David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Soeben ausgelesen: John Lydon – „Anger is an Energy. Die Autobiografie von Johnny Rotten.“ (Musikbiografie, 2015)

Anger is an Energy von John Lydon

von David Wonschewski

Wer, so wie ich, vor allem über Public Image Limited to John Lydon gefunden hat (und nicht so sehr via Sex Pistols), für den ist diese Biografie ein mittelgroßer Segen. Zumal es so wahnsinnig viel Lesbares bekanntlich nicht gibt zum Thema PostPunk.
Sicherlich, ab und an beschleicht einen bei der Lektüre durchaus das Gefühl, dass John eben doch nicht nur von anderen in diese „Punk-Biest“-Formatfalle gelockt wurde, sondern dieses Image auch mit Stolz vor sich herträgt und so einiges dafür tut, es bloß nicht verblassen zu lassen. Und so fällt bei aller bewunderns- und wirklich lesenswerten schonungslosen Offenheit aus, wie widersprüchlich, stur und eigensinnig Lydon ist. Und immer wieder auch: selbstgerecht. Wer so viele Bandmitstreiter über die Jahre verloren hat wie er und nun offensichtlich einiges daran legt als Gründe dafür vor allem DEREN Geldgier und Faulheit und permanenten Vertrauensbruch auszumachen, der offenbart damit einen Eigensinn und einseitige Sichtweise, mit der wohl wirklich schwierig umzugehen ist in einem Bandgefüge. Zumal man im Buch auch immer wieder auf Widersprüche stößt, wenn er z.B. Public Image-Gründungsmitglied Keith Levene als jemanden hinstellt, der durch seine Drogen- und Spielsucht faul und lethargisch wurde, später dann aber erwähnt, wie sehr ihm die vielen Ideen und Vorschläge Levens auf den Senkel gingen. Na was nun? Lydons kreative Ideen waren, so lernen wir also, immer gut und ziehlführend. Die von Levene und anderen Mitstreitern: für die Tonne.
Das alles tut dem Lesegenuss jedoch keinerlei Abbruch, der Mensch als solcher ist widersprüchlich und Lydon plappert so großartig von der Leber weg, dass man ihm diverse Selbstbeweihräucherungen und Rechtfertigungen, ja sogar die unsagbar vielen hooliganesken Prügeleien und gerichtlichen Auseinandersetzungen schmunzelnd verzeiht.
Ich persönlich lese subjektiv gefärbte Texte viel lieber als solche, die so tun als könnten sie eine sonstwie geartete Objektivität transportieren. „Anger Is An Energy“ ist so besehen ein fulminante Selbstentlarvung, de so gut funktioniert, weil Lydon a) bei aller Selbstgerechtigkeit immer geradeaus spricht und er es sich b) durch all seine riskanten Unternehmungen diverser Art einfach leisten kann sich ein wenig aufzuspielen. Man nimmt es ihm einfach ab, es ist keine Rolle.
Und so sind es vor allem die kleinen Nuancen, die dieses Buch zu einem großen Gewinn machen. Wenn er, der englische Arbeiterklassenrüpel par excellence, beispielsweise erzählt, wie gerade er im sonnigen und oberflächlichen Los Angeles landen konnte. Warum er sich gerade in Kalifornien sein Gebiss neu hat machen lassen. Oder dass er dort, in der Sonne, am Meer, in FlipFlops und kurzen Hosen rumrennt – und feststellt, dass niemand in diesem Outfit wütend, schon gar nicht punkig werden kann. Und stattdessen lieber zehn Jahre damit „vertut“, Kinder großzuziehen, die gar nicht seine eigenen sind.

Über 600 Seiten. Und man liest es ratzfatz durch. Und, das allerwichtigste: parallel hört man in die Pistols- und PiL-Scheiben rein, sucht sich die diversen im Buch erwähnten YouTube-Clips aus alten Zeiten heraus, zieht sie sich rein. Und bekommt so nebenbei – der musikhistorisch wichtigste Aspekt – ein Gefühl dafür, warum gerade die Gallionsfigur des Punk die eigene Szene verlassen musste. Um so etwas Großartiges wie den PostPunk zu entwickeln.
Nein, so schlecht wie Lydon ihn macht, ist Punk natürlich nicht. Und auch in Platten von THE CLASH darf man getrost weiter hören, so ab und an.

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