David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Soeben ausgelesen: Samuel Selvon – „Die Taugenichtse“ (1956)

samuselv

von David Wonschewski

Worin liegt es nun begründet, das Geheimnis jener sagenumwoben „erfolgreichen Integration“? Und noch viel wichtiger: wer trägt die Hauptschuld daran, so diese nicht gelingt? So Flüchtlinge, Einwander und Exilanten auch Jahre, Jahrzehnte, vielleicht gar viele Generationen später die alte Heimat zwar längst verloren, eine wirklich neue Heimat aber noch lange nicht gefunden haben?

1950 ging der in Trinidad geborene Samuel Selvon nach London und wurde somit zu einem frühen Vertreter karibischer Einwanderer in Großbritannien. Er lebte zunächst – gleichermaßen abgehängt wie perspektivlos – in Immigrantenheimen, dann, immerhin, in Kellerwohnungen. Und schaffte über eine Anstellung bei der indischen Botschaft schließlich den Sprung, wurde zum angesehenen Literaten und BBC-Hörspielautor. Sein Hauptwerk „The Lonely Londoners“ (1956), im Deutschen als „Die Taugenichtse“ veröffentlicht, stellt eine, vielleicht gar die erste literarische Bestandsaufnahme eines Immigrantenlebens in Westeuropa dar. Geschildert von einem Protagonisten, der – anders als beispielsweise viele schreibende USA-Einwanderer – bis zu seinem Tod das Gefühl hatte, definitiv nicht Teil Großbritanniens geworden zu sein.
Ein schmales, keine 200 Seiten dünnes Buch sind diese „Taugenichts“, ein kleines, wenig bekanntes Stück Weltliteratur, das vor allem durch seinen (oftmals unfreiwillig komischen) Verbalminimalismus besticht (zurückgehend auf Selvons Verdienst das karibische „Kreol“ in die anglophone Literatur einzuführen, was auch in der deutschen Übersetzung von Miriam Mandelkow überraschend gut gelingt).

Selvon skizziert diverse Charaktere der karibischen Einwanderergesellschaft mehr als dass er sie ausführlich beschreibt, was dazu führt, dass sich der Stoff – abgesehen von eben der Sprache – vom streng Karibischen löst. Und somit Erfahrungen und Eigenarten spiegelt, die einer jeden Einwanderer-Community zu eigen sein dürften, gleich welcher Herkunft, gleich wo gelandet, wo gestrandet.

Überhaupt die Eigenarten: all die Träume, Sehnsüchte und damit verbundenen Verrenkungen und Irrwege freiwllig oder auch nicht ganz freiwillig Davongelaufener sind es, die Selvon so vortrefflich beschreibt. Während Engländer in seinem Roman kaum vorkommen zeigt er wie er und seine karibischen Bekannten sich vergeblich abstrampeln bei dem Versuch irgendwie anzukommen, irgendwie über die Runden zu kommen. Und dabei vor allem an einem scheitern: sich nicht permanent gegenseitig über den Haufen zu laufen, sich gegenseitig unten und fern der englischen Zivilgesellschaft zu halten.

Gleichermaßen tragisch wie komisch gelingt es Selvon mit dürren Worten darzustellen, warum arbeitsfähige, kräftige junge Männer in schnelle Lethargie verfallen, sich clevere (oder auch weniger clevere) Überlebensstrategien suchen und dabei letztlich nur eines stets großräumig umschiffen: ein normales Alltagsleben. Um nur eines niemals führen zu müssen: Das Leben eines normalen, eines durchschnittlichen Engländers.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

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