David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Mutmaßungen eines schmerzverzerrten Theatralikers / Teil 4: Keine Suizide mehr.

gv53 Du verlässt deine Wohnung nicht mehr. Hockst mit angezogenen Knien auf deiner Matratze, entscheidest dich gegen eine Zigarette, entscheidest dich gegen einen Kaffee, entscheidest dich gegen ein Buch. Entscheidest dich dazu, keine Entscheidungen mehr zu treffen. Zu einem entscheidungslosen Menschen zu werden. Aufzubegehren gegen diesen allgegenwärtigen Aufruf zur Entschiedenheit, diese allgegenwärtig propagierte Entschlussfreude.

Du magst kein Aufheben mehr machen. Nicht von anderen. Und schon gar nicht von dir selbst, von deinen viel zu vielen Worten, von deinen viel zu langen Sätzen. Deine Adjektive, deine Prädikate, das unweigerliche Subjekt – du möchtest das alles loswerden, es ein für alle Mal streichen aus deiner Grammatik. Willst niemand mehr sein und nichts mehr tun. Nicht mehr teilnehmen an deinem eigenen Leben. Sterben willst du nicht, nein, das hattest du schon. Der Wunsch zu sterben, der war gestern. Längst erscheint er dir pubertär. Was du anstrebst ist: Gedankenlosigkeit. Wonach du dich sehnst ist: Stumpfheit. Ist: Lethargie.

So, überlegst du, könnte es gehen. So, denkst du, könnte es sich leben lassen. Nein, du solltest nicht mehr unter Menschen gehen. Solltest aufhören dich beständig mit wem zu treffen, dich mit wem zu beschäftigen, mit diesem und jenem zu reden. Um nur diesem menschlichen Urzustand, der Langeweile entgehen, fortwährende Zerstreuung finden zu können. Unehrlich erscheinen dir jene, die permanent Gesellschaft suchen mit einem Mal. Unaufrichtig. Heuchlerisch. Betrügerisch.

Dieser Text ist ein kleiner Auszug aus der bisher noch unveröffentlichten Geschichte „Drecksbrut“. Wem der Sinn nach ähnlichen frohlockigen Gedanken steht, dem seien mein Roman „Schwarzer Frost“ und „Zerteiltes Leid“ ans wankende Gemüt gelegt. Mehr Informationen gibt es: HIER. Weitere Mutmaßungen eines schmerzverzerrten Theatralikers gibt es: HIER.

Advertisements

3 Kommentare zu “Mutmaßungen eines schmerzverzerrten Theatralikers / Teil 4: Keine Suizide mehr.

  1. hannahbuchholz
    2. August 2015

    Lieber David,
    nun möchte ich aber doch hinzufügen, daß es mitunter zwar gut und richtig sein kann, alleine vor sich hinzuschmoren, daß es aber immer wieder auch wichtig sein kann, dann doch wieder jemanden zu treffen, da der Dialog mit anderen einem wieder vor Augen führt, was man zwar theoretisch wohl weiß, aber immer wieder vergißt: daß nämlich die eigene Perspektive (und die eigene Sicht auf sich selbst und auf andere) doch stets eine sehr begrenzte ist. – Und diese Erkenntnis kann nicht nur frustrierend, sondern auch hilfreich sein, da sie negative Denk- und Grübel-Schleifen – und -Spiralen aprupt unterbrechen und den Horizont wieder weiten und für andere Perspektiven (und Lebenseinstellungen und Schicksale und Sichtweisen) öffnen kann… All dies weißt Du natürlich, aber weiß Dein Protagonist das auch?
    Lieben Gruß, Hannah

  2. hannahbuchholz
    2. August 2015

    Alleine zu Hause sitzen, ohne Gesellschaft, ja, das kann immer wieder heilsam sein.
    Aber ohne Kaffee, Zigaretten und die ohne eigenen Worte und Sätze aufs Papier zu bringen (und seien sie auch noch so lang!) würde ich durchdrehen… ! Wenn jemand das aushält, dann kann ich nur sagen: Hut ab!
    Übrigens gefallen mir die Sätze: „Sterben willst du nicht, nein, das hattest du schon.
    Der Wunsch zu sterben, der war gestern. Längst erscheint er dir pubertär.“ –
    Sehr schön… !! – Ich wünschte, das wäre von mir… ! ; )
    Herzliche Grüße, Hannah
    P.S. Ich danke Dir für Deinen komplexen Kommentar von vorhin zum Thema Kritik! – Ich muss nun noch ein Weilchen über eine Antwort nachdenken…

  3. Sanguine
    2. August 2015

    So wenige, und doch so einschneidende Zeilen wieder.

    Da melden sich gleich drei meiner Ich’s. Eines sagt „Wer so wirklich permanent denkt, der muss schon recht depressiv sein.“ Einem weiteren fällt auf, wie sehr ihm hier und da der Spiegel vorgehalten wird. Und das dritte würde zum Sargnagel doch nicht nein sagen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 4. April 2017 von in Der schmerzverzerrte Theatraliker und getaggt mit , , , , .
%d Bloggern gefällt das: