David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Soeben ausgehört: Tindersticks – „No Treasure But Hope“ (2019)

tindersticks-no-treasure-but-hope

von David Wonschewski

Ach, najanaja, dass die Tindersticks „nie ein schlechtes Album aufgenommen“ oder rausgebracht haben, wie das Plattenlabel so gerne aus einer etwas älteren CD-Besprechung zitiert, das möchte ich als „Fan der ersten Stunden“ (also aus den, uha, 90ern nochschon…) zwar gerne glauben, ist aber selbstredend quark. Nachdem Violinist Dickon Hinchliffe 2006 von Bord ging, suchte die Band aus Nottingham relativ vergebens und verwirrt nach neuen Ausdrzucksformen und „The Hungry Saw“ von 2008 hätte man sich getrost sparen können. Seit „Falling down a Mountain“ (2010) geht aber wieder enorm nach oben und nun also: „No Treasure But Hope“.
Nein, so dermaßen wie zu Beginn Ihrer Karriere schlagen die Mannen um Chef-Grummler Stuart A. Staples bei mir nicht mehr ein, was jedoch, seien wir ehrlich, gleichermaßen an den Tindersticks wie an mir selbst liegen wird. So ein Kunstgenuss ist schließlich selten eine Einbahnstraße und wer so viel gehört hat wie ich in den letzten knapp 20 Jahren wird das Gefühl kennen: so richtig umhauen kann einen nichts mehr. Und irgendwie war doch alles schon mal auf irgendeine Wesie da.
Hier widerum setzen die Tindersticks im, sagen wir ruhig Spätherbst Ihrer Karriere an, denn „No Treasure But Hope“ ist so wunderbar relaxed, so unfassbar reif und, ja, gediegen in allerbester Form, dass alt zu sein oder auch nur so allmählich zu altern sich ziemlich gut anfühlt. Wie guter Wein war die Musik der Engänder schon immer, Stücke wie „The Amputees“ und „Pinky In the Daylight“ helfen dem in die Jahre gekommenen TIndersticks-Connaisseur jedoch das Gefühl zu erlangen, die rote Edelplörre nicht nur hingebungsvoll saufen, sondern selbst keltern zu können. Denn früher, da hatten die auch als Soundtrack-Zulieferer geschulten Tindersticks stets Songs, zu denen man sich kinosesselmäßig zurücklehnt, um an einem Drama, einer Tragödie, hin und wieder gar eine Komödie beizuwohnen. All das ist fort, die Tindersticks stehen mit diesem neuen Album nicht mehr auf der Bühne, erzählen uns keinen mehr vom „Donkey“, wie man in Anlehnung an eine frühe Liedsammlung und ein Albumcover sagen möchte. Die Tindersticks erzählen mir zum ersten Mal von mir, meinen gemäßigtem Mittelklasse Leben. Da wird keiner mehr raus gehauen, da verabredet man sich nicht mehr zum ganz großen Ding. Nein, da wird unaufgeregt eingeladen. Und in einer der schönsten, beglückendsten Textzeilen des ganzen Albums einfach nur gesungen: „I told you, I told you, I told, I miss you sooo bad.“.
Scheiße ist das ehrlich, ist das nah. Ich krieg, keine Ironie, fast das Heulen.

Aber nur fast!

Platte der Woche (mit ausführlich-detaillierte Besprechung) war das feist-langsame Teil im Übrigen auf DIESER von mir hochgeschätzten Klangseite.

Reinhörgelegenheit:

3 Kommentare zu “Soeben ausgehört: Tindersticks – „No Treasure But Hope“ (2019)

  1. Call Me Appetite
    26. November 2019

    und ja, ich glaub das gehört zum Älterwerden,, das alles schon gehört zu haben und dem Weghauen. Ich hab damals die Tindersticks in meiner Sturm und Drang-Phase kennengelernt. Erster Liebeskummer etc etc.. Generell fühlte sich die Musik damals anders an. Trotzdem, das neue Album gefällt mir wahnsinnig gut. Ins Kissen weine ich nicht mehr, dafür gibts viel Rotwein dazu… Grüsse aus Zürich, CMA

  2. davidwonschewski
    26. November 2019

    Großen, vor allem aber vielen Dank;-)

  3. Call Me Appetite
    26. November 2019

    schön geschrieben!

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