David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Soeben ausgehört: Lydia Lunch – „Urge to Kill“ (Retrospektive, 2015)

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von David Wonschewski

Wir weißen, alten Wutkerle, so lässt sich allenthalben lesen, sollen ja nicht immer so männerfixiert sein. Sondern auch Frauen ihren gebührenden Platz in unserem persönlich-artifiziellen Pantheon einräumen.

Gut, gut. Also los. Und so fragen wir uns – welche weiblichen Helden (oder auch Anti-Helden) hat die Punk- und Post Punk-Generation hervorgebracht?? Hm?!? KEINE!!! Okay, Blondie, irgendwie, so gerade eben (warum auch immer). Aber sonst!?? Oh, ja, stimmt, Siouxsie Sioux. Patti Smith. Das war es denn aber auch. Ne, halt, ganz wichtig: Lydia Lunch. Wird gerne unterschlagen, da Sie offiziell nicht dem PostPunk zugeordnet wird, sondern dem No Wave-Sprengsel.Und das widerum, tja, wurde nicht set den frühen 80ern 112mal durch den Fleischwolf ge-re-revivaled.Was nun de Unterschied zwischen No Wave und Post-Punk ist, kann in aller Dezidiertheit gerne anderweitig nachgelesen. Man kann sich das aber auch sparen und zugeben, dass der Unterschied bestenfalls für Nuancen-Freaks von Bedeutung ist. Und es doch bei beiden Strömungen zuvorderst darum geht, echt was zu wagen. Den Musik- und Optikkaren bewusst so richtig vor die Wand zu heizen. Um zu schauen was nach dem Aufprall noch so übrig bleibt („Rip it up and start again“, entnommen einem Song der schottischen Post Punk-Band Orange Juice, wurde darum auch zum geheimen Motto des Genres, eine sehr lesenswertes Musikbuch ist auch danach betitelt).

Aber okay: Da es sich bei „Urge To Kill“ um eine Neuinterpretation fast 30 Jahre alter No Wave-Großtaten handelt, erinnern wir uns doch gern: No Wave, das war, lapidar erklärt, das nordamerikanische Pendant zum eher in Großbritannien angesiedelten Post Punk (Joy Division, Magazine, Josef K, Chameleons, Ultravox! u.a.). Das Zentrum dieser musikalischen Bewegung war New York und seine Hochzeit wird allgemein auf den Zeitraum von 1978-1982 taxiert.

Wie der Post Punk entstand also auch No Wave in unmittelbarer Folge zum originären Punk, dessen wüste Methoden und brachiale Botschaften durch vertracktere, mitunter schwer zugängliche Kompositionen ersetzt und mit mehrheitlich destruktiv-beklemmenden Lyrics versehen wurden. Wut, Anspannung und Gereiztheit wurden nicht länger möglichst flegelhaft hinausgepöbelt, sondern möglichst artifiziell hervorgepresst. Bevor es gegen eine etwaige Gesellschaft ging, ging es zunächst einmal gegen sich selbst. Und hatte es beim Punk noch geheißen, dass allzu viel Expertise am Instrument nur hinderlich sei, gelten Post Punk und No Wave bis heute als ein musikalisches Territorium, auf das man sich ohne fundierte Ausbildung kaum wagen kann.

Ja, so war das damals. In etwa. Lydia Lunch darf nun, so viel Form muss sein, nicht nur als größte weibliche Ikone der No Wave-Bewegung angesehen werden, sondern als hervorstechendste Person überhaupt. Speerspitze, gewissermaßen, die maßgeblichen (auch in diversen Kollaborationen Eingang findenden) Einfluss auf Bands wie Sonic Youth, Einstürzende Neubauten oder Nick Cave’s Birthday Party hatte.

Wer kein Lydia Lunch-Album daheim stehen hat, der kennt „Indie“ schlichtweg nicht, so darf an dieser Stelle ein wenig plump behauptet werden. Da überraschend viele Indie-Fans jedoch nicht um diese unumstößliche Feststellung wissen, hat die New Yorkerin für „Urge To Kill“ nun Teile ihrer alten Band reaktiviert. Um, wir erwähnten es, einstige Großtaten in frischem, aber gottlob keineswegs hypermodernen Gewand zu präsentieren. Als Geschmacksanreger und zurück in Erinnerung-Bringer, so ist zu vermuten. Und so gleicht „Urge To Kill“ letzlich einer speziellen Version eines Best Of-Albums, finden sich neben einem Cover des Suicide-Klassikers „Frankie Teardrop“ hier doch Stücke, die man in seinem Besitz haben sollte. Wenn der Elan für die Anschaffung eines ganzen Albums eventuell noch nicht ausreicht. Acht Songs von „Queen Of Siam“ (1980), „13 13“ (1982), „In Limbo“, (1984), „Honeymoon In Red“ und „Hysterie“ (beide 1987).

Ein Sammlerstück für längst überzeugte Genre-Fans. Ein Appetizer für Lunch-Neulinge. Und, tja: Eine unumgängliche Großartigkeit für die Musikhistorie.

So und nicht anders verhält es sich.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. Dezember 2019 von in Anderer Geister Werk, Nachrichten, Soeben ausgehört und getaggt mit , , , , , , , , , .
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