David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Über den Verlust der Selbstverständlichkeit. Textauszug aus: David Wonschewski – „Schwarzer Frost“.

SF

Aus dem Inhalt:

Ein Journalist steht in seiner Wohnung vor dem Plattenregal und überlegt. Er hat Besuch von seinem Kollegen Lohwald, einem berühmten Radiomoderator. Langsam wird ihm immer klarer, wie sehr er seinen Gast verabscheut. Er fasst einen Entschluss: Er wird Lohwald töten. Hier und jetzt. Dass er das Potential dazu hat, ist ihm schon lange klar. Denn seit jeher fühlt er diese Kälte, die ihn taub werden lässt und ihn jeglicher Menschlichkeit beraubt. Doch dann, als er bereits an der Durchführung seines morbiden Planes feilt, entdeckt er plötzlich etwas an seinem Gast, das ihn verstört …

Sarkasmus und Philosophie münden in düster-bitterem Humor. „Schwarzer Frost“.

Der Roman kann über das Kontaktformular am linken Seitenrand direkt beim Autor bestellt werden. Oder aber über DIESEN weltbekannten Großmeister der Reputation.

Eine erstes Voraburteil:

„Schwarzer Frost hat auf jeden Fall literarische Qualität, liest sich gut, ist pointiert und subtil humorvoll bis versteckt (oder offensichtlich) ironisch und vor allem: schwarzhumorig. Nicht zuletzt das erinnert an Thomas Bernhard. Aber auch sprachstilistisch sind Parallelen und Anlehnungen an Bernhard oder auch David Foster Wallace und Bret Easton Ellis natürlich keinesfalls zu übersehen (Prinzip der Wiederholung, Steigerung, Zuspitzung etc.). Da kann ich mich dem Urteil von Freunden und Literaturagenten nur anschließen. Ich kann Sie nur ermutigen Schwarzer Frost zu publizieren.” (Bernhard Judex, Bernhard-Forscher/ Internationale Thomas Bernhard Gesellschaft, Österreich)

Probeauszug:

