David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Leseprobe: „Schwarzer Frost“ – der Beginn.

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Erster Teil. Vor Lohwald.

Gleich kommt Lohwald. Um sich mit mir auszusprechen. Das wäre doch mal gut, hat er gemeint. Wir hätten uns doch arg oft überworfen in der letzten Zeit. Sehr ruhig hat er das gesagt, es klang fast nett. Aber geschaut hat er dabei, als wäre es allein meine Schuld, dieses ständige sich überwerfen. Ist es aber nicht, sondern nur eine logische Folge. Erst hat er bemerkt, dass er mit seinen cholerischen Anfällen nicht weiterkommt bei mir. Und dann, dass ich seine Arbeit als Radiomoderator nicht sonderlich schätze. Seitdem begegnen wir uns mit dieser falschen, fast schon süffisanten Liebenswürdigkeit. Einer zuckersüßen und spitzmündigen Freundlichkeit, wie sie konkurrierenden Frauen zu eigen ist. Leider sind wir keine Frauen und dementsprechend unbegabt in einem solchen Verhalten. Seit wir uns nicht mehr gegenseitig anbrüllen flirrt also die Luft zwischen uns. Und etwas sehr Unheilvolles staut sich auf.

Ja, sich mit Lohwald aussprechen könnte eine gute Idee sein. Ich habe nur überhaupt keine Lust darauf.Und glaube auch nicht, dass unser Gespräch weit führen kann. Dafür sind wir zu verschieden. Und auch zu eingefahren. Er ist ein Kotzbrocken. Und ich, tja, ich höre anderen Leuten schon lange nicht mehr richtig zu. Schon gar nicht Arbeitskollegen. Nein, ein solches Gespräch führt nirgendwohin.

Vollkommen klar, wie das gleich ablaufen wird: Er wird hier in meine Wohnung kommen und sich die ganze Zeit beschweren. Er wird wieder nicht laut werden, aber belehrend, von oben herab. Seine jahrzehntelange Berufserfahrung wird er ins Feld führen und mich als das lebensunerfahrene Bübchen hinstellen als das er mich sieht. Und mit seinen zusammengekniffenen Augen und den ausladenden Bewegungen versuchen mich weichzukochen. Über Musik wird er die ganze Zeit diskutieren wollen. Und über die Songs meckern, die ich ihm Tag für Tag in seine morgendliche Radiosendung setze. Und er wird mir verbieten Balladen einzuplanen, obwohl er genau weiß, dass er mir das nicht verbieten kann. Schließlich bin ich der Musikchef. Er moderiert, ich bestimme welche Lieder laufen, so steht es im Arbeitsvertrag. Aber Balladen am Morgen, findet Lohwald, verleiten die Hörer sich aufzuhängen. Oder freiwillig vor den nächsten Baum zu fahren. Sogar vor der versammelten Mannschaft hat er das schon gesagt, mitten in der Redaktionskonferenz. Ist grinsend aufgestanden, hat mit dem Finger auf mich gezeigt und gesagt, dass ich eine Mitschuld daran trage, dass es in Berlin so viele Selbstmorde gibt. Weil ich ihn zwinge jeden Morgen langsame Lieder von Phil Collins oder Elton John zu spielen. Dann hat er gelacht, so als hätte er es als Witz gemeint. Und natürlich haben alle anderen auch schnell mitgelacht, wie sie immer schnell mitlachen, wenn Lohwald einen Witz macht. Dabei müssten sie doch wissen, dass es nirgends auf der Welt Selbstmorde gibt. Sondern immer nur Freitode. Aber einen Scheiß wissen sie. Lachen über Dinge, von denen sie offensichtlich keine Ahnung haben. Aber woher sollten sie auch? Schließlich waren nicht sie es, die ihren besten Freund fahrlässig in den Freitod begleitet haben. Das war ich. Ich ganz allein.

