David Wonschewski | Autor

Kulturjournalist – Romancier – Misanthrop

Grauseliges für krankhaft Verirrte. Soeben ausgelesen: E.T.A. Hoffmann – „Die Elixiere des Teufels“ (1815)

hofeli

von David Wonschewski

Wer von Goethe höchstselbst, Zitat, als „krankhaft Verirrter“ bezeichnet wurde, derweil Sigmund Freud seine Werke nutzte um fundamentale Theorien über Ich-Verdopplung, Ich-Teilung und Ich-Vertauschung anzustellen, doch, der kann summasummarum zumindest schon einmal wissen, dass er nicht ohne Eindruck geblieben ist, nicht umsonst gewandelt hat auf Mutter Erden. Die „Elixiere des Teufels“, ursprünglich erschienen in zwei Bänden 1815/16, stellen das Romandebut von E.T.A. Hoffmann dar, dem zu Lebzeiten viel Gepriesenen, aber oftmals auch selbst Verteufelten. Aus  heutiger Sicht, das gilt zumindest für den deutschsprachigen Raum, die Geburt einer neuartigen literarischen Gattung: dem Schauerroman, der anno 2019 auch dem hübsch plakativen Bereich der „Schwarzen Romantik“ zugeordnet wird.

Dabei ist das Buch in erster Linie eine Art klerikaler Roadtrip, hübsch vermengt mit deftigen Sprengseln Sex and Crime. Als junger Mann kommt Medardus, der Protagonist, in ein Kapuzinerkloster, wo er, bescheiden und gottesfürchtig, zunächst eine formvollente Bildung erhält, um anschließend mit immer wichtigeren Aufgaben des täglichen Mönchbetriebs betraut zu werden. Dazu gehört auch, dass er die Verwaltung der diversen kirchlichen Reliquien erhält – und somit Zugang zu einem ganz besonderen Kleinod, das gut verschlossen in einem kleinen Schränklein verwahrt wird: Einer Flasche Wein. Die irgendwie mit dem Hl. Bernardus und, irgendwie, mit dem Teufel in Verbindung stehen soll, wie die Legende besagt. Der Teufel gab sie Bernardus, um ihn zu verführen. Der nutzte sie nicht, entsorgte sie jedoch auch nie. Und so kommt was kommen muss: Medardus, ein von Natur aus talentierter Prediger, kommt in einer mentalen Schwächephase nicht umhin zur Geistesbelebung heimlich von dem Fläschchen zu nippen. Mit eindrücklichem Erfolg, gar feurig geraten seine Reden, es strömt das Publikum herbei, allen voran das weltliche, kirchlichen Litaneien doch eigentlich so abgeneigte. Medardus wird ein kleiner Star, wähnt sich als was Höheres, vielleicht gar als ein besonders von Gott Gesalbter. Und nimmt, im Gegensatz zu seinem persönlichen Umfeld, nicht wahr wie ungut sich sein Charakter dadurch verändert.

Was er dafür wahrnimmt ist wie eng einem hochveranlagtem und charismatischem Charakter wie ihm die Grenzen der klösterlichen Umzäunung schnell zu eng werden. Hoch zur Sonne fliegen will der nach Höherem und Höchstem strebende Medardus – und loswerden ihn, den untragbar gewordenen Mönch, der Abt. Kurzerhand nimmt Medardus also das Angebot an für das Kloster eine wichtige Reise nach Rom durchzuführen – kommt jedoch nicht so weit, landet in einem Schloss, in dem sich ein wahrliches Emotionswirrwarr zwischen Baron, Baronssohn, Baronstochter und der viel zu jungen Neu-Baronesse a.k.a. Stiefmutter abspielt. Dort geht es dann ein wenig turbulent, ein wenig, nun „denver-clanmäßig“ zu, unser ambitionierter Weltlicher in spé besudelt sich mit Blut und schiebt erste feiste Filme aus Paranoia und Wahn, türmt, lässt bei seiner Flucht aber die ihn zur Fleischeslust bringende, zugleich ihm jedoch nicht sonderlich wohlgesonnene Baronstochter zurück. Er kommt in ein fremdes Dorf, wo jeder ihn zu kennen glaubt, heftet sich erst an die Fersen eines Friseurs, dann an die eines Postillons, nächtigt bei Förstern, Fürsten und Wirten und begegnet weiterhin absonderlichen Gestalten, die entweder vorgeben ihn zu kennen, Bescheid zu wissen über ihn und sein verderblich Wirbeln. Oder aber er begegnet solchen, denen die Allgemeinheit zuschreibt er, Menardus, zu sein. Doppel- und Wiedergängern. Wilde Angelegenheit, ein nahe an der Schizophrenie gebauter mentaler Parfoceritt, der noch gewürzt wird mit manch nebligen Schattenwesen, die unserem Protagonisten begegnen, in der Nacht, im Wald, im Schlaf, beim Sinnieren, beim Philosophieren.