Ich biete Lohwald eine weitere Flasche Bier an und denke, dass es die kleinen Dinge sind, die mich fertig machen. Krieg und Pest und Cholera sind mir nie ein Gräuel gewesen. AIDS und Arbeitslosigkeit und Selbstmordattentate nehme ich lustlos und mit zuckenden Schultern zur Kenntnis. Hiobsbotschaften, Tod und Verdammnis stehe ich so gleichgültig gegenüber, dass mich ihr Erscheinen nicht erschrecken kann. Aber die kleinen Dinge, die lassen mir die Sinne neblig werden und entziehen mir jegliche Kraft, eine feste Struktur in mein Leben zu bringen. Die Verwirrung, die ein einzelnes Wort auf meinen Lippen hinterlassen kann, die Verwüstung, die eine einzelne, unbedacht ausgeführte Geste in meinem Schädel verursacht und die Verstörung, die mich nach Zufälligkeiten immer wieder heimsucht – alles das macht mich zu einem gescheiterten Menschen. Ich sage zum Beispiel „Flasche“ und denke noch im gleichen Augenblick, noch während ich es sage: Was für ein seltsames Wort. Ich drehe und biege es in meinem Mund, zerlege es in seine Bestandteile, schaue mir jeden seiner Buchstaben ganz genau an, setze das Wort wieder zusammen und sage es erneut: „Flasche“. Und schon hat es jede Selbstverständlichkeit verloren, ist von dem Begriff für ein Flüssigkeitsbehältnis zu etwas ganz anderem geworden. Zu einem flüchtigen Gedanken ist es geworden, einer Idee, einer Vermutung. Alles kann sich von da an hinter diesem Wort „Flasche“ verbergen. Alles. Und schon bringe ich es kaum noch heraus, dieses Wort, zittere es mir mehr durch die Zähne, als dass ich es wahrhaft ausspreche. Und eine wirkliche Flasche dann noch in der Hand zu halten, verkommt zur Mutprobe.  Oder der Tadeusz, kommt mit einem Stapel Papier in mein Büro und sagt: „Hier, das sind die Streichlisten mit den Songs, die wir gestern nicht mehr spielen konnten in der Show!“ Und dann hält er inne, der Tadeusz, kratz sich am Unterarm und fügt hinzu: „Das müssten alle sein, morgen gibt es die neuen Listen.“ Und dann geht er. Und ich denke: Was war das nur für ein Kratzen am Unterarm vom Tadeusz? Die Leute kratzen sich am Kopf, wenn sie überlegen, sie kratzen sich an Mückenstichen, wenn es juckt und sie kratzen sich auch zwischen den Beinen, wenn sie zu viel Testosteron mit sich herumtragen. Aber kein Mensch kratzt sich am Unterarm! Und ich werde ganz fuchsig und ganz wild bei der Überlegerei, warum der Tadeusz sich zwischen seinen beiden Sätzen am Unterarm gekratzt haben könnte. Und ich überlege, ob ich ihn vielleicht bei einer Lüge entlarvt habe. Vielleicht hat er gar nicht alle Streichlisten bei mir abgeliefert, vielleicht hat er einige Listen aus sonst einem Grunde zurückgehalten – und nun sitzen sie hinten in der Redaktion und lachen über meine Einfältigkeit, machen Witze darüber, dass ich dem Tadeusz geglaubt habe. Und die Winkelmann wird rufen: „Den kann man ja schön verarschen!“ Und der Niedermayer feixt: „Morgen geben wir noch viel weniger Listen zurück!“ Und dann, wenn ich durch den Sender laufe, wird diese ganze armselige Radio-SS vom Lohwald sich zuprosten und sagen: „Schaut nur, da geht er, der Idiot!“ Und ich, ich liege noch nachts im Bett und bekomme kein Auge zu, nur weil der Tadeusz sich am Unterarm gekratzt hat. Wo doch alle Welt weiß, dass niemand, niemand sich je am Unterarm kratzt. Es sei denn, er will damit etwas ganz bestimmtes ausdrücken. Und als wenn das nicht reicht, belagern mich auch noch diese Zufälligkeiten, die niemals welche sind. Ich gehe zum Beispiel in Hamburg durch St.Pauli, schaue mir die Reeperbahn an, betrachte die Nutten und die Davidwache und biege dann in eine kleine dunkle Seitenstraße ein. Und plötzlich steht mein Nachbar aus Berlin neben mir, in einer kleinen, dreckigen Seitenstraße mitten in Hamburg. Und er ruft: „Gibt es doch gar nicht, dass wir uns hier über den Weg laufen!“ Und ich, ich denke ebenso: Gibt es doch gar nicht, dass wir uns hier über den Weg laufen. Doch während mein Nachbar in schallendes Gelächter ausbricht, wegen des seltsamen Zufalls und der leicht anrüchigen Szenerie, in der wir uns angetroffen haben, wird mir ganz schummerig im Schädel. Nicht, dass es mir unangenehm ist, ihn zu treffen, doch diese Zufälligkeit raubt mir fast das Bewusstsein. Denn: Wäre ich nur eine Minute länger im Hotelzimmer geblieben oder hätte auch nur 30 Sekunden länger den großen, hochgedrückten Busen der sich feilbietenden Russin an der Ecke bestaunt – es wäre nicht zu dieser Begegnung gekommen. Oder etwa doch? Hätte ich der Russin nur etwas länger auf den Busen gestarrt, hätte sich mein Nachbar dann vielleicht drei Straßen weiter ein kurzes Wortgefecht mit einem Türsteher geliefert? Nur damit es zu unserem Treffen kommen kann? Wäre ich etwas länger im Hotelzimmer geblieben, wäre – wie zum Ausgleich – mein Nachbar dann für eine verlängerte Zigarettenpause auf einer Bank an der Elbe sitzen geblieben? Wo sind hier also die Konstanten? Und wo die Variablen? Wo ein Plan und wo eine Bestimmung? Warum werden Menschen beim Überqueren einer Straße tödlich von einem Auto erfasst, sie hätten doch zu jedem anderen Zeitpunkt die Straße überqueren können? Oder ist es egal, wann jemand, der tödlich von einem Auto erfasst werden soll, die Straße überquert, eben weil das Tatauto in jedem Fall erst dann in die Straße biegen und Gas geben wird, wenn das Opfer sich entschließt auf jene Straße zu treten?

Es sind die kleinen Dinge, die mich fertig machen. Die kleinen Dinge.

