David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Soeben ausgelesen: Fatma Aydemir – „Ellbogen“ (2017)

ellbogen

von David Wonschewski

Ein interessantes, da ausnehmend vielschichtiges Romandebüt der deutschtürkischen Journalistin Fatma Aydemir. Erzählt wird die Geschichte der in Berlin lebenden 18jährigen Hazal, die mit ihren drei Freundinnen, man könnte es lapidarer kaum sagen, ihren Platz im Leben sucht. Dabei jedoch auf wenig lapidare Widerstände stößt – wie alle Nicht-Deutschtürken es sich mit Sicherheit denken können. Warum? Na weil mittlerweile wieder und wieder darüber berichtet wurde im Zuge diverser vermeintlicher Fehlentwicklungen zwischen Rütli-Schule und Flüchtlingskrise. So haben wir von fast allen Problem- und Konfliktfeldern, über die Aydemir in „Ellbogen“ schreibt, schon einmal gehört, uns über den ein oder anderen auch schon vehement den Kopf zerbrochen. Doch das von außen, immer nur von außen. Ein Luxus, den weder Aydemir, noch ihre Protagonistin Hazal sich leisten können, ist all das, was sich in der Theorie doch auf viele Weisen durchdenken lässt, ihr Leben. Und das führt immer nur geradeaus. 

Es verbietet sich dabei an dieser Stelle all die nach Klischee anmutenden Stolperfallen herunter zu rattern, die Hazal wieder und wieder in die Knie zwingen: Schwierigkeiten einen Job zu kriegen, spätpubertäre Minderwertigkeitskomplexe, einen wortkargen, brutalen Vater, einen jüngeren Bruder, der zum Macho und Pascha erzogen wird, Joints und Parties, Straßenkrawall, Tradition contra Moderne, Sehnsucht nach der ersten großen Liebe. Jaja, alte Hüte. Und doch, durch Aydemirs kompromisslos ehrliche Schreibe schmerzhaft heiß wie frisch aufgebrühter und über die Hände gekippter türkischer Çay. Glaubwürdig und nachvollziehbar schildert Aydemir wie Hazal durch die simple Tatsache jung und weiblich und türkischstämmig zu sein in eine Konfliktsituation nach der anderen gerät. Ein kompliziertes Unterfangen und literarischer Drahtseilakt, den sie tatsächlich meistert, gelingt es ihr doch wahrhaft das Bild einer trotzig-traurigen Frau zu zeichnen, die nichts mehr verabscheut als „Opfer“, alles daran setzt niemals ein solches zu sein – und es doch ist. Gar nicht anders kann als eines zu sein. Dass gerade der männlich-deutsche Leser hier nicht von einem genervten Augenrollen ins nächste trudelt ist die große Leistung von „Ellbogen“. Denn auch wenn Aydemir viele Anlässe gibt ganz furchtbar beleidigt zu sein oder sich strichmännchenhaft dargestellt zu erleben – man kann es nicht, wird hier doch keine Seite verschont, niemandem ein eindeutiger Schwarzen Peter zugeschoben. Stattdessen wird all die Zerrissenheit einer sich nach Selbstverwirklichung, Respekt und Freiheit sehnenden jungen Frau geschildert und gerade dadurch, gleichsam durch die Hintertür, zwar nicht versöhnt, aber für viel Verständnis und Empathiebereitschaft geworben. Türken contra Kurden, Deutsche contra Einwanderer, Arm und Reich, Frauen und Männer, Religiöse und Weltoffene – alle bekommen ihr berechtigtes Fett ab. Und so wirkt es auch keineswegs an den Haaren herbeigezogen als es zum Äußersten kommt: Hazal und ihre Freundinnen verprügeln in einem U-Bahnhof einen betrunkenen Studenten, und treten ihn ins Gleisbett, wo er kurze Zeit später von einer U-Bahn überrollt wird. Aydemir lässt ihre nach Istanbul flüchtende Protagonistin darüber auffallend kalt und reuelos werden. Um fahles Mitleid zu werben, nein, das ist nicht ihr Ding, im Gegenteil, es wirkt als gingen Autorin und Protagonistin Hand in Hand zu weiteren Schlägen über. Gegen wen? Egal, gibt genug Gründe, genug Gruppierungen, die es verdient haben „Opfer“ zu sein. In Istanbul radikalisiert sich Hazal nicht nur emotional, nein, sie kommt auch nicht umhin sich dort, in unmittelbarer Nähe zum Taksim-Platz zu politisieren. Ein interessanter Gegensatz, den Aydemir hier erschafft, schleppt sich die auch äußerlich geschundene, von Kopfschmerzen malträtierte, müde Hazal doch mehr ans Romanende als sie trotzig stolziert. Und doch ist es als wohne der Leser hier einem Erwachen bei. Wie es dazu kommen kann, dass mittelprächtig gebildete junge Deutschtürkinnen keine andere Wahl haben zu werden wie Hazil, warum auch Aggressivität letztlich eine Darstellungsform von gesellschaftlicher Notwehr ist, eindringlicher und nachvollziehbarer als in „Ellbogen“ kann es kaum geschildert werden.

