David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Liedermacher-Rezension: Götz Widmann – „Sittenstrolch“ (2017)

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von David Wonschewski

Nein, die Mühe sich mit jeder Neuveröffentlichung auch ein Bündel neuer Themenfelder zu erschließen, die macht sich Götz Widmann nicht mehr. Vaterlands-, System- und Männerschelte, Frauenrechte, Multikultur und Friedenssuche. Dazu: kleine Poesie, mittlerer Rausch und großer Wahnsinn – all das findet sich seit jeher auf seinen CDs. Und ist auch der Treibstoff, der ihn auch auf „Sittenstrolch“, Widmanns Solo-Studioalbum Nummer sechs, ganz gut am Hecheln hält. Das mag sich aus der Ferne nicht zu Unrecht als Phlegma schimpfen lassen, vielleicht, auch Widmann zählt mittlerweile seine 51 Lenze, gar als Altersstarrsinn. Ein Vorwurf, der sich bei genauerem Hinsehen nicht lange aufrechterhalten lässt, geht Widmann seine Lieblingssujets doch nicht nur immer wieder neu, sondern zunehmend inbrünstiger und kompromissloser an. Atemloser. Ein brachialer Reiz, der auch schon die Vorgängerplatte „Krieg und Frieden“ in Ansätzen durchzog. Auf „Sittenstrolch“ nun jedoch erst vollends zu Geltung kommt.

Als stellvertretend für diese auch musikalisch spannende Entwicklung dürfen das punkige „Durchdrehn“ und der, tja, Speedrocker „Digitaler Burnout“ stehen. Zwei Lieder, die für einen Liedermacher von Widmanns Klasse in textlicher Hinsicht beängstigend wenig zu bieten haben. Doch genau das, Widmann hat es begriffen wie kaum ein Zweiter, gar nicht dürfen. Denn jene verbal eh nicht zu artikulierende Sehnsucht nach geistigem Zerfall und zivilisatorischer Selbstzerstörung, die den an der Schwelle zum mentalen Overkill stehenden modernen Menschen immer öfter umgreift – selten hat ein Liedermacher diesen Wunschwahnsinn mit derart wenig Mitteln so frappierend auf den Punkt gebracht wie er es hier tut. Zwei genre-untypische Partybretter, die fraglos als Albumhighlights und kommende Konzertkracher durchgehen. Und in dieser Eigenschaft sogar den Zuwanderungs- und Integrations-Opener „Latina“ in den Schatten stellen, der all das vereint, was man von Widmann erwartet, weil kennt: ein auch ohne Unterstützung von Joints oder Bier adhoc zündender Billig-Refrain („La-la-lalala-Latina, La-la-lalala-Latina“), der sich verschlagen und respektvoll zugleich beim Schlager der siebziger Jahre bedient. Derweil Widmann im Text zum zwar x-ten Male das von ihm erhoffte gute Zusammenleben von Ausländern und Deutschen thematisiert, exakt dafür aber auch zum x-ten Male einen ganz neuen Ansatz findet.

„Was mich an unserer Praxis im Moment am meisten stört

Eine Sache finde ich so skandalös und unerhört

Wir lassen viel mehr Männer als Frauen bei uns rein

Das ist schief Leute, ich sag es euch, das kann einfach nicht sein

Ich als deutscher Mann fühl‘ mich dadurch diskriminiert

Meine Chancen bei den Damen werden dramatisch reduziert

Alles knackige, junge Kerle unter 30 ist echt nicht fair

Geschlechtsgerecht ist das eh schon lang nicht mehr

Deswegen, was jetzt für unser Land das Allerbeste wär,

wären eine halbe Millionen Latinas – eingeflogen von der Bundeswehr“

Es ist genau dieser kreative, hochgradig zynische Ansatz Widmanns, immer wieder auf moralisch fragwürdige Weise querzudenken, sich selbst für keine Wendung zu billig zu sein und gerade dadurch unkonventionelle Lösungsmethoden für gesellschaftlich kaum zu bewältigende Konfliktherde aufzuzeigen, die ihn gerade beim jungen Publikum zu einem der beliebtesten Liedermacher unserer Zeit haben werden lassen. Der Künstler als Zielscheibe, bereit zum Abschuss: fotografisch dementsprechend auch auf dem Albencover von „Sittenstrolch“ festgehalten. Ein fieser Ohrwurm und somit fast schon prototypisches Widmann-Bonbon, dieses „Latina“, das seine prominente Stellung im Songreigen letztlich jedoch auch der Tatsache zu verdanken haben dürfte, das es bei aller Klasse, mit Verlaub, sang- und klanglos abkackt gegen ein themenverwandtes, wesentlich leiseres und nicht zuletzt dadurch explosiveres Lied: „Burkiniqueen“. Keineswegs romantisch verklärt, wie Widmann sich hier an das verkorkste Frauenbild des Islam heranpirscht, sich schlussendlich bereitwillig einfangen, überzeugen lässt. Einzig einem Franzosen namens Houellebecq („Unterwerfung“) ist es wohl zu verdanken, dass die Lust Widmann unmittelbar die Visage dafür zu zerschinden sich nicht mehr ganz so arg Bahn brechen möchte.

Recht hübsch, aber weniger überzeugend sind die im gehüpften Reggae-Takt daherkommende Faulheitshymne „Jackpot“, deren schmale Spermien-Pointe schon im Woody Allen-Klassiker „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten…“ gar nicht mal so lustig war sowie „Femina Superflower“, das als unnötiger FollowUp des Widmann-Klassikers „Wie ich eine Frau war“ aufgezogen ist. Das von einem flotten Klimperpiano davongetragene Liebeslied „Schlimm“ besticht kaum durch seinen Text, dafür umso mehr durch seine Machart. Eine Machart, die neben eben jenem so entzückend treibenden Klavier Widmanns mit dem Alter immer ausgeprägter werdendem Verlangen Rechnung trägt Frauenstimmen in seine Produktionen einzubauen.

Last but not least nicht unerwähnt bleiben sollte das fabel-hafte „Der Fuchs und der Pfau“, dem nicht nur auf „Sittenstrolch“, sondern in Widmanns gesamtem Oeuvre eine Sonderstellung zukommen dürfte. Ein Stück, das sich nicht so recht einfügen will in den Fluss des Albums, nach den ersten Hördurchgängen gar ein wenig unausgereift, nicht zu Ende geschrieben klingen will. Und doch: haben wir Widmann jemals ähnlich brutal resigniert über das Leben singen hören? Haben wir uns bei einem Widmann-Song jemals ähnlich stark gewünscht, dass es aus jemand anderes Feder stamme?

 

 

 

Ein Kommentar zu “Liedermacher-Rezension: Götz Widmann – „Sittenstrolch“ (2017)

  1. sunnymoeller
    3. Mai 2017

    Das ist schief, Leute! Herrlich! ❤

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