David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Tote, Vermisste und Germanistik. Soeben ausgelesen: Roberto Bolaño – „2666“ (2004)

robbol26

von David Wonschewski

Roberto Bolaño habe „2666“, sein wahrlich epochales mehr als 1000seitiges Überwerk, im Angesicht des eigenen Todes geschrieben, so erfahren wir im Vorwort. Also habe er jede einzelne ihm verbleibende Minute noch zum Schreiben nutzen wollen, bevor er 2003 mit gerade einmal 50 Jahren an einer Leberzirrhose verstarb, zuvor vergeblich auf eine Organspende vergeblich gewartet hatte, so lesen wir.
Nun, verstorbenen Menschen buht man bekanntlich schon generell höchst ungern hinterher, derart talentierten wie Roberto Bolaño dann noch viel weniger gerne. U
nd doch darf und sollte der Gedanke geäußert werden, dass „2666“ vor einem freudigeren Autorenablebungshintergrund unter Umständen weniger gefeiert worden wäre.
Dass von Bolaño noch Großes zu erwarten gewesen wäre, das steht außer Frage. Allein der erste Teil (betitelt als „Der Teil der Kritiker“) seiner in fünf Teile aufgegliederten Mammuterzählung ist auf sämtlichen literarischen Ebenen ein derartiger Hochgenuss, dass…ja dass man sich fragt, warum er diese Erzählebene verlassen, vier weitere Ebenen finden und das Ganze ein wenig notdüftig mit einer vermeintlichen Gesamtklammer versehen musste, die alle Teile irgendwie zusammenhält, allem irgendwie einen Zusammenhang geben soll.
Diese Frage bleibt Frage, die ihr zugrunde liegende fade Vermutung nichts als fade Vermutung. Doch der von Bolaño persönlich geäußerte Wunsch, dass „2666“ eines Tages als fünf einzelne Bücher erscheinen möge – und eben nicht als der Wuchtbrocken, der es nun ist – ist nachvollziehbar, seine Realisierung hätte dem Werk gut getan. Denn so wächst kaum einnmal zusammen, was im Ursprung vielleicht eh nie zusammengehört hat, womöglich fünf eigenständige Romanfragmente gewesen sind, für die dann eben flugs ein gemeinsamer Nenner als Spachtelmasse herbeigehirnt wurde. Als der reale Tod nahte, die Zeit knapp wurde.
So grandios und furios der erste Teil erzählt ist – vier Germanisten aus vier Nationen widmen ihre Forschung einem geheimnisvollen deutschen Autoren, dem sie kaum auf die Schliche, sich gegenseitig dafür immer näher kommen – so überflüssig erscheinen weite Strecken der anderen Teile. Vor allem der fast 400-seitige vierte Teil, „Der Teil von den Verbrechen“, weiß unsagbar zu enervieren, da hier nicht viel mehr passiert als das zwei (drei? vier?) Dutzend weibliche Leichenfunde ein wenig beschrieben und mit einer beinahe ebenso großen Menge an Kommissarennamen zu einem „weder spannend, noch einfallsreich“-Brei vermatscht werden. Wer derart enevieren und unnötig Leiche an Leiche reiht, sollte auf 1100 Seiten noch eine feine Message in petto haben. Und sei es auch nur Frauenrechte im Generellen, wozu der Roman punktuell durchaus Gelegenheit gibt. Leider lässt Bolaño diese Chance aber liegen und mäandert weiter. Und weiter. Und immer weiter.
Fünf einzelne Bücher, doch, das hätte den einzelnen Erzählungen weniger dem Zwang unterworfen in Summe so richtig Sinn zu ergeben.

Aber vielleicht, nein: offenbar, hat genau dafür dann eben doch die Zeit gefehlt.

Ein Jammer? Der menschliche und literarische Verlust ja, gewiss. Was „2666“ betrifft wäre etwas mehr Mut von Seiten des Verlags ausreichend. Es benennen als das was es ist. End- und Resteverwertung sowie Reputationssicherung eines Hochtalentierten.

Hat geklappt.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

Ein Kommentar zu “Tote, Vermisste und Germanistik. Soeben ausgelesen: Roberto Bolaño – „2666“ (2004)

  1. finbarsgift
    26. August 2019

    2666 hab ich als nächstes Buch in meiner Lesepipeline …
    Nun kann ich mich wohl auf den ersten Teil beschränken.
    Dankeschön für diese wichtige Info!
    LG vom Lu

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. Januar 2020 von in 1950 - 2018, Anderer Geister Werk, Soeben ausgelesen und getaggt mit , , , , , , .
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