David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Soeben ausgelesen: Miriam Toews – Die Aussprache (2019)

tows

von David Wonschewski

Sagen wir es so plakativ, wie es nunmal ist: an sich will „Mann“ so einen Roman anno 2019 nicht mehr lesen. Nach medialer „#meetoo“- und „angrytoxicwhiteman“-Überdosis ist der Akku halt auch irgendwie einfach einnmal leer. Und der Kaffee auf.
Was noch gar nix über“zu Recht“ oder „zu Unrecht“, über „wichtig“ oder „übertrieben“ feministischer Bestrebungen aussagen soll. Sondern einfach darüber, wozu man sich auf 250 Seiten nochmal extra geben soll, wo man es doch eh beinahe täglich in der Presse liest: Gestern, dein Name ist Mann. Und Hoffnung, dein Name ist Frau.
Nun, offen gesprochen, ich weiß selbst nicht, warum ich dennoch zu „Die Aussprache“ griff. Vielleicht weil ich mir, als doch eigentlich „links-alternativer“ und dennoch zunehmend unamüsierter Mann einfach nochmal so richtig lustvoll den Rest geben wollte. Privilegiertheit und Masochismus lagen bekanntlich schon immer nah beieinander.
Vielleicht aber, und das kommt der Wahrheit vermutlich viel näher, wollte ich einmal schauen, ob der literarische Feminismus international differenziertere Lesarten zu bieten hat als der Nationale.
Nun denn: er hat. Und „Die Aussprache“ von Miriam Toews gerät auf den Punkt (was bedeutsamer ist als „grandios“ oder „toll“). Und das ohne 80 Prozent des eigenen Geschlechts gleich mitzuabzuwerten. Eine wahre Kunst.
Das gewählte Grundsujet will den „angry white man“ dabei erstmal abnerven: in einer abgeschiedenen ländlichen Gemeinde (den bewusst isoliert lebenden „Mennoniten“, eine Glaubens- und vielmehr Lebensrichtung, die den hierzulande bekannteren „Amish“ recht nahe kommt) wird fast die gesamte weibliche Bevölkerung nachts qua Überfall erst betäubt, dann missbraucht und schlussendlich – als finale furioso und je nach Lust und Laune des Betäubenden – geschändet. Blickt aber in der Gemeinde erstmal keiner so richtig und die alten weisungsbefugten Männer sagen: Gericht Gottes! Schuld der Frau, hier offenbart sich Lasterhaftigkeit und Liederlichkeit des femininen Charakters, der Klatschgeschichten erfindet oder aber wahlweise seine gerechte Strafe und Sühne empfängt.
Et cetera.
Und „angry white man“-Leser so: gäähn.
Dumm nur, dass dieses Sujet keine Fiktion, sondern aktenkundig ist. Und nicht 1835 geschah, sondern nach 2005. Und nicht nur junge aufblühende Frauen unter den Opfern waren, sondern Frauen jeden Alters.
Und „angry white man“-Leser so, unangenehm berührt: Nicht wirklich, wa?
Der Roman indes ist fiktiv. Die recht- und moralsprechenden Männer beschließen die Missetäter in die Gemeinde heimzuholen und sie die Gnade und das Verzeihen des rechten Glaubens spüren zu lassen, dabei sogar vom Kollektiv erwirtschafte Gelder zur Aufbringung der Kaution zu verwenden.
Und die angry missbrauchten und betäubt zur Schwangerschaft genötigte Mennonitenfrauen so: Hä??!
Acht Frauen der Gemeinde versammeln sich also auf einem Heuschober und diskutieren, wie man nun umgeht mit der Situation. Gehen oder bleiben? Stumm und rechtlos, noch unter dem Vieh angeordnet, verharren – oder Kind und Kegel packen, fort ziehen in „die Welt“, die keiner kennet und deren Auwüchse unbekannt sind?
Knieend sterben oder kniend leben oder aufrecht gehen oder aufrecht sterben – das sind die vier Wahlmöglichkeiten der Frauen.
Toews erster enorm guter Schachzug ist es einen Mann als eigentlichen Protagonisten einzuführen. Ein quasi externer, ein Lehrer, der in der Gemeindehierarchie der landwirtschaftlich geprägten Kommune ganz unten steht, wird beauftragt die zweitägige Diskussion der Frauen zu protokollieren. Da er der einzige ist, der schreiben kann. Und nicht als Gefahr, ja nichtmal als Mann angesehen wird.
Das ist, mit Verlaub, genial gewählt. Denn derweil die acht Frauen im Gespräch stotternd „harte“ feministische Themen ( Selbstbestimmung / Angst/ Abhängigkeit/ Liebe / Verantwortung / Glaube / Kinder) durchprügeln oder durchzuprügeln versuchen, agiert der nahezu unsichtbare Lehrer als Spiegel. Und offenbart gerade dadurch, dass er selbst in den Augen der anwesenn Frauen als wertlos und ehrlos erachtet wird – jaja, da seufzt er erleichtert auf, der „angry white man“ – die Schuld der Frauen. Nicht am Mißbrauch, natürlich nicht. Aber: an der Situation, die ist, wie sie ist. Dem übel berüchtigten Geschlechter Status Quo.

Damit gerät  „Die Aussprache“ bereits vielfach differenzierter, vielschichtiger und letztlich verbindender als Sibylle Bergs junger Bestseller „GRM“, der gar nicht erst versucht Männer und Frauen verbal einander näherzubringen. Die wirklich unangenehmen Fragen zu stellen.
Mehr soll hier bewusst nicht ausklamüsert werden. Lesen lohnt sehr, Empfehlung.
Man liest, dass Miriam Toews dereinst selbst einer mennonitischen Gemeinde entrann. Allein aus dem Aspekt heraus – bald 35 Jahre nach Peter Weirs Film „Der letzte Zeuge“ (mit Harrison Ford) ist „Die Aussprache“ schon einen Schmöker wert. Denn auch wenn wir modernen Menschen lachen und schmunzeln: je abgespeckter eine Gesellschaft, desto klarer, ja geradezu destillierter treten Grundprobleme zutage. Was auch das Highlight an dem Roman ist – und man darf vermuten auch der toewsche Grund den Roman hier anzusiedeln ist. Denn wie abgespeckt, abgeschabt liegt die Grundproblematik plötzlich da, frei vom Schmonz und von all den Eitelkeiten unserer Zeit: braucht Frau Mann nun eigentlich? Und wäre Mann nicht eventuell viel friedfertiger – ohne Frau?

Ein Musikjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 23. September 2019 von in Anderer Geister Werk, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , .
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