David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Soeben ausgelesen: Lukas Bärfuss – „Hagard“ (2017)

bärhag

von David Wonschewski

Hat man, so wie ich, selbst einen Stalker-Roman vorgelegt („Zerteiltes Leid“, 2015 – mehr Infos: HIER), so endet die Faszination für derlei psychisch verworrene Sujets selbstverständlich nicht. Im Gegenteil: Wie und warum manche zu Stalkern werden und andere eben nicht, ich gebe zu, den Grund habe ich bis heute nicht gefunden. Wüsste ihn aber verdammt gerne. Auch der 2019 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete Dramaturg, Essayist und eben Literat Lukas Bärfuss begibt sich in „Hagard“ auf die Suche nach dem Grund aller Gründe für ein Verhalten, das doch nachweislich niemandem nutzt, keinen Gewinner, nur Verlierer hervorbringt.

Zunächst, so viel Spitzfindigkeit muss sein, ist „Hagard“ kein Stalker-Roman. Was wohl auch der Grund ist warum der Begriff „Stalker“, so viel Ehrlichkeit muss ebenfalls sein, nicht auftaucht in Klappentext, im Buch, auf dem Buchrücken. In Besprechungen jedoch oft genannt, oft haltlos in die Luft geworfen wurde. Aus Unkenntnis oder aber weil das Wort so modern-skandalös wirkt – niemand weiß es. Um „Hagard“ zu begreifen, ist es jedoch wichtig den Unterschied zu kennen, zu wissen, was Stalking „ausmacht“ – und „Hagard“, bewusst, nicht liefert. Allen voran zwei Bestandteile des Stalkings sind es, denen sich der Schweizer Bärfuss in seiner Erzählung konsequent verweigert: denn zum einen ist Stalking etwas, was sich über einen langen, vielleicht gar sehr langen Zeitraum abspielt. Und zum anderen braucht ein jeder Stalker über kurz oder lang das Gefühl, von der Gestalkten Person gesehen, gekannt, schlussendlich vielleicht sogar gefürchtet zu werden.

All das bietet Philip, der Protagonist in „Hagard“ nicht. Philip ist ein Endvierziger, der, wie man so nett sagen könnte, in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Er könnte reicher sein, aber geht schon. Er könnte erfolgreicher sein, aber läuft. Er könnte auch schöner sein, aber, nunja, Endvierziger halt. Passt schon. Philip ist weder frustriert noch verzeifelt. Er ist nicht einsam und null am Arsch. Er steht nur einfach irgendwann in enem Warenhaus an der Kasse, schaut im falschen – oder richtigen – Moment in die falsche – oder richtige – Richtung. Sieht einen Rock und blaue Ballerinas entschwinden. Und denkt sich: Hinterher. Nicht glotzen, so wie es Männer zu eigen ist, ihnen als Verhaltensstempel von Mutter Natur in die fehlerhafte Genetik gehämmert worden ist, nein. Philipp läuft ihr hinterher. Warum er das tut wissen wir nicht. Wir denken uns unseren Teil, denken, dass es schon irgendwas mit unheiligen Gedanken und fortgeschrittenem Sabbertum zu tun haben wird. Hat es vielleicht auch und „Hagard“ wäre zu einer verdammt unappetitlichen Angelegenheit geworden. Dafür ist einer wie Bärfuss aber natürlich psychologisch zu bewandert, zu interessiert. Und schaltet einen Ich-Erzähler ein, einen Mann ohne Namen, offenbar mit Philipp bekannt. Der versucht diese seltsame Episode zu rekonstruieren. Zu verstehen, was denn der echte, der wirkliche Grund ist. Warum sich rechtschaffene, zuverlässige, zufriedene Männer, Menschen (Menschen, Männer) für einen solche durch und durch zum Scheitern verurteilte Nonsensaktion entscheiden.  Und in exakt diesen Momenten ist Bärfuss, ich gestehe es neidlos an, richtig stark. Zäumt er das ganz große attitüdenphilosophische Lebenszossen auf. Denn Philip hat das Gesicht der Frau, der er da so hingebungsvoll folgt, noch gar nicht gesehen. Schlimmer noch, der großstädtische Pulk der Massen bedingt es, dass er sich plötzlich gar vor ihr wähnt, weiß, dass nun vielleicht sie es ist, die ihn sieht :

