David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Soeben ausgelesen: Nikolai Gogol – „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ (1835)

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von David Wonschewski

Man mag es kaum glauben, aber auch ein Dostojewski, auch ein Tolstoi brauchten einen Wegbereiter, um Überwerke wie „Schuld und Sühne“ (1866) oder „Krieg und Frieden“ (1869) auch nur im Ansatz ersinnen zu können. Niemand Geringerem als dem Gründervater der modernen russischen Literatur Alexander Puschkin ist es zu verdanken, dass beide, Dostojewski wie auch Tolstoi, aus dem psychologisch-politischen Erzählfundus eines gebürtigen Ukrainers schöpfen konnten: Nikolai Gogol.

Puschkin war es, der Gogol entdeckte, förderte, ihn immer wieder antrieb seine Hauptwerke „Der Revisor“ (1836) und „Die toten Seelen“ (1842) zu beginnen, weiterzuschreiben, zu beenden. Und Puschkin war es auch, der dem labilen Gogol immer wieder Jobs zuschanzte, in der Hoffnung seinen geistigen und gesellschaftlichen Niedergang möglichst lange aufzuhalten. Mit, wie wir heute wissen, leidlichem Erfolg. Beruflich lange halten, geschweige denn irgendwo ankommen konnte Gogol nie. Zudem begann er ab 1835 etwa an einer paranoid-halluzinatorischen Psychose zu leiden, einer Form der Schizophrenie.

Wohl nirgends hat Gogol sein Schicksal literarisch ähnlich verdichtet und nicht zuletzt auch vorausahnend festgehalten als in seiner Erzählung „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“. Der Geschichte des Titularrats Poprischtschin, den seine Arbeit derart unter-, eine aussichtslose Liebe hingegen überfordert, dass sein Verstand binnen weniger Monate komplett vor die Hunde geht. Er sich erst für den König von Spanien hält, sich dann von der Inquisition verfolgt fühlt, derweil er de facto – nicht mehr tragbar in privatem Umfeld und Beruf – in eine Nervenklinik eingewiesen wird.

„Sehr merkwürdig kam mir das Benehmen des Reichskanzlers vor, der mich an der Hand hereinführte; er stieß mich in ein kleines Zimmer und sagte: Sitz hier, und wenn du dich König Ferdinand nennen wirst, so werde ich dir jede Lust dazu austreiben! Ich wußte aber, dass es nur eine Versuchung war, und antwortete ihm verneinend, worauf mich der Kanzler zweimal mit dem Stock auf den Rücken schlug, und zwar so schmerzhaft, dass ich beinahe aufgeschrien hätte; ich beherrschte mich aber, da ich mich erinnerte, dass es ein Ritterbrauch ist, jeden, der ein hohes Amt antritt, zu schlagen; in Spanien werden nämlch die Rittersitten auch heute noch beachtet. Als ich allein geblieben war, beschloss ich mich den Staatsgeschäften zu widmen. Ich machte die Entdeckung, dass China und Spanien das gleiche Land sind und nur aus Unbildung für verschiedene Länder gehalten werden. Ich empfehle einem jeden das Wort Spanien auf ein Blatt Papier zu schreiben; es wird nämlich China daraus werden.“

Die „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“, dargereicht als Tagebucheinträger, die mit fortlaufender Lektüre die sie ordnende zeitliche Einhegung einbüßen, beginnt als grantelnde Beamtengeschichte eines in Mittelmäßigkeit und Perspektivlosigkeit vor sich hinmotzenden Charakters in bester Thomas Bernhard-Manier. Und strandet schließlich in nichts anderem als heiterer Illusion, illustrer, ja fast schon farbenfroher Hirngaukelei. Ein mentaler Niedergang, der nicht nur schlüssig auf wenigen Seiten dargeboten wird, sondern der gleichermaßen frappierend wie urkomisch ist. Und so mag man sich am Ende kaum entscheiden, welches Schicksal das bittere wäre: zu enden als frustrierter Herr Jedermann. Oder aber in der Gummizelle, hochdekoriert, ummäntelt von Adel und Würde, Anstand und Rittertum, ja einem Hauch von historischer Gewichtigkeit gar.

Die Psychose zerstörte den Literaten Gogol im Übrigen vollends: er begab sich auf eine lange Wallfahrt, dann in die Hände von Priestern und starb schlussendlich an den Folgen strengen religiösen Fastens im Alter von 42 Jahren. Nach seinem Tod fragten sich viele seiner Freunde, ob sie Gogol jemals richtig gekannt hatten.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

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4 Kommentare zu “Soeben ausgelesen: Nikolai Gogol – „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ (1835)

  1. finbarsgift
    31. August 2019

    Ja, keine Bio, eher romanesk, stimmt!
    Sehr gerne …

  2. davidwonschewski
    31. August 2019

    Ah, der sagte mir bisher nix. Also keine Bio, sondern… fiktiv angehaucht eher? Wenn der empfehlenswert ist erstoebere ich mir den doch glatt mal…Besten Dank für den Hinweis!

  3. finbarsgift
    31. August 2019

    Hab neulich mal wieder ein paar Kurzgeschichten von Gogol gelesen und den interessanten Roman von Kjell Johannson über Gogols Leben.

  4. hannahbuchholz
    26. August 2019

    … sehr spannende Geschichte, ich glaube, ich sollte bald mal was von ihm (Gogol) lesen…. !!
    Ein trauriges Ende jedenfalls, der frühe Tod dieses Autors… ! Und hätte es nicht irgendwas zwischen Wahnsinn / Genie /frühem Tod und einem Ende als frustrierter Herr Jedermann geben können? Offensichtlich nicht… !

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. September 2019 von in Anderer Geister Werk, Nachrichten, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , .
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