David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Bipolare Lichtblicke: Liebe deinen Feind.

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von David Wonschewski

Viel besser als mit meinen Freunden komme ich mit meinen Feinden klar. Ist es nach manischen Episoden doch gerade die Abwendung der anderen, dieHeilung verschafft. Derweil sich ihre Schwester, die Zuwendung, zur fiesen Tortur wandelt. Ja, als wahrliche Folterknechte erweisen sich jene, die mich mögen, schlimmstenfalls gar lieben, wann immer ich fliege oder, schlimmer, just geflogen bin. Kümmern und sorgen sich, fragen, klingeln, klopfen. Weigern sich Ruhe einkehren lassen zu wollen in meinem vom steten Auf und Ab  meiner Höhenflüge zerschundenem Kopf.

Links liegen gelassen will der bipolare Geist. An Tagen wie diesen. Eine Kunst, die kaum einer meiner Freunde, dafür jedoch alle meine Feinde beherrschen.

So sehr mein Intellekt sich auch gegen diese Einsicht sträubt, es ist wahr. Als einen Segen betrachte ich die, die nicht umzugehen wissen mit mir und meinen Phasen. Die sich entschlossen haben mir die kälteste aller kalten Schultern zu zeigen. Erwürgen möchte ich hingegen jene, die permanent um mein Seelenheil besorgt sind. In einen Bus setzen und allesamt nach Sibirien verfrachten müsste man die Verständnisvollen, die Dauerbesorgten, die zu jeder unpassenden Gelegenheit schiefköpfig „Hm, du, erzähl doch mal, ich merk doch, dass da wieder was ist…“ raunenden.

Lassen Sie es mich erläutern: Es liegt in der Natur des bipolaren Menschen, dass er in seinen wiederkehrenden Phasen ungehemmten Taten-, Planungs- und Aufarbeitungsdrangs anderen Menschen ungeheuer auf den Senkel geht. In wilden Assoziativketten fabuliert er daher, sprengt mitunter lustvoll alle Brücken logischer Nachvollziehbarkeit hinter sich. Verstrickt sich innerhalb des vermeintlich klärenden Sprachakts in weitere, immer neue Ungereimtheiten. Wer nun mit dem Sprachgezausel eines solchen (minimal mit Menschumarmung, maximal mit Weltrevolution) beschäftigten bipolares Geistes behelligt wird, ist dabei oftmals den Launen des Zufalls überlassen.

Meistens hat der Pech, der halt gerade in der Gegend herumsteht. Macht der sich nicht schnell genug vom Acker, so wird er, ehe er sich versieht, vom manisch agierenden Menschen zur Projektionsfläche degradiert. Ist als direkt Angesprochener zwar geneigt einen jeden Satz des Euphorischen auf die Goldwaage zu legen und auf sich selbst zu beziehen – ist dabei jedoch nur höchst selten wirklich gemeint.

Gäbe es eine Manie-Historie, gleichend einer Browser-Historie, die meine wäre prall gefüllt mit schönen Worten und Versprechungen, die ich Menschen machte, gleich in welchem Verhältnis ich zu ihnen stand. Und an die ich mich, kaum bin ich zurück aus meiner Manie, kaum noch erinnere.

Nicht einen einzelnen Menschen, nein, die gesamte Menschheit umarmen will ich. An Tagen wie diesen.

Kein Wunder, dass bei einer derart überdimensionierten, mit allem Schwung und aller Wucht ausgeführten Umarmungsgeste manch Einzelner zu Bruch gehen kann. Und so bekenne ich mich, bin geständig: Je weiter und höher ich an Tagen wie diesen fliege, desto grausamer gerät mein Verbalmissbrauch. Ich selbst habe mir liebe Leute in Tränen ausbrechen sehen, eines geschliffenen Satzes, eines einzigen scharfen Wortes wegen, das mir im Normalzustand nicht nur nie über die Lippen gegangen wäre, sondern dass mir nicht einmal eingefallen wäre. Denn mein manischer Geist ist auch mein tiefblickender Geist, ich sehe andere Formen und Konturen, Farben und Dimensionen. Durchmesse das Leben nach anderen Paradigmen, finde ein paar wenige, doch köstliche Schlucke Weisheit in meinem Meer des Wahns.  Nicht schnell genug gehen mit der Rettung und Umarmung der Welt kann es mir dann, brachial zu Werke schreite ich dann, räume die, die mich schätzen und lieben nicht nur aus dem Weg, nein räume sie regelrecht ab. Schulterzuckend stehen bleiben nur jene, die mich eh nie mochten. Die ins Lästern oder Lachen geraten, stehen sie zum ersten Mal einem manischen Charakter gegenüber.

Fragt man mich Tage später, was genau ich eigentlich gemeint habe mit Vorwurf oder Anmerkung xy, so erinnere ich mich in der Regel nicht einmal mehr daran ein solches Gespräch je geführt zu haben. Und blicke doch auf zehn, zwanzig, hundert angebrochene Gesprächsfetzen. Abgeschlagen liegen sie da wie auf einem Schlachtfeld, einige noch blutend und puckernd, andere bereits verendet, für alle Zeit verloren.

Was nach meinen Phasen der Manie folgt, was sich direkt anschließt an Tage wie diese, ist der Gang nach Canossa, die große, so vergebliche Entschuldigungs- und Erläuterungstour bei jenen, die mich mögen. Mich schiefköpfig ansehen, Antworten verlangen. Die ich selbst nicht habe.

