David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Soeben ausgehört: Die Arbeit – „Material“ (2020)

diearmat

von David Wonschewski

Mit dem PostPunk im Generellen und dem deutschprachigen PostPunk (ab sagen wir 2012) im Speziellen ist das ja so eine Sache. Entweder man verfügt wie Pere Ubu, Talking Heads, P.I.L., Fehlfarben oder Der Plan über genug musikalische Klasse, Wahnsinn und Kreativität, um über diverse Jahre hinweg immer wieder Ton- und Spielart zu variieren, etwas aus dem Hut zu zaubern, was man so noch nie gehört hat: oder aber es stumpft sich schnell ab, wird fix öde. Die PostPunk-Geschichte ist voll von wahrlich grandiosen Bands, deren Feuer nach maximal 1-2 Alben jedoch verschossen war. Wie auch das Genre, vielleicht durch den minimalistisch-strengen Grundansatz, sich selbst wie es scheint nach 2-3 Jahren Hype ganz gerne mal eine 5-10jährige Auszeit verordnet.
Im Grunde befinden wir uns derzeit in einer solchen Auszeit, junge deutschsprachige Heroen wie Karies, Nerven und Messer haben auf ihren frischen Alben erstmal Abstand genommen von dem engen PostPunk-Korsett, haben alle drei Alben veröffentlicht, die fast schon lässig, fast schon sommerlich klingen. Mit Erfolg, wie ich persönlich finde, bevor Musikern und Fans miteinander ein wenig langweilig wird, wurde merklich am Stimmungsregler gedreht.
Und nun kommen also „Die Arbeit“ aus Dresden und bieten deutschsprachigen PostPunk, der in derart dunkelgrauem Gewand daherkommt, dass man fast mit einem großen Gähnen sagen möchte, dass das ja wohl mal „totaaal 2015“ ist. Um hintenanzufügen, dass totgerittene Pferde auch mit Gewalt nicht mehr zu bewegen sind, man den „ach wir sind ja so desillusioniert und wütend zugleich“-Zossen doch mal im Stall ausruhen lassen darf.
Kurzum: gut, dass Die Arbeit genau das nicht getan, noch einmal die Reitgerte ausgepackt haben. Und mit „Material“ immer draufhauen auf den Gaul. Womit ich die schale Perdebilderebene auch verlassen und kundtun möchte, dass „Material“ neben dem neuen Album von Messer das für mich beste deutschsprachige Album des bisherigen, gar nicht mehr so frischen Jahres ist.
Wie Die Arbeit es so verspätet noch einmal hinbekommen mittels eigentlich angestaubter Mittel Überrschung und Begeisterung zu entfachen ist gar nicht einmal so einfach zu dechiffrieren. Das mag zunächst einmal daran liegen, dass die Texte bei genauerer Betrachtung gar nicht einmal so wütend sind, sondern sich eher zwischen Poesie und, tja, Mystizismus bewegen. Das Ganze aber eben nicht in der luftig-pseudoromatischen Machart, sondern, Band- und Albumname sowie der Ziegelstein auf dem Albencover kündigen an, mit der Mühseligkeit menschlicher Existenz spielen. Das ergibt selten Geschichten, dafür aber ein faszinierendes Füllhorn an Satzfetzen, über die man nachdenken möchte: „Ist es Sonne oder Mond, ich bin die Zeiten nie gewohnt. Frag‘ mich nicht nach Ironie, keine Zeit dafür, ne“ heißt es beispielsweise in „Keine Zeit für Ironie, einem Song so klirrend kalt, so schattig düster, so unsagbar monoton auf der Stelle tretend, dass es schier unfassbar ist, dass das Quartett das Stück zu einem Refrain getrieben bekommt, den man einfach nur glückbeseelt mitsingen will, in die Höhe gereckte Faust und minimale Gänsehaut inklusive.
Vielleicht ist es auch genau und einfach nur das was „Material“ zu enem solch großen Wurf macht: Es ist eine Ansammlung von T-Shirtkompatiblen Sprachfetzen wie man es ansonsten bestenfalls von Tocotronic kennt („Genieße dein Problem“, „Träume enden nicht am Himmel“) und bietet bei aller zur Schau gestellten Sperrigkeit nichts weniger als Verzweifulungsohrwürmer. Melodiesprengsel, die sich im Schädel festsetzen, Sekundenkurze Tonmomente, in denen man nach gebanntem Sitzen und Lauschen aufspringen und ausbrüllen möchte.
Während wir nicht im Indie-Bereich, es gäbe ein schmissiges Wort für derartige Songs. Es lautet: Hits.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 14. März 2020 von in Nachrichten, Soeben ausgehört und getaggt mit , , , , , , , , , , .
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