David Wonschewski | Autor

Musikjournalist & Romancier

Treffen sich ein Türke, ein Afghane und ein polnischer Rumäne im Bus. Und verhalten sich allesamt typisch deutsch.

Und so steige ich an einem arg frühen Sonntag mit meinem Kaffee in den Bus, setze mich – und werde Teil jener allseits schwelenden Flüchtlings- und Ausländerthematik. Denn erbost springt hinter mir ein junger Mann auf, ruft: „Aber Kaffee darf!!?“. Und er zeigt auf mich, dann auf den Busfahrer, dann wieder auf mich. Ich blicke hinab, betrachte den warmen Pappbecher in meiner Hand, frage mich was das nun zu bedeuten habe, welchen Stein des Anstoßes ich arglose Person geliefert haben könnte. Komme aber nicht drauf.

Der Busfahrer hält es nicht für nötig aufzustehen, blickt müde, aber bestimmt in den Rückspiegel, visiert den empörten jungen Mann an. Und sagt dann in sein Busfahrermikro: „Sie hatten einen Döner, Döner im Bus – nein. Der Herr hat einen Kaffee in fest verschlossenem Trinkgefäß – das ist erlaubt.“ Der Busfahrer ist Türke, seit 30 Jahren im Land. Das ahne ich nicht so dahin, nein, er erwähnt es an anderer Stelle dieses Scharmützels stolz und selbstbewusst. Der junge empörte Mann stammt aus Afghanistan, Flüchtling. Spekuliere ich nicht forsch, nein, auch er erwähnt es, nicht minder stolz und selbstbewusst. Die Herkunft, so schließe ich, scheint von Belang zu sein. In dieser morgendlichen Auseinandersetzung um meinen Kaffee.

„Deutsch dürfen alles“, ruft der junge Mann und schaut mich feindselig an. „Ausländer nix!“. Pikiert blicke ich noch immer hinab auf das Getränk in meiner Hand. Ich möchte trinken, schließlich war das – und nur das! – die Grundidee beim Erwerb. Zu wärmen meinen Hals, zu füllen meinen Bauch. „Auch der deutsche Herr darf keinen Döner im Bus essen. Und jetzt ist Ruhe, noch ein Wort und Sie steigen aus!“, sagt der Busfahrer, stoisch und blechern. Nicht von oben herab, aber, immerhin: von vorne nach hinten. Der junge Mann lacht ein Lachen, das Unglaube und Empörung ausdrückt. Der deutsche Herr, das bin ich. Ich merke wie ich mich unbehaglich und instrumentalisiert zu fühlen beginne. Noch mehr als zu trinken drängt es mich aufzustehen, dem Türken und dem Afghanen meinen Nachnamen vor die Lätze zu knallen. Vor allem die Endung zu buchstabieren: s -k – i. Laut zu rufen „Ce mai faci?“. Um damit irgendwas zu beweisen, von dem ich selbst nicht weiß was es ist. Doch ich tue es nicht. Ich sitze und schaue, schäme mich für mich und meinen spießbürgerlich verschlossenen Kaffee, den ich trinken darf, derweil der Afghane auf Weisung eines auf sein Hausrecht pochenden türkischen Mitbürgers seinen Döner vorm Einstieg in die Mülltonne zu werfen hatte.

Wir fahren los. Ich merke wie ich mich verloren fühle, beleidigt, zu Unrecht in eine Ecke gestellt. Sauer werde. Doch mein vor sich hin grollender Zorn findet kein Ziel, in dieser mit Täteropfern und Opfertätern angefüllten Morgenposse. „Deutsch dürfe alles“, murmelt der junge Mann noch einmal in meine Richtung. Und er klingt dabei so elend wie ich mich fühle. Derweil mir der Busfahrer über den Rückspiegel kaum merklich, aber aufmunternd zunickt. Ich beschließe diesen viel zu heiß dampfenden Kaffee nicht zu trinken, ihn bewusst kalt werden zu lassen. Und während wir fahren und ich mich wundere über mich und dich und sie und uns, das ganze so verworrene Miteinander der Menschen, sinniere ich über Auswanderung nach.

Doch, beileibe, mir fällt kein besserer Ort ein als der, an dem ich bin. Der Ort, an dem alles andere als mein Schweigen so offensichtlich gebraucht wird. Ein Ort, an dem nun dringend kühler Kopf zu bewahren ist.

Über die nervenzermürbende Lachhaftigkeit psychischer Schräglagen: Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“ und „Zerteiltes Leid“ – die bisher erschienen drei Bücher von David Wonschewski. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

Zum Autor:

cropped-dwonschewskibymashapotempa12

David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer (und nach aktuellem Stand auch Totengräber) des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht.

„Wonschewski zieht alle Register der Vortragskunst bis hin zur schrillen Verzweiflung, die sich in drastischen Stimmlagen widerspiegelt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus – der Autor versteht es vortrefflich, diese Stilmittel zu einem höchst amüsanten Cocktail zu mixen.“ (Rainer Nix, „Westfälische Nachrichten“, 10. Juni 2015).

Folgen Sie David Wonschewski besser nicht bei Facebook. Klicken Sie bloß nicht: HIER.

Advertisements

4 Kommentare zu “Treffen sich ein Türke, ein Afghane und ein polnischer Rumäne im Bus. Und verhalten sich allesamt typisch deutsch.

  1. gabriele auth
    5. August 2017

    bin ganz dabei, hätte mich ähnlich gefühlt, aber ich denke, ich hätte mit dem Afghanen geredet und dabei meinen Kaffee getrunken. Und ja, wir brauchen ein Ende des falschen Schweigens, kühle Köpfe und by the way den Mut zu emotionaler Intelligenz.

  2. philosophyofthougths
    23. Juli 2017

    Na ja, vielleicht nicht besser, aber zu viel Beeinflussung macht dich unselbstbewusst und macht dich auc ein bisschen schwach. Denn wenn du immer nur das tust, was andere indirekt oder direkt sagen, was du tun sollst, dann machst du zu wenig für dich selbst.
    LG

  3. davidwonschewski
    23. Juli 2017

    Und wenn also jeder macht was er/sie will…wird was besser…?

  4. philosophyofthougths
    23. Juli 2017

    Ich finde, man sollte sich davon nicht runterziehen lassen, sondern das machen, was man will.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 5. August 2017 von in Nachrichten und getaggt mit , , , , , , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: