David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Soeben ausgehört: Love A – „Jagd und Hund“ (2015)

lojaaa

von David Wonschewski

Ich bin mir gar nicht einmal sicher, ob man anno 2015 ein solches Albumcover, wie es Love A auffuhren, schon zu würdigen wußte. Immerhin sollte es noch gute 4 Jahre dauern bis die aktuellen Punk-Lieblinge, Idles, mit einem Brachial-Stück wie „Rottweiler“ darlegten, wo und was denn eigentich das Problem ist. Mit dem Hund, dem Herrchen, der Zivilisation. Und so.

Als „Jagd und Hund“ 2015 erschien, hatte ich Love A seit einiger Zeit bereits enthusiastisch verfolgt. Ja, obschon es eine deutsche Band ist. Und obwohl der Bandname auch nach viermal lesen und fünfmal überlegen: kacke bleibt. Angeblich hat es damit eine historische Bewandnis, mag ja sein, ist aber egal. Zweck heiligt selten das Mittel. We auch immer, eher zufällig über die Band gestolpert, war ich schnell gepackt. Das, was ich am Postpunk liebe mit deutschen Texten, die…ja die….na halt….genau. Man muss dazu sagen, das sich seinerzeit Turbostaaat natürlich schon kannte, aber ansonsten doch relative Ödnis angesagt war. Keine Ahnung hatte ich davon, dass hier eine neue Welle im Küstenanschwapp war, die von Pascow über Freiburg, die Nerven, Karies und Messer noch einiges zutage fördern würde. Und die letztlich auch Feine Sahne Fisch Filet erst ermöglichen sollte.

Das erste Album, „Eigentlich“, hatte partiell noch ein paar Spuren Fun Punk und Eindimensionalität in sich getragen, aber bereits den korrekten Sound. Der Zweitling, „Nachfolger“, hatte den Fun längst getilgt und durch desperative Isolationsemotionalien ersetzt. Bevor das vierte Album „Nichts ist neu“ Love A 2017 auf eine textlich fast schon tocotronichafte Ebene hievten, kam also 2015 dieses seltsame (aus heutiger Sicht) Übergangsalbum „Jagd und Hund“.

 Die ersten drei Stücke, die ich hörte, waren „Toter Winkel“, „100.000 Stühle leer“ und „Der beste Club der Welt“. Die ersten beiden überzeugten mich davon, dass Love A zunehmend „tiefer“ und komplexer wurden. Nix mehr mit „Freibad“ – so schön und herrlich befreiend dieses so betitelte Stück vom Debütalbum auch gewesen war. Auf „Jagd und Hund“ werden Leid und Verzweiflung sowie das immer wieder aufblitzende, unausweichbare Anspruchsdenken des Einzelnen mit größeren gesellschaftlichen Problemen vermengt. Individualität erstmalig nicht nur in der Breite, sondern in der Tiefe hinterfragt:

Man muss nicht alles mögen
Man muss nicht alles ändern wolln

Wenn man sie kennt, kann man getrost die Regeln brechen
Weil die meisten doof sind, fällts uns gar nicht schwer
Nur wer mal aufgestanden ist, der darf sich setzen
Und darum bleiben hier so viele Stühle leer

(aus „100.000 Stühle leer“)

Die Schnittstellen zwichen Fun und Anspruch, die Klebestreifen von Hass auf den Mainstream und bohrenden Fragen an sich selbst waren nunmehr kaum noch zu erkennen. Dadruch wurden die Songs weniger klar, weniger straight. Subjektiv nach Kust und Laune interpretierbar. Global-gesellschaftliche Missstände, heruntergebrochen auf die schmalen Schultern des vermeintlich kleinen Mannes, fokussiert auf dessen Wut, klar, aber  auchauf dessen Verantwortung – das macht diese Platte aus.
Sicherlich, dass mitunter von Kritikern zerpflückte „Der beste Club der Welt“ hatte und hat diese vielschichtige Klasse nicht, ja wirkt fast ein wenig wie ein Track, der wie vom Debütalbum „Eigentlich“ geklaut scheint – war aber DER Grund mir dieses Album dann doch schnellstens „in echt“ zu besorgen (zuvor hatte ich gezogengeraubt, ja nun…).

Da geht mal wieder mal das Licht an
Und alle gehen nach Hause, alle außer dir
Weil alle wissen wo sie hingehören außer dir
Du bist immer noch hier…
Laberst irgendeine Scheiße über Popkultur
Und von wegen Twitter und Fotos

Weil dein Verstand komplett im Arsch ist
Glaubst du an Gott und wahrscheinlich sogar an das System
Weil dein Verstand komplett im Arsch ist
Kaufst du ständig im Internet neues alten Scheiß

Alle wissen was genug ist, außer dir
Grenzen sind dir fremd
Alle wissen was gut ist außer dir – katastrophal

(aus „Der beste Club der Welt“)

Klar, solange man nicht ahnt, dass der Protagonist hier nicht auf andere schimpft, sondern über sich selbst singt, wirkt das wie die erste Geeneraton von Billig-Aggo-Plastk-Punk, wie John Lydon (Johnny Rotten) ihn persönlich seinen eigenen Sex Pistols unterstellt hat. Allerdings höre ich Love A auch nicht als eine „wir sind gut und haben es gepeilt und alle anderen nicht“-Combo. Sondern nehme in jedem Track auch Selbstzweifel wahr, den Schmerz etwas ändern zu wollen, es aber irgendwie nicht auf die Reihe zu kriegen. Keine echte Handhabe über das eigene Schicksal zu haben.
Gut möglich, dass ich an dem Punkt danebenhaue, aber für mich sind die meisten Stücke – und da kann noch so oft die zweite Person Singular oder Plural als textlicher Ansprechpartner bemüht werden – eigenfokussiert. Und Himmel, trifft der beste Club der Welt zu. Und zwar vor allem auf 90 Prozent aller Hipster, Indies und sonstwas. Und vor allem: in Teilen auch mich.

Ich steh auf Tritte ins Hinterteil. Und den, den Love A mir mal mit „Jagd und Hund“ 2015 verabreichten, den habe ich mit Sicherheit gebraucht. Aber sowas von. Dank nach Trier.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 3. Dezember 2019 von in Anderer Geister Werk, Nachrichten, Soeben ausgehört und getaggt mit , , , , , , , , , , , .
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