David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Soeben ausgelesen: Charles Bukowski – „Der Mann mit der Ledertasche“ (1971)

buleder

von David Wonschewski

Ich entsinne ich noch wie mir meine Mutter, ich war noch ein Teenager, Anfang der Neunziger, zum Namen Bukowski sagte: Muss man nicht lesen. Da geht es nur ums Saufen. Und Korpulieren. Widerlich.

Tja, das hold-schützende Mutterurteil wirkte, der Spross wurde zwar literarisch beflissen, schrieb gar selbst Romane, hatte jedoch bis zum Alter von 40 Jahren keine Lust auch nur eines seiner Patschehändchen an nur eines der Bukowski-Ergüsserchen zu setzen. Wozu auch? Wie das mit dem Sex und dem Saufen und dem Abkacken in Gesellschaft unter freundlich-weiblichem Applaus so ist, weiß ich selbst, brauche ich keinen ach so kultigen Bukowski für.

Warum ich mich nun dennoch genötigt sah einen kräftigen Schluck aus der Bukowski-Flasche zu nehmen ( „Mann mit Ledertasche“) und einen zweiten glich hinterher („Faktotum“), schwierig zu sagen. Villeicht weil ich nach einer dieser verworrennen, hilflos romantisch durchzechte Nächte in den Spiegel sah und mir dachte: so, genau so muss Bukowski ausgesehen haben. An jenen Tagen. Nach jenen Nächten.

Also Scheissdrauf und KackdieWandan gedacht, mir den „Mann mit Ledertasche“ besorgt.
Tja, wie Recht im Unrecht Mütter doch haben können. Oder wahlweise auch: Unrecht im Recht. Denn es stimmmt schon, auf nahezu jeder Seite wird hier ordentlich einer gekippt oder aber…nun…ornithologisiert. Ich bin mir tatsächlich nicht sicher, ob man auch als Frau erkennt, dass es hier eine Botschaft hinter der Boschaft gibt. Ich habe mir Videclips vo Bukowski aus den frühen 80ern angesehen, da waren sogar viele Frauen. Aber das war damals, als Frauen noch das charakterliche Rüstzeug besaßen sich offen zu Arschlöchern zu bekennen. Heute wrden sie nur noch angezogen davon wie eh und je, nur dazu stehen ist nicht mehr.Überhaupt ist alles scheiße geworden!!! (oh, bukowskisiere ich bereits…?)

Nein, „Mann mit Ledertasche“ ist alles andere als ein auf billige Effekthascherei angewiesenen frühes Pop-Literatürchen. Das legt schon die Berufsbeschreibung nahe, ist Protagonist Henry Chinaski doch Briefträger. Oder besser: Aushilfsbriefträger. Ja, mn denkt es sich so einfach, Tasche umgeschnallt, losgelatscht, Brief hier reinwerfen, Einschreiben dort abgeben. Doch weit gefehlt. Bukowski gelingt das Kunststück, diesen per se simplen Job durch seine Beschreibung in seinen Komplikationen derart köstlich darzustellen, dass diese Betätigung fast zum Sinnbild allen menschlichen Suchens und Strebens – und somit letztens auch Scheiterns wird. Warum Chinaski zum Trinker wurde, das klärt Bukowsk nicht recht auf, ist vielleicht auch gar nicht nötig. Warum er aber partout nicht ablassen will vom Fusel, warum er (wenn ich mich recht entsinne) im ganzen Buch nicht ein einziges Male Bedauern über seine diversen, immer immensen Kater äußert, nie frustriert ist ob überweigend beständiger Ebbe im Portemonnaie – es wird überdeutlich.
Tolle Gossenphilosophie. Viele alte weiße Männer flüchten sich aktuell in die Arme der AfD, weil sie nicht wiseen wohin sonst noch. Ging mir auch so. Ich mach mein kreuz bei Bukowski.
Nachtrag des Rezensenten: Sollte sich jemand darüber beklagen, dass in dieser kleinen Rezension eine eindeutige Distanzierung vom Alkohol fahrlässig unterschlagen wurde – kann mir gerne eine schriftliche Verwarnung übermitteln. Chinaski bekommt sie in diesem Roman zuhauf, gerne nehme auch ich einige davon in Empfang.

Ein Musikjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

Ein Kommentar zu “Soeben ausgelesen: Charles Bukowski – „Der Mann mit der Ledertasche“ (1971)

  1. Sybille Lengauer
    26. November 2019

    Bukowski liest sich, als würde man rotzbesoffen in einen preisgekrönten Rosenbusch kotzen, irgendwie ist es nicht zu ertragen und gleichzeitig ist es auch bizarr schön.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. Dezember 2019 von in Anderer Geister Werk, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , , .
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