David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Soeben ausgehört: Aimee Mann – „One More Drifter in the Snow“ (2006)

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von David Wonschewski

Aimee Mann ist wohl so etwas wie ein weiblicher Achilles der Popgeschichte. Seit dem Erfolg des „Magnolia“-Soundtracks und ihrer Oscar-Nominierung 1999 ist sie quasi unverwundbar auf ihrem Weg durch das Musikgeschäft. Ein seltsames Phänomen, diese Frau von ewiger Jugend, über die kaum ein böses Wort in der Musikpresse verloren wurde.

Diese Tage nun veröffentlicht sie ihr zehntes Album, eine Sammlung von – wer hört die Glocken bereits läuten – Weihnachtsliedern. Gewagter Versuch in Zeiten wie diesen. Inspiriert wurde sie dabei von Johnny Mathis Album „Merry Christmas” von 1958 und Charlie Brown. Wie jetzt Charlie Brown? 1965 erschien der Film „A Charlie Brown Christmas“ mit dazugehörigem Soundtrack. Charlie Brown ist sehr deprimiert über die Kommerzialisierung von Weihnachten, bis Linus ihm noch mal die Heilsgeschichte zum Besten gibt und ihn an die eigentlich frohe Botschaft des Festes erinnert.

Speziell die dunklen und mysteriösen Untertöne des Filmes haben die Arbeit zu diesem Album beeinflusst, so Mann, und das wird mit dem ersten Stück sogleich deutlich: „Whatever Happened To Christmas?“, ein abgehangener Sinatra-Schinken, kommt hier in annehmbarer Singer/Songwriter-Manier daher. Lakonisch eröffnet die Frage nach dem verlorenen Zauber die Programmatik dieses Albums, nämlich ein wenig mehr Weihnachtsmystik auf die Plattenteller unserer Zeit zu legen und tatsächlich – das funktioniert. Weil Aimee Mann musikalisch einfach gut ist und ihr Handwerk beherrscht.

Bestes Beispiel: „God Rest Ye Merry Gentlemen”, eine 1833 (!) erstmals erschienene Weihnachtshymne, hat Mann hier mit beeindruckenden Bläsern instrumentiert und für unser Ohr zeitgemäß zu einem der besten Stücke des Albums arrangiert. Ansonsten gestaltet sie mit klassischen Blues- und Jazzelementen die alten Traditionals neu und enthebt sie ihrer angestaubten „Rudolph The Red Nosed Reindeer“-Tradition. Und ein bisschen auch dem amerikanischen Christmas-Komplott.

Einziger Haken an der Platte: Man muss Weihnachten mögen, um nicht die Achillesferse Aimee Manns anzuvisieren. Geschmackssache eben. Aber besser als Wham! wieder bis zum völligen Weihnachtskoller die Tantiemen zu zollen. Charlie Brown jedenfalls würde sie gefallen, diese Platte. Kein Mitternachts-Shopping, kein Happy-Digits-Wahn und geschenkt wird nur Selbstgebasteltes.

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