Doch ich mag mich nicht mehr entschuldigen. Bei niemandem, für nichts. Denn länger noch als meine Historie manischer Versprechungen ist meine Historie an depressiven Entschuldigungsversuchen. Gramgebückt durch die Gegend läuft der sich stetig für sein Sein zu rechtfertigen habende Mensch.

Meine Vita ist prall gefüllt mit ehemaligen Freunden, Bekannten und Weggefährten, die es – der eine schneller, der andere langsamer – irgendwann nicht mehr ertragen haben meinen manischen  Sprachattacken ausgesetzt zu sein. Und sich schleunigst entfreundeten. Nicht nur virtuell, sondern wirklich. Mein eigener Freundes- und Bekanntenkreis häutet und erneuert sich seit 20 Jahren im Dreijahrestournus. Ich habe mich daran gewöhnt und wenn ich ehrlich bin: aufgehalten habe ich die, die sich abwendeten und gingen, selten. Und je älter ich werde, desto mehr befeuere ich sie sogar darin. Sicher, in neuerlichen euphorischen Schüben kam das schon vor, nostalgiegetränkt klammerte ich mich dann an gemeinsame Erlebnisse, gab vor sie wieder herholen zu wollen, die schöne alte Zeit – gab es aber nur vor. Bis der manische Schub verebbte, ich wieder klar bei Sinnen war, einem neuen nervenaufreibenden und selbstquälerischen Gang nach Canossa ausgeliefert war.

Leute, die mir nicht (mehr) sonderlich wohlgesonnen sind, haben gar keinen Bock mehr auf Entschuldigungen oder Erklärungen. Befreien mich von meinem ständigen Begleiter, diesem steten Rechtfertigungs- und Erläuterungsdruck. Ob Manie, ob Depression, ob Normalzustand – sein wie ich bin kann ich nur bei jenen, die sich abgekehrt haben von mir.

Um wieviel schwieriger verhält es sich da mit Freunden.  Es gibt gute Freunde, denen muss ich im Normalzustand ein und dieselbe Mail dreimal schicken, damit sie endlich gewillt sind deren Inhalt als beantwortungswürdig zu erachten. Ihr David-Bipolar-Scanner hatte die ersten beide Male ausgeschlagen, einfach so und aus freien Stücken. Und so hatten sie sich dazu entschlossen mich eine Weile in Ruhe zu lassen, abzuwarten bis ich wieder zurück auf festem Boden sei. Dabei war ich weit entfernt von Manie und Depression. Und jüngst schlug mir ein guter Bekannter vor, dass ich ihn gerne als Admin bei meinem Facebook-Account einsetzen kann. Er würde dann alle bipolaren Postings von mir einfach schnell löschen, den Gefallen täte er mir gerne, er helfe halt wo er könne. Ich fragte ihn, welche Postings er denn beispielsweise meint. Also präsentierte er mir drei. Ich gebe zu, es hatte auch was Amüsantes ihm zu erklären, dass keines dieser drei Postings in bipolaren Phasen entstanden ist.

Es sind selten meine Feinde, die mich in den Wahnsinn treiben, an Tagen wie diesen. Es sind die Freunde. Immer nur die Freunde.

Weitere „Bipolare Lichtblicke“ gibt es HIER.


„Das Seufzen und das Schweben – die Welt mit den Augen eines Bipolaren“, das erste Hörbuch von David Wonschewski, kann versandkostenfrei HIER bestellt werden. Sollten Sie ein vom Autor signiertes Exemplar wünschen, kontaktieren Sie ihn gerne direkt über DIESES Kontaktformular.

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Über die nervenzermürbende Lachhaftigkeit psychischer Schräglagen: Lesen Sie auch „Schwarzer Frost“, „Geliebter Schmerz“ und „Zerteiltes Leid“ – die bisher erschienen drei Bücher von David Wonschewski. Mehr Informationen dazu gibt es: HIER.

Zum Autor:

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David Wonschewski, Jahrgang 1977, wuchs im Münsterland auf und ist seit 18 Jahren als Musikjournalist für Radio, Print & Online tätig. Als leitender Redakteur gestaltete er viele Jahre das Programm landesweiter Stationen, führte Interviews mit internationalen Künstlern, verfasste knapp 450 Rezensionen sowie PR-Texte für u.a. Reinhard Mey. Er ist Begründer (und nach aktuellem Stand auch Totengräber) des Liedermachermagazins „Ein Achtel Lorbeerblatt“ und saß von 2013 bis 2015 in der Jury der renommierten Liederbestenliste. Sein von der Internationalen Thomas Bernhard Gesellschaft empfohlener Debütroman „Schwarzer Frost“ brachte ihm 2013 erste Vergleiche mit Autorengrößen wie David Foster Wallace, Bret Easton Ellis oder eben Thomas Bernhard ein. Der Nachfolger „Geliebter Schmerz“ erschien Anfang 2014, der Roman „Zerteiltes Leid“ wurde im Mai 2015 veröffentlicht. 2017 erschien sein erstes Hörbuch „Das Seufzen und das Schweben“.

„Wonschewski zieht alle Register der Vortragskunst bis hin zur schrillen Verzweiflung, die sich in drastischen Stimmlagen widerspiegelt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus – der Autor versteht es vortrefflich, diese Stilmittel zu einem höchst amüsanten Cocktail zu mixen.“ (Rainer Nix, „Westfälische Nachrichten“, 10. Juni 2015).

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Ein Kommentar zu “Bipolare Lichtblicke: Liebe deinen Feind.

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