Menardus wird in den Kerker geworfen, nach bester Inquisitorenart befragt, flagelliert und beutelt sich zudem auch noch selbst, trachtet sich selbst nach dem Leben wie auch andere ihm nach dem Leben trachten. Mit einem, seinem einzigen ständigen Begleiter: dem Wahnsinn.

„Die Burgglocke hatte zwölfe geschlagen, als sich wieder leise und entfernt das Pochen vernehmen ließ, das mich gestern so verstört hatte. – Ich wollte nicht darauf achten, aber immer lauter pochte es in abgemessenen Schlägen, und dabei fing es wieder an, dazwischen zu lachen und zu ächzen. – Stark auf dem Tisch schlagend, rief ich laut: Still ihr da unten! und glaubte mich so von dem Grauen, das mich befing, zu ermutigen; aber da lachte es gellend und schneidend durch das Gewölbe, und stammelte: Brü-der-lein, Brü-der-lein…zu dir her-auf….herauf…ma-ach auf…mach auf! – Nun begann es dicht neben mir im Fußboden zu schaben, zu rasseln und zu kratzen, und immer wieder lachte es und ächzte; stärker und immer stärker wurde das Geräusch, das Rasseln, das Kratzen – dazwischen dump dröhnende Schläge wie das fallen schwerer Massen.“

Dass die „Elixiere des Teufels“ seinerzeit, 1815, einschlugen wie, tja, vor gut dreißig Jahren Bret Easton Ellis mit seinem „American Psycho“ etwa, das ist unschwer vorstellbar. Zu heftig bricht er mit den wohltemperierten Formulierweisen damaliger Literaturkoryphäen, zu neu und zu radikal ist sein Ansatz abzutauchen in die Abgründe der Seele und des Glaubens, seine Schauergeschichte aus Sicht des Täters (oder auch Wahnopfers) zu erzählen. So richtig grausen kann das einen Leser des 21. Jahrhunderts natürlich nicht mehr, wie auch die klerikale Schuld und Sühne-Aufarbeitung in ihrer, ha!, gebetesmühlenartigen Litanei schnell zu enervieren weiß, um Längen nicht an die psychologische Tiefe der bürgerlich-aufgeklärten Dostojewski-Herangehensweise heranzureichen vermag. Ebenfalls als hinderlich betrachtet werden darf die Tatsache, dass Hoffmann seinen Stoff zwar als lupenreine Familien- und Generationensaga konstruiert, in der schlussendlich jeder mit jedem verwandt (oder doch zumindest im Bett) gewesen zu sein scheint – es ist des Beziehungsgestrüpps denn aber doch ein wenig zu viel, ab Seite 150 verliert man beinahe gänzlich den Faden, Fragezeichen gesellt sich zu Fragezeichen. Das mag zwar bewusst so konzipiert worden zu sein, um das innere Chaos von Menardus auch äußerlich zu belegen, schwächt jedoch leider die größte Stärke des Romans ab. Nämlich dass Hoffmann hier – kratzt man den ganzen Schmonz aus Kirche, Familie, 500 Beteiligten und jeder mit jedem einmal ab – exakt ( und quasi erstmalig)  die existenzphilosophische Verstörung illustriert, die beispielsweise der Filmemacher David Lynch („Mulholland Drive“) so hervorragend in Szenen zu setzen weiß.

Ein Klassiker, der trotz grober Schwächen gelesen werden sollte. Allein schon um zu verstehen, warum gewisse thematische und erzählerische Werkzeuge, die Hoffmann maßgeblich mitentwickelte, bis heute nicht wegzudenken sind aus Kunst und Kultur.

Leute, die eh offen sind für gewisse dunkel-elegante Strömungen selbstzerstörerischer Natur: müssen das Buch lesen.

Ein Kulturjournalist tobt sich aus – „Schwarzer Frost“, der bitterböse Debütroman von David Wonschewski.  Mehr Informationen zu diesem Buch entnehmen Sie bitte den Seiten dieses schattigen Blogs. Oder aber tummeln sich direkt HIER.

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