„Schwarzer Frost“ bei Amazon bestellen: HIER.

Über den Autor:

David Wonschewski, Jahrgang 1977, war über zehn Jahre als leitender Musikredakteur für einige der größten Sender Deutschlands tätig. Früh mit der Erbarmungslosigkeit und Härte des Mediengeschäfts konfrontiert, interessierte er sich zunehmend für die emotionalen Abgründe einer auf Karriere getrimmten Gesellschaft. In „Schwarzer Frost“ geht er der Verrohung unseres Miteinanders, dem menschlichen Scheitern sowie dem Phänomen der Depression auf den Grund. Sein Melancholienband „Geliebter Schmerz“ ist 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ 2015 erschienen.

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11 Kommentare zu “Über den Verlust der Selbstverständlichkeit. Textauszug aus: David Wonschewski – „Schwarzer Frost“.

  1. davidwonschewski
    16. Juli 2015

    Hey,
    ja, in meinem Tegal steht das Latinum, das regt sich bei derlei Nicks immer noch. Bin selbst manchmal verwundert, dachte ja damals zu Schulzeiten, das sich das Zeug nie wieder brauche, Latein vollkommen für die Katz ist, wenn man eben nicht gerade in spezielle Berufe strebt. Heute mus sich zugeben: Von kaum einem Fach profitiere ich so heftig wie von Latein, man versteht bei Fremdbegriffen und/oder Fremdsprachen doch ne Menge dadurch.
    Ich bin mir wg des Namens immer etwa sunsicher, da ich da schon verschiedene gesehen hab. Aber ich nehme mal „Sanguine“, das ist toll!;-)

    LG
    David

  2. Sanguine
    16. Juli 2015

    Hallo,
    der Nick ist immer nur so lange „fein“, bis dessen Bedeutung klar wird. Wobei diese bei kleinen Lateinkenntnissen immerhin zum Teil klar sein dürfte. 😉
    Für mich schien es nur nach Übertreibung. Manches ist doch so nah an der Wahrheit, dass es peinlich ist. Wirklich peinlich ist dann, dass es mir dennoch gefällt und viele schöne Gedanken geweckt werden, die zeigen, welch schlechter Mensch ich doch selbst bin. Nur gut, dass da noch das Lächeln ist, welches die Schlechtigkeit kaschiert.
    Ich freue mich auf die neuen Worte zum Schämen, hoffe aber, dass es noch ein Weilchen dauert. Bis dahin habe ich noch die Melancholien ‚Geliebter Schmerz‘ in der Warteschlange.
    Gegen einen Beitrag habe ich nichts.

    Auch ich danke und schicke liebe Grüße zurück,
    Amy

  3. davidwonschewski
    16. Juli 2015

    Liebe Sanguine (welch feiner Nick),
    ich danke dir sehr für diesen tollen Kommentar, dem ich auch bezüüglich benannter Scham und Übertreibung komplett zustimme. Ab und an blättere ich inzwischen im Frost, der gedanklich doch schon so weit zurückliegt, als wäre er von wem anders geschrieben worden. Und dann lese ich ein paar Zeilen und denk mir: „Puh, das wär mir jetzt aber peinlich“. Und dann schaue ich vorne auf den Einband, sehe meinen eigenen Namen dort „prangen“ und weiß: „Oha.“
    Du, wenn jemand so ausführliche Kommentare kredenzt, dann veröffentliche ich die gerne als Extra-Beitrag, auch mit Hinweis auf den Blog desjenigen, versteht sich. Und, so gewünscht, nicht anonym, sondern mit Klarnamen. Darf ich das auch mit diesem Kommentar machen? Würde mich freuen!
    Und ja, was Neues zum Schämen ist seit einigen Tagen frisch in der Mache. Verdammt.
    LG
    David Wonschewski

