David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Soeben ausgelesen: Mario Vargas Llosa – „Die Stadt und die Hunde“ (1962)

stadthun

von David Wonschewski

Bücherverbrennung. Ein hartes, ein historisch bitteres Wort. Wir denken bei dem Begriff selbstredend zunächst stets an unsere eigene dunkle Vergangenheit. Unliebsame Literatur zu verbrennen ist aber kein Alleinstellungsmerkmal der Deutschen, natürlich nicht. Auch in anderen Nationen und zu anderen Zeiten wurden Bücher verbrannt. Was letztlich wohl immer nur eines bezeugte: Das etwas von Wichtigkeit darin stand. Eine brisante Form von Wahrheit darin zu finden war.

Nun, Mitte der sechziger Jahre wurde auf dem Hof der peruanischen Militärschule „Leoncio Prado“ das Debütwerk des jungen Mario Vargas Llosa verbrannt. Warum? Schnell geklärt: Hauptschauplatz der Handlung von „Die Stadt und die Hunde“ ist eben diese Militärschule. Und Vargas Llosa wußte wovon er schrieb: er selbst war in noch jüngeren Jahren Kadett dort gewesen. War der Aufruhr berechtigt? Aus Sicht der Militärschule vielleicht ja, durchaus. Aus Sicht der restlichen Welt wohl kaum. Denn was Vargas Llosa hier auf verdammt hohem Niveau beschreibt ist letztlich eine Geschichte wie sie tausend Mal zuvor erzählt wurde – und mindestens genauso oft danach. Ein Haufen 16-17jähriger Jungen, unheilvoll zusammengepfercht, bilden eine eigene Hierarchie aus Angst und Unterdrückung heraus, entwefen Zerrbilder von Ehre, Würde und Anstand, übertreffen sich in Bodenlosigkeiten. Die eigentliche Ordnungsmacht, hier das Militär, ist damit keineswegs überfordert, nein, es kriegt schlichtweg nichts mit davon. Bis eines Tages ein Kadett bei einem Manöver erschossen wird. Für die Führung ist klar: ein Fall von akuter Tolpatschigkeit, gerannt, gestürzt, Waffe schief unterm eigenen Kinn gehalten, Ende des Berichts, ab zu den Akten. Problem an der Sache: Ricardo, den alle aufgrund seiner Schwächlichkeit und Wehrlosigkeit nur den „Sklaven“ nannten und auch so behandelten, wurde von hinten erschossen. Und Alberto, einer der Protagonisten des Romans, weiß: der Sklave hatte den gefährlichsten Mit-Kadetten, genannt „Jaguar“ bei der Führung verraten als diese den Urheber eines Diebstahls suchten. Aus Rache hatte der Sklave den Jaguar verraten, aus Rache der Jaguar den Sklaven erschossen, so denkt Alberto. Ein Kriminalfall, der das Grundthema des Romans bildet und dazu geführt hat, dass „Die Stadt und die Hunde“ vielfach als Kriminalroman gepriesen wurde, was er jedoch keinesfalls ist. Zu sporadisch, ja fast lustlos verfolgt Vargas Llosa die Ermittlungsarbeit, zu lapidar lässt er die potentielle Lösung des Falls vor die Wand fahren. Aus dem simplen Grund, dass es ihm hier nicht um eine Detektivgeschichte im traditionellen Sinne geht, sondern um die Aufdeckung ganz anderer Machenschaften in einer Gegend, in der Militärapparate zunehmend an Wichtigkeit gewinnen.

Die größte Schwäche des Romans macht dabei auch die größte Faszination aus: die ersten 200 Seiten kriegt man zwar ziemlich viel mit, versteht aber bei weitem nicht alles. Vor allem wer in den Ich-Passagen da gerade von seiner Zeit vor dem Eintritt in die Militärschule oder seinen Wochenenderlebnissen berichtet wird oftmals nicht ganz klar. Meistens bleibt der Ich-Erzähler anonym, der Leser macht sich anhand dieser und jener Andeutung seinen Reim, um diesen einige Seiten später gleich wieder zu verwerfen. Selbst die Liebschaften, die die Jungen mitunter haben, sind von munterer Ununterscheidbarkeit, auch namentlich. Klare Zuordnungen fallen dadurch schwer und man darf vermuten, dass ein Literat vom Format eines Vargas Llosa sich was gedacht hat dabei. Schließlich hat es seine Gründe, warum menschliche Gestrüppe so schwierig zu entwirren sind, warum die große Frage nach Schuld und Unschuld, Opfer und Täter selten eindeutig zu klären ist.

Und warum es ab und an vielleicht gar keine Rolle spielt, ob man nun aus einem wohlhabenden Elternhaus kommt, ein begnadeter Kämpfer oder literarischer Feingeist ist. Dunkelhäutig ist und aus den Bergregionen stammt. Oder weiß und von der Küste. Schlussendlich zieht es einen jeden jungen Menschen in die Dunkelheit Limas, hängt jeder drin. Ohne Aussicht auf Entkommen.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

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