Was an dem Buch vor allem fasziniert: Aydemir erweist sich als Könnerin kleiner Situationsschilderungen, die großen Nachhall verursachen. Der Roman ist voll davon. Die Szene, wo Hazal von der Mutter aufgefordert wird ihrem Vater einen Tee zu bringen, beispielsweise. Sie tut es ohne zu murren, doch ihr Allerweltsshirt rutscht beim Hinstellen des Tees unschicklich nach unten. Ein kleiner Anlass, der das traditionelle Gemüt des Vater an sich überkochen lassen würde. Doch wie löst Aydemir die Szene auf? Indem der Vater nichts mitkriegt. Weil: er nur Augen für den Fernseher, für Erdogan hat. Wenige Sätze, nahezu beiläufig – und doch wird dem Leser hier der Konflikt, in dem jede junge Deutschtürkin sich befindet, brutal vor den Latz geknallt.  Überhaupt Erdogan. Aydemir tut sich selbst den Gefallen politisch zu schildern ohne politisch zu sein. Zwar darf feist vermutet werden, dass sie als taz-Redakteurin eine eher kritische Haltung gegenüber Erdogan vertritt, sie lässt es aber zu keinem Zeitpunkt raushängen. Im Gegenteil, als  Hazal in Istanbul Opfer eines überraschenden Besuchs einer Polizeieinheit wird, der nicht ihr, sondern dem längst abgetauchten Studenten Halil gilt, entlastet sie diesen kein Stück. Dass das brutale Vorgehen der Polizei übertrieben und daneben war, davon darf bei Aydemir nicht ausgegangen werden. Großartig.

Wie auch die gemeinsame Fahrt von Hazals Mädchentrupp in der U-Bahn. Bei der sie auf vier Jungs in ihrem Alter treffen, die ihnen optisch zusagen. Ein Flirt beginnt, der jäh abbricht, als der einen Freundin auffällt, dass es sich bei den Jungs um Araber handelt. Araber und Türken, das passt nicht, davon hat auch der alemannische Leser schon gehört. Wie löst Aydemir das auf? Durch traurige, weil wahrheitsgemäße Überspitzung. Fällt den Mädchen doch nicht nur auf, dass es Araber sind, nein, ihr arabischer Akzent ist sogar seltsam, so gar nicht wie das der Araber, die sie kennen. Schnell wird klar: „Fluchtis“. Allein der Begriff lässt den westlich aufgeklärten Leser erschaudern. Und das über Monate heiß diskutierte „Nafris“ wie einen Inbegriff für politische Korrektheit erscheinen. Ja, „unsere“ Türken wollen sich nicht mit „Fluchtis“ abgeben, empfinden sie als unter ihrer Würde. Auch schonmal von gehört, aber nie so frappierend dargestellt erlebt.

 Und so ist „Ellbogen“ so vieles zugleich: Ein emanzipatorischer Frauenroman, den zuvorderst Männer lesen sollten. Ein Jugendbuch, dem sich in erster Linie Erwachsene widmen müssen. Ein Text, der mit wenigen Sätzen und Anspielungen verdeutlicht welchen speziellen Zerreißproben die türkische Community gerade in Zeiten eines Erdogan ausgeliefert ist. Und nicht zuletzt ein lebensechter, enorm wirklichkeitsnaher Ausritt in die Niederungen einer gescheiterten Integrations- und Gerechtigkeitspolitik, in der sich keinesfalls nur Deutschtürkinnen wiederfinden werden.
Kurzum: ein kleiner Gesellschaftsroman, der in knapper, oftmals konfrontativer, niemals aber plumper Gossenrhetorik daherkommt. Einer Sprache, die genug Platz für viele überraschend intelligente und sensible Einsichten lässt und uns mit der vermeintlichen Slangsprache in Berlin lebender Jugendlicher verschont.
Flüssig und spannend zu lesen und – besonders wichtig: definitiv horizonterweiternd.