Ich stehe in meiner Wohnung und lasse den Blick schweifen. Wie verhält sich einer, der Besuch bekommt? Und was ist als Vorbereitung zu tun? Ich habe es verlernt, über die Jahre komplett vergessen. Zu wenige Besuche in zu langer Zeit führen auch in einer Stadt wie Berlin zu einem Einsiedlerleben. Ich gehe in die Küche, greife mir zwei Gläser und bringe sie ins Wohnzimmer. Doch kaum habe ich sie auf dem Beistelltisch neben der Couch postiert, erscheinen sie mir falsch, ja geradezu lächerlich angeordnet. Ich schiebe ein wenig daran herum, stelle mir vor wie Lohwald gleich hier sitzen, nach dem einen Glas greifen und trinken wird. Ungelenk drappiere ich sogar zwei Papierservietten um die Gläser herum. Bis mir einfällt, dass ich weder Knabberzeug noch Gebäck habe, welches ich reichen könnte. Also weg mit den Servietten. Und auch weg mit den Gläsern. Lohwald wird mit Bier vorlieb nehmen müssen, denke ich, mehr gibt es hier nicht. Direkt aus der Flasche wird er es trinken. Ja, so könnte es gehen. Wir werden hier sitzen wie Zechbrüder und uns zuprosten. Erst erfreuen wir uns am Geräusch entweichender Luft, wenn die Bierflaschen geöffnet werden. Dann prosten wir uns zu und sehen uns dabei tief in die Augen, wie es sich gehört. Und dann trinken wir nur noch bis uns die Blicke glasig werden. Eine schale Verbrüderung, natürlich. Aber doch ein emotionaler Meilenstein für zwei, die sich am liebsten gegenseitig einen Dolch zwischen die Rippen jagen würden.

Ich werfe die Papierservietten in den Müll und trage die Gläser zurück in die Küche. Als ich den Kühlschrank öffne fällt mein Blick auf ein gutes Dutzend Bierflaschen. Die habe ich extra für meinen Gast gekauft, glaube ich. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht stehen sie immer da, weil ich selbst längst zu einem Säufer geworden bin. Ach, keine Ahnung. Ich habe aufgehört mir dauernd zu merken was ich wann und warum getan habe. Führt doch zu nichts, dieses ständige sich merken von Worten und Taten.

Ein Bier werde ich Lohwald also sofort in die Hand drücken wenn er hereinkommt. Was anderes ist eh nicht da, Leitungswasser allenfalls. Aber wenn wir das trinken, dann bleiben wir womöglich Lohwalds ganzen Besuch über vollkommen bei Sinnen. Keine gute Idee in unserem Fall.

Und wie ich nun durch meine Wohnung streife und diverse Handlungen vollziehe, die sich wie ein spontanes Aufräumen anfühlen – Zeitungen zusammenraffen, Fernbedienung neben den Receiver legen, Vorhänge aufziehen – denke ich an Lohwald und seine so nervigen Diskussionen mit mir. Ich erinnere mich, wie ich vor einigen Jahren noch den Gedanken gehabt habe, dass es doch nur Radio ist, nur Musik. Und somit nichts, worüber Lohwald und ich dermaßen in Wallung geraten müssten. Ein guter, geradezu grundvernünftiger Gedanke. Der mir über die vielen verbalen Scharmützel mit Lohwald dann aber nach und nach abhandengekommen ist. Na und ihm sowieso. Wegen ein paar blöder Pop-Songs würden Lohwald und ich uns also am liebsten gegenseitig den Schädel einschlagen. Wenn das nicht das Ende der Zivilisation ist, was dann?

„Langsame Lieder am Morgen führen zu Selbstmorden!“ – wenn Lohwald es wagt diesen bescheuerten Satz sogar hier, in meiner eigenen Wohnung, auch nur ein einziges Mal auszusprechen, raste ich aus. Ich wohne hier, nicht er. Und ich bin es auch, der zwischen diesen Wänden von Leere und Ratlosigkeit belagert wird, seit Moritz freiwillig in den Tod gegangen ist. Kommt Lohwald mir also wieder mit seinem Unfug, kann ich für nichts garantieren. Hier gelten andere Benimm-Regeln als drüben im Sender.

