David Wonschewski | Autor

Lied- & Literaturjournalist – Romancier – Bedenkenträger

Soeben ausgehört: Bruce Cockburn – „Life Short Call Now“ (2006)

colife

von David Wonschewski

Das Singer/Songwritertum braucht anno 2006 eine neue graue Eminenz. Jemanden, der gut drei Jahre nach dem Tod eines Johnny Cash endlich dessen Position einnahm. Diese Position zumindest theoretischer Unfehlbarkeit. Und dieses ‚dem macht niemand mehr etwas vor‘-Gefühls.
Als wohlgemeinter Vorschlag konnte da (und kann bis heute) Bruce Cockburn herhalten. Erfahren und vor allem engagiert genug wäre der Kanadier auf jeden Fall. Seit gut fünfzig Jahren setzt sich der Mann für Frieden und Umwelt ein und das mit einer Kontinuität, die ihresgleichen sucht. Und so erschien 2006 mit ‚Life Short Call Now‘ gar sein 28stes Album. Und das war gleich einmal wieder äußerst ambitioniert. Anno 2004 nämlich reiste Bruce persönlich nach Bagdad, um sich ein eigenes Bild von dieser Stadt zu machen, von derem grauenvollem Chaos und Elend uns tagtäglich die Nachrichtensendungen berichten. Seine Eindrücke dieser Stadt sowie daraus entstandene Meinungen und Mahnungen finden sich immer wieder mal auf dem Album, am plakativsten und unmissverständlichsten jedoch wohl in den Songs ‚This Is Bagdad‘ sowie ‚Tell The Universe‘. Während ersterer in vorderster Linie eine erschreckende Zustandsbeschreibung ist (‚Everything’s broken in the birthplace of law‘) wird ‚Tell the Universe‘ zu einem Song mit bitterer Allgemeingültigkeit, eine Anklage an alle von persönlichen Defiziten getriebenen Wirrköpfe in Politik und Militär: ‚You’ve been projecting your shit at the world/ Self-hatred tarted up as payback time/ You can self-destruct that’s your right/ But keep it to yourself if you don’t mind‘. Das Bruce dabei niemals ins Besserwisserische abdriftet, sondern es schafft den von ihm Angeklagten unablässig ins Gewissen zu reden bis sie womöglich von selbst ihr schändlich Handeln begreifen – das ist die ganz große Kunst des Bruce Cockburn.
Doch es wäre absolut zu kurz gehüpft, in ‚Life Short Call Now‘ nun ein ausschließlich politisch und sozialkritisch anspruchsvolles Album zu sehen. Denn Cockburn versäumt es neben aller intellektuellen Beanspruchung nicht, auch gleichermaßen Herz und Seele anzusprechen. Hervorragende Beispiel dafür sind das wunderbare ‚Mystery‘ oder auch der Song ‚Beautiful Creatures‘ – beides Beispiele dafür, dass Cockburn auch einer dieser Singer/Songwriter ist, in die man sich nur allzu gerne hineinlegen möchte.
Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben sollte auch ‚Peace March‘ – ein Instrumentalstück. Denn auch manch musikalischer Laie dürfte hier erkennen, was den Meister neben gelungenen Melodien und anspruchsvollen Texten ebenfalls seit Jahrzehnten auszeichnet: sein meisterhaftes, fingerpickendes Spiel auf der Akustikgitarre. Wo andere nur spielen, setzt Cockburn Akzente, dribbelt hier, dribbelt dort und schlägt manch wunderbaren Pass.
Ein stilles und zugleich großes Album eines Mannes, der es schon lange nicht mehr nötig hat zu schreien, um gehört zu werden.

Das Video da unten ist im Übrigen ein tolles Beispiel dafür, dass die teuersten Konzertplätze mituner auch die Unmöglichsten sind. Oder andersherum, ha.

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