Auszug:

Ich fange auch an zu lachen, weil ich merke, wie ich es vermisst habe, zu viert abzuhängen, mit einer angepissten Ebru, die immer dann die Nerven verliert, wenn etwas außer Kontrolle gerät. Ich hätte sie gern dabeigehabt, als wir am Tag der Deutschen Einheit bei Gül Ecstasy gefrühstückt haben. Sie hätte eh nichts genommen, und trotzdem wäre sie die gewesen, die sich am seltsamsten verhalten hätte. Ebru scheint die ganze Zeit über in ihrer Blase zu sitzen, von der aus sie jeden sieht und kennt, in die aber niemand zu ihr eintreten kann. Deshalb kann man auch nie nachvollziehen, warum sie so überreagiert und ganz plötzlich total angepisst ist, oder traurig, oder beleidigt. Ebru scheint alles immer ein bisschen stärker zu spüren als andere, vor allem Negatives, und Ebru ist immer allein, selbst wenn sie mit uns ist. „Einsamkeit kann man nicht teilen“, hat sie an Weihnachten mit ängstlichen Augen zu mir gesagt, und für einen Moment habe ich geglaubt zu verstehen, was sie damit meint. Ebru hat sich schon früher immer wieder zurückgezogen, und Elma ist ja auch ein bisschen so, aber immerhin spricht Elma über ihre Probleme. Ebru aber behält alles immer für sich, keine Ahnung, was bei ihr abgeht. Das ist jedenfalls so, seit sie letztes Jahr nach dieser Facebook-Nummer ihren Ausbildungsplatz verloren hat und danach entschied, sich zu verhüllen und fünf Mal am Tag zu beten. Das war heftig, denn alle waren vorher total stolz auf Ebru gewesen, weil sie die Erste in unserer Klasse war, die direkt nach dem Abschluss ein Angebot hatte, und auch noch als Arzthelferin. Und dann, puff, war alles verloren. „jeder bekommt das, was er verdient #fuckcharliehebdo“, hat sie geschrieben, was auch immer das sollte, und Dr. Klinger hat es gesehen und gesagt, dass sie sie nicht länger ausbilden kann. Seitdem sitzt Ebru zu Hause. Und die Blase, in der sie sitzt, wird immer enger, wir sehen sie manchmal wochenlang nicht. Ein Wunder, dass sie heute gekommen ist, wenigstens zum Vortrinken, in den Club würde sie nie mitkommen. Ich beobachte, wie sie eifrig Elmas Kinderzimmerteppich schrubbt und ihr dabei Millionen kleine Gedanken über das Gesicht huschen, an dem alles winzig ist außer den Mandelaugen. Gedanken, die mit uns und dem Jetzt und dem Teppich wahrscheinlichüberhaupt nichts zu tun haben. Ihre Stirn legt sich in Falten und glättet sich wieder, ihr schma­ler Brustkorb bläst sich mit unnötigen Sorgen auf. Sie wirft ihren geflochtenen Zopf über die Schulter, und ihre Augen suchen unauffällig nach Güls halbtotem, hügeligem Körper, der noch immer seitlich über Elmas Bett hängt. Ein Grinsen geht über Ebrus Lippen, kaum erkennbar, aber ich sehe es. Sie schaut ein letztes Mal konzentriert auf den feuchten Fleck vor sich auf dem Boden und ruft dann: „Komm Hazal, Gül wird dich nicht mehr schminken können. Ich mach das.“

Sie bringt den Lappen weg. Ich klicke die Musik leiser, krame meinen Schminkbeutel aus der Handtasche und setze mich vor den Wandspiegel. Elma hat sich bis auf den Slip ausgezogen, spaziert singend durch die Wohnung und probiert nacheinander ihre Kleider an. Sie hat nie ein Problem damit, nackt vor uns herumzulaufen, wir alle kennen den Leberfleck neben ihrer rechten Brustwarze. Ich dagegen gehe zum Umziehen immer ins Bad und verschließe die Tür. Elma findet das so merkwürdig, dass sie manchmal sagt, ich hätte wohl einen großen, dicken Schwanz und wolle ihn mit niemandem teilen.

„Ich sehe aus wie meine Mutter“, sage ich entsetzt, als Ebru den letzten Lidstrich korrigiert hat und mir den Handspiegel reicht.

Sie zuckt mit den Schultern und sagt: „Ja, stimmt.“

Fatma Aydemir – „Ellbogen“/  Hanser Verlag, München 2017, 272 S.


Über die nervenzermürbende Lachhaftigkeit psychischer Schräglagen: Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“ und „Zerteiltes Leid“ – die bisher erschienen drei Bücher von David Wonschewski. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

Zum Autor:

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David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer (und nach aktuellem Stand auch Totengräber) des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht.

„Wonschewski zieht alle Register der Vortragskunst bis hin zur schrillen Verzweiflung, die sich in drastischen Stimmlagen widerspiegelt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus – der Autor versteht es vortrefflich, diese Stilmittel zu einem höchst amüsanten Cocktail zu mixen.“ (Rainer Nix, „Westfälische Nachrichten“, 10. Juni 2015).

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 17. Juli 2017 von in Nachrichten, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , .
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