Ja, aus unserem Arbeitsalltag kennt Lohwald mich nicht als aufbrausend. Dementsprechend überrascht wird er sein, sollte ich ihn nachher ungehemmt anbrüllen. Aber vielleicht will er genau das bezwecken mit seinem seltsamen Besuch: Dass ich ihm gegenüber endlich die Fassung verlier. Und meine Glitschigkeit ablege, die mich derart unangreifbar macht.

Zu Beginn, als Moritz noch lebte und Lohwald die ersten Male mit seiner kruden Balladen-Selbstmord-Theorie kam, habe ich ihn gekonnt abblättern lassen. Und im Beisein unserer Chefs allerhand Gegenargumente geliefert, lässt sich anhand diverser Studien doch glasklar belegen, dass Lohwald einer groben Fehleinschätzung unterliegt. Ja, James Blunt und Bryan Adams mögen mit ihrem zahnlosen Geseiere viel Leid über die Welt gebracht haben – Freitode aber gehen nicht auf ihr Konto. Wie auch diese unselige Kuschelrock-Compilation bemerkenswert unangesagt unter suizidal veranlagten Menschen ist. Der Zusammenhang zwischen langsamen Songs im Radio und Selbsttötungsdelikten? Es gibt keinen, Ende. Lohwald soll also endlich aufhören einen solchen Stuss zu labern, habe ich damals betont kühl zu meinen Vorgesetzten gesagt. Und sie haben genickt, wie sie immer nicken, wenn ich ihnen mit sauber recherchierten Zahlen und Grafiken komme. Und dann haben sie Lohwald einen Einlauf verpasst. Seitdem reagiert zwischen uns der Hass. Heute, mit dem Freitod von Moritz im Rücken, sage ich aber gar nichts mehr zu dem Thema. Ich bin komplett verstummt, ummantelt von Ratlosigkeit und Leere. Sein ahnungsloses Gemecker, dass er selbstverständlich nicht eingestellt, sondern sogar noch vermehrt hat, bleibt ohne Reaktion meinerseits. Was soll ich auch sagen zu einem solchen Mist? Wenn Lohwald meint sich und sein Radiogequatsche derart überhöhen zu müssen, dass es über Leben und Tod anderer entscheidet, bitte. Soll er gerne tun. Nur mit der Realität, wie ich sie kenne, hat das wenig zu schaffen. Denn Menschen, so wie Moritz, wollen manchmal sterben. Freiwillig. Ohne Zwang und ohne Drang. Einfach nur sterben wollen sie, endlich nicht mehr auf dieser Welt sein. Mit Eigenmord hat das gar nichts zu tun. Mordopfer sind ja gerade deswegen Mordopfer, weil sie mit Gewalt in den Tod gezwungen werden. Bei Moritz aber war es die freie Entscheidung eines freien Menschen. Über Jahre hinweg hat er darüber geredet und genauso lange habe ich ihn in seinem Wunsch unterstützt, ihn immer wieder ermuntert doch endlich Hand an sich zu legen. Bis er es dann getan hat. Einfach so. Mit Lohwalds tumber Radiosendung hat das nichts zu tun, natürlich nicht. Und mit Balladen schon gar nicht. Aber es zeigt, dass Lohwald einen Dreck über das Leben weiß. Und noch viel weniger über das Sterben. Wie sollte er auch, hockt den ganzen Tag allein in einem schalldichten Studio und labert in ein Mikro. Mehr Ahnungslosigkeit geht nicht. Wozu soll ich mich mit so einem noch herumärgern? Es gibt nichts zu bereden. Gar nichts. Alles was es einmal zu sagen gab habe ich bereits mit Moritz besprochen. Und hat man den besten Freund erst einmal in den Freitod gequatscht, erübrigen sich alle nachfolgenden Gespräche automatisch. Vor allem solche mit Lohwald. Über seine dämliche Radiosendung.

Weiterlesen? Gerne – HIER entlang (Link klicken, dann oben links auf das Buchcover)

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