die Oberfläche zu bringen. Dass man seine kompakt formulierten, mehrheitlich die Menschheit bloßstellenden Thesen, all die mitten aus dem Leben gegriffenen absurden Erfahrungen selbst kennt, ja in Gänze unterschreiben möchte – und dennoch höchst amüsiert durch seine Bücher geradewegs hindurchflutscht, das sucht mit Sicherheit seinesgleichen in der deutschsprachigen Literatur.

Lange nicht so gelacht, lange nicht so oft „Ja, exakt so verhält es sich!“ in die Leere meiner eigenen Dachgeschosswohnung gerufen wie bei „Froschnacht“.

In diesem Roman erzählt Markus Werner auf knapp 150 Seiten die Geschichte des Franz Thalmann. Thalmann war einst Pfarrer, verheiratet und hat zwei Töchter. Nun ist er schon seit einigen Jahren geschieden und Lebensberater. Beides wird von Thalmann eher begrüßt als dass es ihn belastet, jedoch gibt es einen anderen „Frosch“ im Hals, der ihn belastet. ,,Der Frosch kommt einmal monatlich, bleibt für drei Tage, geht und kommt dann wieder“.  Weder husten, noch gurgeln, noch räuspern helfen und Thalmann ahnt: Sein Frosch im Hals heißt Klemens Thalmann und ist sein Vater. Vor einem halben Jahr hat Franz ihn auf dem Friedhof begraben. Was jedoch nicht mit begraben werden konnte sind die ungeklärten Streitigkeiten und das Unausgesprochene zwischen Vater und Sohn, die so verschieden lebten und sich doch so gleichen. Nun sitzt Thalmann mit 59 Jahren beim Melken und erzählt von seinen Klienten, von seiner Exfrau, von den Kindern, von seinen Gedanken über Gott und die Welt und natürlich von Ketzi, durch die sein Leben damals komplett verändert wurde. Denn es war die Verbindung aus jener junge Frau mit Namen Ketzi (mit einer Geschlechtskrankheit) und Thalmanns klemmenden Reißverschluss, die den Umstand herbeiführte, der weder von Thalmanns Frau noch vom Präsidenten des Kirchenstandes und am wenigsten vom Vater Klemens toleriert werden konnte. Nun des Pfarramtes enthoben und geschieden, lässt Markus Werner seinen Thalmann beim Melken sinnieren. Mit Scharfsinn, mit teilweise provokanter Sprache, mit Tiefsinn und viel Witz ist der Roman auch gleichzeitig ein literarischer Rundumschlag durch die heutige Gesellschaft.

Wer keine Lust darauf hat entlarvt zu werden – sollte das Buch besser nicht lesen.

Textauszug

Wir leben ein paar Augenblicke und tun so rasend wichtig. Der eine braucht den Ausdruck »Schwerpunktthema«, der andre spricht von »musikalischer Umrahmung«, der dritte sagt: »Anforderungsprofil«, und solche Wörter tönen so, als würden die, die sie verwenden, ewig leben, und ich kann nicht begreifen, warum der Mund kein Schamteil ist. Wir leben ein paar Augenblicke und achten doch auf Bügelfalten, und ist ein weiches Ei zu hart, macht man Theater. Hier fehlt ein Komma! sagen wir. Und der Hürlimann nicht endlich seine Büsche stutzt!  Ich ziehe Schritte in Erwägung, da man beim Schweizer Radio die vierte Strophe der Jodellieder meistens abklemmt. Du, ist der Meier schwul, er trägt ein selbst gestricktes Rosa-Westchen. Wir leben ein paar Augenblicke und sind so falsch, so schwatzhaft, so himmelschreiend oberflächlich und tun die ganze Zeit die Pflicht, die Pflicht und werden dabei schlecht und dumm und grölen in der Freizeit blöd herum und vögeln ruppig. Wir haben den Mut zu nichts und Angst vor allem, wir stehen zeitig auf und tun die Pflicht und schämen uns, wenn wir mal liegen bleiben, und wären froh um eine Grippe. Die Eskapadenfreudigkeit nimmt ab, man denkt schon vor der Sünde an den Katzenjammer, uns fehlt nicht nur die Lust, uns fehlt sogar die Lust zur Lust, schon sie gilt als obszön, nicht aber der Verzicht und nicht die Pflicht und nicht die pausenlose feige Füg- und Folgsamkeit und ihre Folge, die Verblödung. Wir sind so eingeschüchtert, so elend zahm, Umgänglichkeit hat Vorrang; weil alles so komplex ist und so erfreulich relativ, sind wir von vornherein entschuldigt, wenn wir nicht dies, nicht jenes sagen, die Selbstzensur nennt man die gedankliche Behutsamkeit, und Wahrheitsangst heißt Toleranz, und selbst der zitterigste Hampelmann hat noch die Chance, als kompromissbereiter Geist zu gelten. Ist unser Gang entspannt? Er ist es nicht. Wir gehen, wie wir leben, verkrümmt, gedrückt, geknickt und linkisch. Wie wird bei uns getanzt? Getanzt wird nicht bei uns, wir hopsen höchstens. Wo ist ein seliges Gesicht, frei von Verkniffenheit, frei von Verstellung, frei von der Furcht, nicht zu gefallen? Wo bleiben die Belege, die meine Hoffnung nähren könnten, dass alle meine Nachtgedanken nur alkohol- und froschbedingte Hirngespinste sind?

Lesen Sie auch: David Wonschewski – „Schwarzer Frost“. Mehr Informationen: HIER.

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2 Kommentare zu “Soeben ausgelesen: Markus Werner – „Froschnacht“ / 1985

  1. Pingback: Sonntagsleserin März 2015 | buchpost

  2. hannahbuchholz
    19. März 2015

    Ein sehr schöner Textauszug! Scharfsinnig, scharfzüngig, witzig!

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. März 2017 von in Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , , , , , , .
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