  4. Sanguine
    16. Juli 2015

    Eine entzückende selbst Zerfleischung.
    Auf mancher Seite musste ich mich doch mehr schämen, als auf anderen. Aber es verging auch keine Seite, die kein Lächeln auf mein Gesicht zauberte. Hauptsächlich, weil ich mich in vielen Gedanken wieder fand und neben dem Lesen in eigene Erinnerungen gestürzt worden war. Dieser innere Tanz zwischen Liebe und Verachtung, den kann man gleichzeitig lieben und verachten.
    Man bekommt den Eindruck, dass manche Gedanken maßlos übertrieben sind. Und das empfindet wohl jeder Leser anders. Aber so alles in allem finde ich das, wenn ich an meine eigenen Gedanken denke, nicht. Wieder ein Grund zum Schämen.
    Also im Grunde (für mich) ganz einfache Kost. Da steht eigentlich nur schwarz auf weiß, warum man sich selbst hasst und auch hassen (oder meinetwegen verachten) sollte und sich am besten ausradieren sollte. Andererseits sind solche Gedanken und solche Taten so schrecklich interessant zu denken und mit anzusehen, dass man damit lieber noch ne Weile lebt und sich am besten, wenn man das denn kann, so lieben lernt.
    Besser als das Zerteilte Leid hat es mir nicht gefallen, sie sind beide ganz wunderbar, doch in dieses Buch konnte ich mich, durch ähnliche Gedanken und meinen teilweise noch dunkleren Gedanken, besser hineinfinden. Ich schäme mich (ein kleines bisschen, ist ja anonym hier, da reicht ein kleines bisschen). Und lächle. (innerlich ist dieses Lächeln, so glaube ich, ein böses lächeln)
    Aber es ist und bleibt ein Lächeln zurück.

    Großes Lob!
    Mehr davon.

  5. diewinkelmann
    22. November 2012

    Reblogged this on Die Winkelmann schreibt.

  6. Pingback: Beim Blogstöbern entdeckt und gleich auf die Wunschliste gewandert… « Tintenhain

  7. Birgit Paul
    22. Oktober 2012

    Ich werde sogar soweit gehen und das Buch KAUFEN … hoffe dann aber schon auf eine Widmung!

  8. hildegardlewi
    11. Oktober 2012

    Ich selbst kann nur schreiben, was ich empfinde. Ich kann nicht mal die Schnecken vernichten, sondern lasse sie fressen, das ist ja mehr oder weniger ihr Schicksal. Ich habe wirklich unzählige Bücher gelesen, und es gibt eine Reihe von Autoren, die ich auch immer wieder lese. Zum Beispiel Liaty Pisani, Frederick Forsyth, John le Carré, Jan Giullou usw. Für diese und andere Autoren guter Krimis und Spionageromane hege ich große Bewunderung, aber es gibt auch Autoren, die sich die schrecklichsten Dinge nicht mal ausdenken müssen, es gibt sie ja. Man braucht sich doch nur unmzusehen. Kann man sein Innerstes und sein Empfinden trennen von dem, was man denkt und fühlt? Gibt es einen Unterschied vom Entsetzen, das man wahrnimmt und dem, das man sich ausdenkt? Braucht man dazu einen Anlass? Ich würde auch gerne mal einen Krimi schreiben, aber ich fürchte mich schon selbst vor mir, was da dann wohl drinstehen würde.
    Also, meine uneingeschränkte Bewunderung gehört in diesem Falle dem Autor, und ich glaube, in jedem tun sich Abgründe auf zu bestimmten Zeiten. Vielleicht hätte ich gesagt:“Schieß Dir ins Knie, aber erst wenn ich draußen bin. Ich kann kein Blut sehen!“ Ich bin eben zimperlich. (Dieser Satz bezieht sich auf den Inhalt meines eventuellen Krimis.)
    Nicht, daß es auf einmal modern wird, sich ins Knie zu schießen. LEWI

  9. yves eigenrauch
    9. Oktober 2012

    yves eigenrauch … „so, wie ich eines Tages in Wanne-Eikel saß und glaube, einen Traum innerhalb eines Traumes zu träumen.“ Fragen, die niemals beantwortet werden wollen, stellten sich mir nun erneut – einfach so, gänzlich mit spontaner Vorwarnung. „Es sind die kleinen Dinge, die mich fertig machen. Die kleinen Dinge.“ Neun Exemplare käufte ich für die Geliebtesten …

  10. frauwunder
    9. Oktober 2012

    …ja es sind die kleinen dinge, die uns rasend machen. manchmal aber auch rasend gluecklich….

    schoener text herr x.y.z….

  11. Der Emil
    8. Oktober 2012

    Ich werde bei meiner Bibliothek nach Deinem Buch fragen. Ja, das werd ich tun.

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