David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Soeben ausgelesen: J.D. Vance – „Hillbilly-Elegie“ (2017)

hevance

von David Wonschewski

„Mamaw stammte aus einer Familie, die lieber schoss als diskutierte. Ihr Vater war ein furchteinflößender alter Hillbilly mit einer Brust voller Orden, der fluchen konnte wie ein Seemann. Die mörderischen Heldentaten waren beeindruckend genug, um es in die New York Times zu schaffen. Aber nicht nur ihre Vorfahren verbreiteten Angst und Schrecken, auch Mamaw Bonnie selbst war derart aggressiv, dass viele Jahre später ein Anwerber der Marineinfanterie meinte, dass ich die Grundausbildung besser überstehen würde als mein Zuhause“

Nicht nur in Europa, nein, auch an der Ost- und Westküste der USA rieb sich ein jeder, der was auf Moral, Intellekt oder auch nur Anstand hält, verwundert die Augen. Denn das schier Unfassbare war Realität geworden: Das amerikanische Volk hatte Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA gewählt. Wer hatte das nur zu verantworten? Erste Analysen förderten schnell ein „Täterbild“ zutage – überraschend viele weiße Frauen hatten dem Möchtegern-Obermacho Trump ihre Stimmen viel lieber gegeben als Hillary Clinton zur ersten weiblichen Präsidentin ihres Landes zu machen. Und, längst legendär: der zornige weiße Mann aus dem „Rust Belt“, jener ältesten und größten Industrieregion der USA, die sich über Teile der Staaten Illinois, Indiana, Michigan, Ohio, Pennsylvania, New York und New Jersey erstreckt. Und warum haben die nun „alle“ Trump gewählt? Nun, diese Frage widmet sich der junge Anwalt J.D. Vance in seiner Hillbilly-Elegie nicht. Und gibt doch Antworten darauf, warum gerade die Region, in der er aufwuchs, ein so großes Misstrauen „den Eliten“ und „den Medien“ gegenüber empfindet. Und warum nirgendwo in den USA Verschwörungstheorien ähnlich salonfähig sind wie hier.

Das Besondere an dem Buch von Vance ist, dass es gar nicht erst den Versuch unternimmt sozialwissenschaftlich oder gar politikanalytisch zu sein – und es doch gerade das ist, einzig und allein durch die subjektiven Schilderungen eines bisherigen, durchaus kurzen Lebensweges. Aufgewachsen bei einer schießwütigen Oma, geschlagen mit einer drogensüchtigen Mutter und immer wieder wechselnden Vaterfiguren, zwischen viel Gezänk und Geschrei, Armut, Disziplin- und Perspektivlosigkeit, falschen Ehrbegriffen und einer allzu großen Bereitschaft zu Gewalt war der Weg des kleinen J.D. ebenso vorgezeichnet wie der so vieler Kinder vor, neben und nach ihm. Scheitern als Unausweichlichkeit, mit einem Leben aus Pump und Drogen, geplatzten Träumen und sich von Jahr zu Jahr vervielfachender Bitterkeit. Doch Vance scheitert nicht, im Gegenteil,  getrieben von seiner etwas sonderlichen Oma („Mamaw“) gelingen ihm erst hervorragende Schulnoten, bevor er bei den Marines dank patriotisch-konservativer Grundgesinnung den Wert von Disziplin erlernt. Ein Einsatz im Irakkrieg versorgt ihn mit tiefergehenden Erkenntnissen über den Wert des Lebens und das Glück, selbst als vermeintlicher Gesellschaftsversager nicht an irgendeinem gottverlassenen Ort der Welt, sondern in den USA beheimatet zu sein. Und in der Tat gelingt ihm, was kaum einem jungen Menschen aus dem „Rust Belt“ gelingt – er kämpft sich nach oben, studiert Jura in Yale, bleibt dem Alkohol und den Drogen abhold, heiratet eine Anwältin von der Ostküste, die aus gesunden, wohlhabenden und schlichtweg funktionierenden Familienverhältnissen stammt. Wird selbst „Elite“.

Die „Hillbilly-Elegie“ als sich selbst beweihräucherndes Glorienepos eines kommenden Motivationsgurus? Keineswegs. Denn viel zu tief- und vielschichtig, wohltuend oft gar selbstkritisch geraten die vielen mal urkomischen, mal romantisierenden, dann wieder brutal ehrlichen Schilderungen und Einsichten Vances, dem augenscheinlich nicht daran gelegen ist einen Patentlösung xy für einen Aufstieg aus der Gosse und ein potentiell erfolgreiches Leben anzubieten, sondern der einfach nur verstehen will. Begreifen warum gerade in der Gesellschaftsschicht, der er entstammt, kleine Kinder mit der weltweit höchsten „Väter“-Fluktuation aufwachsen müssen (statistisch belegt sind es im Durchschnitt bis zu acht). Und warum ausgerechnet die weiße Arbeiterschaft des mittleren Westens eine – ebenfalls statistisch belegte – größere Perspektivlosigkeit empfindet als dies bei weitaus diskriminiertere Gruppierungen innerhalb der USA der Fall ist. Auch wenn es ein wenig platt wirken mag, gerade sein Militäreinsatz im Irak ist, der ihm. dem Menschen J.D. Vance, die Augen öffnet. Als er auf einen einheimischen Jungen trifft und ihm, da gerade nichts anderes zur Hand, einen simplen Radiergummi schenkt.