„Und als er bemerkt, wie sie ihre Füße auf das Band setzt, mit einer kleinen Verzögerung, um den richtigen Moment zu erwischen, die Mitte einer Stufe, dieser Tanzschritt, den sie vollbringen muss, als er spürt, wie sie da ist, zur Ruhe gekommen ist für diesen Moment, von der Maschine erfasst, dieser Mechanik aus Rolle und Klappstufen, in dieser einen Bewegung, die Rechte schon auf dem Laufband, als er die Gelegenheit hat, den Preis für die fünfzehn Stunden einzuheimsen, als er sich umdrehen könnte nach ihr und sich erlösen, da bleibt er reglos stehen. Starrt nach oben. Er will sie sehen, ja es gibt nichts, was er sich sehnlicher wünscht. Ein Dutzend Stufen noch bis zum Ende der Rolltreppe. Er sollte sich jetzt umdrehen, bald ist die Gelegenheit vorbei. Er fährt. Regt sich nicht. Was wird sie jetzt von ihm denken? Sieht sie ihn? Ohne Schuh? Wird sie ahnen, dass er den ihretwegen verloren hat? Oder hält sie ihn einfach für einen Verrückten, einen der Abgerissenen, einen Auswurf der Stadt? Wie nah sie sich sind und wie entfernt. Dreh dich um. Erlöse uns. Du wirst wissen mit welchem Blick sie die Welt betrachtet. Und falls sie dir gefällt, dann sprich sie an. Und wenn sie dir nicht gefällt, geh deiner Wege. Darum geht es doch. Sie sie an, um Gottes willen. Was ist auch dabei? Aber du kannst nicht. Du hast Angst. Angst vor ihrem Blick. Dass sie es nicht wert war. Die letzte Nacht. Die Verfolgung. Solange sie ein Geheimnis bleibt, solange kannst du glauben.“

Wow. Fragte man mich nach der besten Passage, die ich 2019 gelesen habe, es wäre wohl diese, bisher. Und Bärfuss hat mehrere davon. Klar, es bedeutet mir was, weil mich das Sujet schon vorher gepackt hat. Und eventuell auch, weil „Hagard“ oftmals – aus den Augen eines halbwegs Bewanderten – etwas blass bleibt, fast tumb. Und dann der Gegensatz umso mehr, so plötzlich nicht heraussticht, sondern donnert.

Dass Lukas Bärfuss ein erfolgreicher, sich gut verkaufender Autor ist, hat natürlich auch was mit seiner Mischung zu tun, die er dem Leser verabreicht. In „Hagard“ vermengt er, leider, gute Literatur sehr großer Gedanken mit mitunter etwas plumpem Spannungs- und Effektkino. Philip steht vor ihrem Haus, Philip steht in ihrem Hauseingang, Philip weiß nicht, ob der Zwei-Meter-Hüne neben ihr ihr Mann ist. Phillip kriegt auf die Fresse, man macht sich lustig über Philipp. Philip kann sich nix zu essen mehr leisten, Philipps Handy, letzter Kontakt zur echten Welt,  hat noch 27%, hat noch 15% hat noch 3% – und aus. Achja und Philip verliert einen Schuh, läuft einen gefühlten haben Tag also auf einer Socke durch die Stadt, findet als Ersatz dann nur ne Puschelpantoffel in Form eines süßen Nagtiers, links also Herrenschuh, rechts: Hihi, Huhu, Hoho.

Schon klar, der erfolgreiche Herr, der im Business-Outfit auftaucht, nur unten rechts halt, hihi, ne Nagetier-Pantoffel anhat. Symbolisch, symbolisch. Parodie, Parodie. Hat einer wie Bärfuss, als hochgeschätzter Dramaturg aber gewiss nicht nötig.Und naürlic kann man sich auch das zurechtdeuteln: Die wirklich Irren sind eben nicht die, die bei einer Saufmutter und einem Brutalo-Vater aufgewachsen sind und frisch aus der Klapper kommen. Es sind Typen wie Philip. Und so wie bekanntlich jeder – jeder! – zum Mörder werden kann, wenn die Situation es hergibt, kann auch jeder zum idiotischen Verfolger werden. Es kann jeden treffen, jeder kann Opfer, jeder kann Täter sein, auszusuchen gibt es da nicht viel, der freie Wille ist ein Sklave des Zufalls. Das scheint mir die eigentliche Message von „Hagard“ zu sein.

Und das bleibt tatsächlich ein wenig hängen von der Lektüre: Das sman den ehrlichen, kompromisslosen Bärfuss nur auf Theaterebene erleben kann. Er in Romanform aber gewiss den kommerzielen Zwängen einer von Leichtgewichten wie Fitzek und Schätzing fehlgeprägten Anspruchshaltung erliegen muss.

Vielleucht bin ich da aber auch naiv. Vielleicht ist auch Theater, wo ich mich null auskenne, längst eine Nutte.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

2 Kommentare zu “Soeben ausgelesen: Lukas Bärfuss – „Hagard“ (2017)

  1. davidwonschewski
    14. November 2019

    Hallo, Jens: mein Buch oder dem ..ehm, Lukassens Buch? Danke auch fürs Lesen, freut mich. In der Tat sprichst du, evtl unbewusst aber was an: ich bin ja Musikjournalist und da hilft man sich noch mit Sternewertung aus, so wie bei Amazon: 5 Optimum, 1 Grütz. Die Spex hat das damals als erstes gelassen, naja, den rest kennen wir: die SPEX gibt es nicht mehr;-) Das weiß aber eben kaum einer in diesen Zeiten.

  2. guteshoerenistwichtig
    14. November 2019

    Ok, danke hierfür, fein zu lesen, wie immer. Und das Buch?! Hm. Ich bin jetzt unsicher, ob es sich lohnt.
    Herzlichst,
    Jens

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