„Als ich ihm ein Radiergummi gab, strahlte er vor Freude und lief schnell wieder zu seiner Familie, wobei er seine Zwei-Cent-Beute triumphierend über dem Kopf schwenkte. Ich habe noch nie eine solche Begeisterung im Gesicht eines Kindes gesehen. Ich glaube nicht an Offenbarungen. Ich glaube nicht an transformative Momente, denn ein Moment genügt nicht, um etwas grundlegend zu verändern. Ich habe viel zu viele Menschen gesehen, die von dem echten Wunsch nach Veränderung durchdrungen waren, nur um dann den Mut zu verlieren, sobald sie merkten, wie schwer es tatsächlich war sich zu verändern. (…)Mein ganzes Leben hatte ich die Welt mit einer gewissen Verbitterung betrachtet. Ich war wütend auf meine Mutter und meinen Vater, wütend, dass ich mit dem Bus zur Schule fahren musste, während andere Kinder bei den Eltern ihrer Freunde mitfahren durften, wütend, dass meine Kleidung nicht von Abercrombie war, wütend, dass mein Großvater starb, wütend, dass wir in einem kleinen Haus wohnten.  Diese Verbitterung löste sich nicht von einem Augenblick zum nächsten auf, aber als ich dastand und die Kinderschar in einem vom Krieg zerrissenen Land betrachtete und die schule, in der es kein fließendes Wasser gab, und diesen einen überglücklichen Jungen, da begann ich zu verstehen, wie viel Glück ich gehabt hatte.(…) In diesem Augenblick beschloss ich, ein Mann zu sein, der dankbar lächelt, wenn man ihm einen Radiergummi schenkt. Ganz habe ich da noch nicht geschafft, aber ohne diesen einen Moment würde ich es jetzt nicht versuchen.“

Zwar gibt Vance, auf sehr glaubwürdige und hochsympathische Weise, immer wieder zu, dass er neben immens schlechten Startbedingungen auch viel Glück gehabt hat mit den Menschen, die ihn umgaben und auf ihre zum Teil recht kuriose Art nicht aufgaben, förderten und dass er sich außerstande fühlt mit seinem Buch einen zielführend-konstruktiven Beitrag zur gesellschaftlichen- oder gar politischen Debatte um Abgehängte und Eliten beizusteuern – und vollbringt doch genau das. Als sicherlich hilfreich erweist sich dabei, dass Vance in seinem Streben nach einer Form von Verstehen von Jugendbeinen an sozialwissenschaftliche Publikationen verschlingt, die sich den USA und/oder seiner Heimatregion widmen. Und es ihm gelingt wichtige Kernpunkte und Erkenntnisse aus der Forschung mit lockerer Hand mit seiner eigenen Geschichte zu verweben.  Nicht zuletzt durch Vances Status als gesellschaftlicher Aufsteiger gerät die „Hillbilly-Elegie“ somit zu einem Buch für „Jedermann“. Abgehängte aller Völker ( und leben sie noch so weit von den USA entfernt) werden sich hier genauso wiederfinden wie Menschen aus der Mittel- und Oberschicht, die es ebenso drängt wie Vance einfach nur zu begreifen, welcher Virus es ist, der nicht nur große Teile der USA, sondern bekanntlich längst auch Massen in Europa befallen hat. Es ist ein Buch für Leser, die Lebensgeschichten mit vielen fiesen Wendungen mögen, von Aufstieg und Fall, von Einkehr und Einsicht, Wut und Dankbarkeit. Und es ist, last but not least, ein Buch für einen jeden USA-Fan, der sich in die unendliche Weite dieses so schönen Landes und die Kauzigkeit seiner Redneck-Bewohner verguckt hat.

„Manchmal hilft es zu wissen, dass ich, statistisch gesehen, im Gefängnis sitzen oder mein viertes uneheliches Kind zeugen müsste. Und manchmal macht es die Sache schwerer – Ehekrach und Zerrüttung wirken dann wie ein Schicksal, dem ich nicht entkommen kann. In meinen schlimmsten Momenten bin ich überzeugt, dass es keinen Ausweg gibt, dass meine alten Dämonen, so sehr ich mich auch gegen sie wehre, genauso genetisch sind wie meine blauen Augen und braunen Haare. (…) Selbst zu meinen besten Zeiten bin ich eine tickende Zeitbombe – es braucht Geschicklichkeit und Präzision, um mich zu entschärfen.“

J.D. Vance – „Hillbilly-Elegie“, Ullstein 2017, 304 S.


Über die nervenzermürbende Lachhaftigkeit psychischer Schräglagen: Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“ und „Zerteiltes Leid“ – die bisher erschienen drei Bücher von David Wonschewski. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

Zum Autor:

cropped-dwonschewskibymashapotempa12

David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer (und nach aktuellem Stand auch Totengräber) des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht.

„Wonschewski zieht alle Register der Vortragskunst bis hin zur schrillen Verzweiflung, die sich in drastischen Stimmlagen widerspiegelt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus – der Autor versteht es vortrefflich, diese Stilmittel zu einem höchst amüsanten Cocktail zu mixen.“ (Rainer Nix, „Westfälische Nachrichten“, 10. Juni 2015).

 

 

 

 

Advertisements

Ein Kommentar zu “Soeben ausgelesen: J.D. Vance – „Hillbilly-Elegie“ (2017)

  1. Marc
    16. Juni 2017

    Hallo David,

    ich habe schon einiges von diesem Buch gehört und in manche Besprechung geschaut. Vielleicht sollte ich es doch mal lesen, um zu verstehen, was über dem großen Teich so vor sich geht und warum so eine Flachzange, wie Trump eine ist, zum Präsidenten werden konnte.

    Gruß
    Marc

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 20. Juni 2017 von in Nachrichten, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: